Dantes Verse

Verse schmieden

Von Jürgen Kaube
14.09.2021
, 14:37
Dantes Verse
Zum Abschluss der Dante-Serie in der F.A.Z. schauen wir auf die einzige Stelle der Commendia, in der nicht Italienisch gesprochen wird. Dante erweist damit dem Mann seine Reverenz, den er als Begründer der europäischen Poesie bewunderte.
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Ich bin Arnaut, der weint und singt,
Denk’ über vergangene Torheit nach,
Und freu mich auf die Lust, die Hoffnung bietet.

Ieu sui Arnaut, que plor e vau cantan,
consiros vei la passsadar folor,
e vei jausen lo joi qu’esper, denan.

(Purgatorio XXVI, 142-144, übersetzt von Wilhelm G. Hertz)

„Hier reimt sich alles“, hat der russische Lyriker Ossip Mandelstam einmal über italienische Wörterbücher gesagt. Tatsächlich sind nicht alle Sprachen gleich gut dazu geeignet, Poesie zu erfinden. Im Deutschen gibt es sogar ein Wort, auf das sich gar nichts reimt: Karpfen. Und es hat zahllose Worte, die, ebenfalls nicht gut für Sänger, überwiegend aus Konsonanten bestehen: jetzt, Herbst, Angstschweiß. Im Tschechischen soll es noch schlimmer zugehen.

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Doch zu Dante. In seiner Komödie gibt es eine einzige Passage, in der acht Verse lang eine andere Sprache als Florentinisch gesprochen wird. Im Fegefeuer begegnet er nämlich dem Dichter, den er – wie später Ezra Pound – als den Erfinder der europäischen Poesie auszeichnet. Es ist ein okzitanischer, im Périgord geborener Troubadour aus dem zwölften Jahrhundert, den er am Ende des XXVI. Gesangs trifft und der auf die Frage nach seinem Namen in der „langue d’oc“ – bei Dante: „de lingua d’oco“ – antwortet: „Ich bin Arnaut“.

Das ist ein Zitat. „Ieu sui Arnautz q’amas l’aura / E chatz la lebre ab lo bou / E nadi contra suberna“ heißt es in einem der etwa zwanzig Gedichte, die wir Arnaut zuschreiben können: „Ich bin Arnaut, der den Wind liebt / und Hasen jagt von einem Ochsenkarren aus / Und schwimmt gegen die Strömung.“ Dante, der wohl selten auf einem Ochsenkarren durch die Felder jagte, lobt Arnaut als den „besten Verseschmied“ (miglior fabbro) vor allem für seine Liebesgesänge und für seine Haltung zur seit den Troubadours anhängigen Frage, ob Poesie klar („trobar leu“) oder geheimnisvoll („trobar clus“) sprechen sollte. Arnauts Antwort war nämlich: weder konventionell, noch absichtlich verrätselnd, sondern den Komplexitäten des Dichtungsmotivs, Liebe, entsprechend und so dunkel wie diese. Die Auszeichnung der provenzalischen Sänger galt entsprechend deren raffinierter Nutzung der Volkssprache, die Dante schon in seinem Essay „De vulgari eloquentia“ dem Lateinischen vorgezogen hatte.

Gekämmtes und struppiges Vokabular

Allerdings auch das Italienische dem Provenzalischen, weil in ihm eine Art Veralltäglichung des zur Kunstsprache gewordenen Latein vorliege. Immerhin strömen acht Verse in der Sprache Arnauts, dessen Name wie der Florenz durchfließende Arno klingt, in die Komödie ein. Acht wohl auch deshalb, weil das die Strophenlänge vieler Troubadour­gesänge war. Dante setzt sie aus Zitaten dieser Lieder zusammen, ein Fest seitdem für Romanisten.

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Worauf einige von ihnen hingewiesen haben: Dante schätzte an der okzitanischen Sprache besonders, dass sich ihr Vokabular der Entgegensetzung von melodiösem und hartem Ausdruck entzog. Damals wurde, wie Maurice Bowra vor siebzig Jahren schrieb, zwischen einem „gekämmten“ und einem „struppigen“ Vokabular unterschieden. Als struppig erschienen vor allem einsilbige Worte mit wenigen Vokalen. Im Provenza­lischen lauten zentrale Worte so: pretz, critz, sers, quetz, portz, cert, belps. Für Dante lag die poetische Fähigkeit nun darin, weiche und harte Vokabulare gleichermaßen einzusetzen und aus ihrem Kontrast sängerische Einprägsamkeit zu gewinnen. Seine Poetik war eine der Fügung des Widerstrebenden: Alltagssprache und Dichtersprache, Süße und Härte, fließendes Singen und Zäsur, lokales Idiom und fremdes.

Es gibt, so gesehen, gar keine nationale Poesie. Oder besser: Dichtung verwirrt unter allen festen Unterscheidungen auch die nationalen. Auf merkwürdige Weise trägt dem Stefan George in seiner Übersetzung der Arnaut-Passage bei Dante Rechnung. „Ik ben Arnaut die ween en zingend klaag. / Ik die aldoor verleden waan betracht / En veugdvol hoop dat straks myn morgen daag’.“ George findet es also folgerichtig, das Provenzalische seinerseits in eine andere Sprache zu übersetzen, die sich für ihn zum Deutschen so verhält, wie das Okzitanisch Arnauts zu Dantes Italienisch. Und dabei kommt eine Art Niederländisch heraus. Im spielerischen Streit darum, wo die europäische Poesie entsprang, war das eine überraschende Antwort.

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Mit diesem Text endet unsere Serie Dantes Verse am 700. Todestag des Dichters, dem 14. September. Alle Folgen und ein Link zu Übersetzungen finden sich unter www.faz.net/dante

Im Oktober wird die gesamte Serie auch als Buch im Wallstein Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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