Dantes Verse

Das Zwinkern der Gnade

Von Heinrich Detering
08.08.2021
, 15:45
Dantes Verse
Die Commedia gilt als Buch der ständigen Verdammnis, weil vor allem das Inferno die Leser beeindruckt, doch das wird Dante nicht gerecht. Es gibt bei ihm wunderbare Momente der Erlösung.
ANZEIGE

so sah ich, wie während seiner letzten Worte – ich weiß es noch genau – die beiden gesegneten Lichter, ganz wie die Augen einträchtig auf- und zugehen, ihre Flämmchen zu den Worten bewegten.

sì, mentre ch’e’ parlò, sì mi ricorda
ch’io vidi le due luci benedette,
pur come batter d’occhi si concorda,
con le parole mover le fiammette.

(Paradiso XX, 145–148, übersetzt von Hartmut Köhler)

Am Eingang des Paradiso wird ein begreiflicherweise überraschter Dante von Cato dem Jüngeren empfangen, der einst seiner Tötung durch Cäsar zuvorkam, indem er sich entleibte. Ein heidnischer Selbstmörder im Paradies? Dantes Erstaunen wird nicht geringer, wenn der Wanderer bald auch den berühmten, aber ungetauften Heidenkaiser Trajan als Erlösten im göttlichen Licht schweben sieht, zusammen mit einem unberühmten trojanischen Helden, der in Vergils Aeneis erwähnt wird. Was geht hier vor? Dieser Frage nachgehen heißt, sich einem der Mysterien dieser Dichtung nähern. Es ist das Mysterium des Zusammenhangs von Gnade und Humor.

ANZEIGE

Bereits im zehnten Canto des Purgatorio hat der Wanderer Trajan erblickt, auf den Reliefbildern, die Gott selbst den aufwärtsstrebenden Seelen zur Ermutigung vor Augen stellt. Auf König David und die Gottesmutter folgt Trajan dort, als Idealherrscher und Vorbild mitleidiger Barmherzigkeit. Um seiner Hilfe für eine bittende Witwe willen, der er Sühne für die Ermordung ihres Sohnes verschaffte, ist, so erfahren wir, der im Inferno leidende Heide von Papst Gregorius freigebetet worden. Auf die Fürbitte des heiligen Mannes hin hat Gott ihn ins Himmelreich versetzt – nach Dantes Überzeugung als Ermahnung auch für allzu selbstgewisse Christen. Damit ist Trajan außer dem Wanderer selbst die einzige Gestalt der Commedia, die in allen drei Teilen der jenseitigen Welt vorkommt. Dass er im Inferno gewesen ist, erfahren wir in der zitierten Passage rückblickend; im Purgatorio erinnert Gottes eigenes Kunstwerk an seine barmherzige Tat; und im Paradiso wird ihm der Wanderer dann wieder begegnen – unter bemerkenswerten Umständen.

Das geschieht viele Cantos später, im zweiten Jupiterhimmel. Wieder überkommen den Wanderer Verwunderung und Zweifel angesichts eines Heiden im Himmel. „Che cose son queste?“, fragt er fassungslos: „Was soll das?“ Zwei Antworten erteilt ihm der Himmelsadler: erstens, dass „der Himmel einen gerechten Herrscher liebt“, und zweitens, dass „heiße Liebe und starke Hoffnung zusammen selbst den göttlichen Willen besiegen“. Und zwar deshalb, „weil er besiegt werden will und besiegt mit seiner Güte siegt“.

So also, erfährt Dante, kehrte selbst Trajan zurück „aus der Hölle, aus der man eigentlich nie herauskommt, um noch Gutes zu tun, in seine Gebeine zurück; dies war der Lohn für starke Hoffnung“ (di viva spene). Aber hat nicht auch er dort alle Hoffnung fahrenlassen müssen? Zweifellos. Aber von Trajans Hoffnung ist hier auch gar nicht die Rede, sondern von derjenigen eines anderen. Die Fürbitte des heiligen Gregorius ist gemeint, der sogar den göttlichen Willen bezwingen konnte – jenen Willen, der liebend gern durch Liebe besiegt werden will. So preist Dante nun, gemeinsam mit dem Himmelsadler, eine predestinazione, in der selbst das Gericht über die Sünder zur erlösenden Gnade werden kann.

ANZEIGE

Das aber ist ein Vorgang von äußerster, himmlischer Heiterkeit; Dante spricht von questo gioco. Der moderne Begriff des „Humors“ ist ihm fremd, aber deplatziert scheint er hier nicht, gewissermaßen als ästhetisches Äquivalent der Gnadenfreude. Denn wundersam humoristisch ist jedenfalls der ganz und gar erstaunliche Schluss, in den das Lichterfest dieses Paradies-Canto endlich mündet. Während der Himmelsadler noch redet, bemerkt der Wanderer, „wie während seiner letzten Worte – ich weiß es noch genau – die beiden gesegneten Lichter, ganz wie die Augen einträchtig auf- und zugehen, ihre Flämmchen zu den Worten bewegten“. Die gesegneten Lichter: Das sind in dieser Sphäre, in der ja überhaupt alle festen Körper in Lichterscheinungen aufgelöst sind, eben die beiden begnadeten Heiden, der große Kaiser aus Rom und der unbekannte Kämpfer aus Troja. Ihre Lichter beenden den Canto, indem sie sich „wie die Augen“ öffnen und schließen. Ja in der Tat: Sie zwinkern dem Wanderer zu.

Unendlich oft ist die Härte von Dantes Jenseitswelt betont worden, die grausam hoffnungslose Unendlichkeit der Höllenstrafen. Von dieser einen Stelle aus aber scheint der Lichtstrahl einer universalen Erlösungsmöglichkeit auf alle Insassen des Inferno zu fallen. Ein Lichtstrahl, der zwinkert.

ANZEIGE

Heinrich Detering lehrt Literaturwissenschaft in Göttingen.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE