Dantes Verse

Kosmische Fragen

Von Sibylle Anderl
04.08.2021
, 10:27
Dantes Verse
Wenn wir zum Himmel schauen, sehen wir Sternbilder. Dante sah mehr: eine gigantische Schöpfungsordnung, in der er Antworten auf die großen Fragen des Daseins suchte.

Darum muss dieser, der das ganze andre
Weltall mit sich bewegt, dem Kreis entsprechen,
Der höchstes Wissen birgt und höchste Liebe.

Dunque costui che tutto quanto rape
l'altro universo seco, corrisponde
al cerchio che più ama e che più sape:

(Paradiso XXVIII, 70-72, übersetzt von Hermann Gmelin)

Es gibt Dinge in der Welt, die über Jahrhunderte, vielleicht gar Jahrtausende hinweg Konstanten darstellen, ohne dem Wechsel der Moden, Lebenswelten und Weltbilder unterworfen zu sein. Derart hergestellte Überzeitlichkeit übt eine tiefe Faszination auf uns aus und erzeugt nicht selten ein Gefühl von Demut, indem es uns kurzlebige Individuen für einen Moment aus dem Strom historisch bedingter Kontingenzen erhebt. In Dantes Göttlicher Komödie sind wir mit mindestens zwei solcher Konstanten konfrontiert. Zum einen ist da die existentielle menschliche Verfasstheit, der Ausgangspunkt der Komödie im Gefühl der Verlorenheit, die Suche nach dem rechten Weg, die vielen Verlockungen, die uns von diesem abbringen können. All das ist uns heute noch so vertraut, als wäre seit Dante kaum Zeit vergangen. Doch nicht nur der Blick nach innen, auch der nach oben, zum Sternhimmel, verbindet uns mit Dante. Ihn teilen wir heute wie zu allen Zeiten mit unseren Vorfahren: die Sternbilder, das Band der Milchstraße, der regelmäßige Lauf der Himmelskörper, der die vergehende Zeit strukturiert.

Dantes Himmelsbeschreibungen beginnen in Inferno VII, 97–99: „Schon sinket jeder Stern, der aufgestiegen, als ich aufbrach, wir müssen uns beeilen.“ Eine Umschreibung dessen, dass die Mitte der Nacht zwischen Karfreitag und Ostersamstag erreicht ist – die Sonne befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Jahr nahe des Frühlingspunktes, und es herrscht etwa Tagundnachtgleiche. Auch in den folgenden Gesängen begegnen dem Leser immer wieder astronomische Referenzen, die ihn, so er mit dem Nachthimmel ausreichend vertraut ist, dazu befähigen, den Abstieg Dantes und seines Führers Vergil in die Hölle und die Wanderung auf den Läuterungsberg detailliert zu rekonstruieren. Es ist faszinierend, auf dieser astronomischen Ebene mit Dante eine gemeinsame raumzeitliche Orientierung aufzudecken, die auch heute in unserem wissenschaftlich dominierten Weltbild noch funktioniert – und dass das geht, scheint fast nahezulegen, nach noch mehr Elementen unserer heutigen Naturbeschreibungen zu suchen, die in Dantes Dichtung visionär aufscheinen mögen. Sind da nicht Referenzen auf optische Gesetze, die erst viel später formuliert werden würden (Purgatorio XV, 16)? Gibt es da nicht eine dichterische Beschreibung des Newton’schen Gravitationsgesetzes (Inferno XXIV, 109)?

Dass eine zu starke moderne Vereinnahmung Dantes aber an Grenzen stößt, weil dessen Himmel als Teil seiner Lebenswelt doch nur oberflächlich dem unseren gleicht, zeigt sich im letzten Teil der Komödie, wenn im Paradies die Kosmologie des Mittelalters zum Vorschein kommt. Das Universum besteht demgemäß aus einer Abfolge konzentrischer, rotierender Sphären, in deren Zentrum sich die Erde befindet – eine Vorstellung, die ursprünglich auf den Griechen Eudoxus von Knidos zurückgeht und später von Aristoteles weiter ausgearbeitet wurde. Die ersten sieben entsprechen den bekannten Körpern des Sonnensystems: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Die achte Sphäre hält den Fixsternhimmel, darüber befinden sich der Kristallhimmel und schließlich, als zehnte Sphäre, das Empyreum, der Wohnort Gottes. Das Empyreum ist bewegungslos, alles andere ließe seine Perfektion nicht zu. Der Kristallhimmel ist das Primum Mobile, dessen schnelle Bewegung den Schöpfer preist, geleitet durch die Seraphim. Die Bewegung wird von dort nach innen übertragen und bewegt zunehmend verlangsamt die inneren Sphären.

Dantes Kosmos ist ein Kosmos voller Bedeutung, seine Eigenschaften leiten sich vollständig aus einem religiösen Weltbild ab, alle Geometrie, alle Dynamik ist nicht bloßes Faktum, kein Selbstzweck, sondern Hinweis auf ein Höheres. Damit unterscheidet sich Dantes Kosmos grundsätzlich von unserem heutigen. Zwischen Dante und uns liegen Jahrhunderte, die durch das wachsende Auseinanderklaffen von Naturbeschreibung und religiöser Hintergrundfolie gekennzeichnet sind. Heute sind wir in der Lage, beides sauber zu trennen.

Und gleichzeitig bleibt die Kosmologie wohl derjenige Bereich innerhalb der Naturwissenschaften, in dem für viele Menschen außerhalb der Fachwissenschaft ein Bedeutungsdefizit spürbar bleibt, das zeigt sich immer wieder, wenn Kosmologie an die Öffentlichkeit kommuniziert wird. Warum ist unser Kosmos so, wie er ist? Warum gibt es uns Menschen? Was war vor dem Urknall? Der moderne Wissenschaftler kann sich auf seine Empirie zurückziehen, auf die Daten und mögliche Grenzen ihrer Aussagekraft verweisen. Für viele Menschen aber bleibt das unbefriedigend. Denn vielleicht ist das eine weitere Konstante, die uns mit Dantes Zeit verbindet: die menschliche Suche nach kosmischer Bedeutung.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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