Literaturfestival auf Island

Beim Anblick des Vulkans ist alles vergessen

Von Matthias Hannemann, Reykjavik
27.09.2021
, 07:38
So nahe kamen die Gäste des isländischen Literaturfestivals den Lava-Auswürfen des  Fagradalsfjall nicht, aber sie bestaunten ihn aus der Ferne.
Alle zwei Jahre lädt die isländische Hauptstadt Reykjavik zu einem internationalen Literaturfestival ein. Diesmal ein halbes Jahr verspätet und unter ganz besonderen Bedingungen.

Mitten in der Nacht, der Wind drückt gegen das Haus, die Werft liegt still vor dem Fenster, kommen doch die Bedenken: Ist der Besuch eines mehrtägigen Festivals im Ausland unter Covid-Gesichtspunkten nicht Wahnsinn? Und wie war das gerade, beim letzten Bier vor dem Kulturhaus Iðnó, mit den Abständen? Wurde nicht zu laut gelacht? Ein kurzer Anflug von Panik.

Man geht alles durch, was für Sicherheit spricht: Die vierte Corona-Welle, die Island Mitte Juli erfasste, ebbt seit drei Wochen ab. Sie bedeutete zwar mehr Infizierte als die Wellen zuvor, brachte aber dank der hier sehr hohen Impfrate kaum mehr Menschen ins Krankenhaus. Und ohne Test kommt derzeit niemand ins Land. Selbst Geimpfte müssen ihn machen, Ungeimpfte werden in Quarantäne gesteckt. Bei Innenveranstaltungen von bis zu zweihundert Besuchern herrscht Maskenpflicht.

Die übrigen Sorgen vertreibt am Morgen die Euphorie, die das Reykjavik International Literary Festival in diesem Jahr kennzeichnet. Es ist für viele Schriftsteller und Verleger, die sich auf der Insel mitten im Atlantik treffen, die erste internationale Veranstaltung nach anderthalb Jahren Isolation. „Es fühlt sich wie ein Wunder an, dass wir hier sind“, sagte die amerikanische Journalistin Barbara Demick zur Eröffnung, „auf einem Literaturfestival!“ Das war keine Floskel. Das kam von ganz tief herauf.

Familiäre Atmosphäre

26 Autoren stehen auf dem Programm, von denen dreizehn aus dem Ausland angereist sind; in normalen Jahren wäre es achtzehn bis zwanzig gewesen. Unter ihnen ist etwa der deutsche Schriftsteller Saša Stanišić, der die familiäre Atmosphäre des Festivals schon 2007 genoss und nun als Träger des Deutschen Buchpreises 2019 begrüßt wird, oder die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani, die für „Dann schlaf auch du“ 2016 den Prix Goncourt erhielt. Als Stargast schaut die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie vorbei, die noch sichtlich von ihrer Begegnung mit Angela Merkel in Düsseldorf am Vorabend ergriffen ist und mit ihrer keynote speech zum Thema Storytelling und Feminismus offene Türen einrennt.

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Tourismus in Island
Wohin das heiße Wasser lockt

Die Veranstaltungen, für die kein Eintritt erhoben wird, laufen nordisch-ungezwungen ab; die Autoren sind so nahbar, dass man mit ihnen nach den Veranstaltungen schnell ins Gespräch kommt. Die eigentliche Besonderheit besteht aber darin, dass die Schriftsteller und Verleger in der kleinen, gerade einmal 126 000 Einwohner umfassenden Hauptstadt während des Festivals ständig aufeinandertreffen.

„Sie befinden sich plötzlich auf dieser abgelegenen Insel mit einer überschaubaren Anzahl anderer Gäste, und wenn man sich nicht im Hotelzimmer einschließen will, ist man halt mit den anderen zusammen“, sagt der Schriftsteller Halldór Guðmundsson. Auch deshalb herrscht an den beiden Veranstaltungs­orten, dem Iðnó am Stadtteich und dem Nordischen Haus an der Universität, manchmal eine sehr gelöste, einer Klassenfahrt ähnliche Stimmung.

Verleger und Autoren spielen Fußball

Die Isländer versuchen, diese Atmosphäre nach Kräften zu schüren. Es gibt ein Fußballspiel zwischen Verlegern und Autoren, das Letztere („Poeten stehen nie im Abseits“ ist auf ihren Trikots zu lesen) in diesem Jahr für sich entscheiden. Und für ausländische Verleger, die an einem Fellowship-Programm teilnehmen, werden eigene Termine angeboten, bis hin zu einer Busfahrt zum Häuschen von Halldór Laxness. Die Universität holt für sie die ältesten Manuskripte aus dem Tresor. Der größte isländische Verlag, Forlagið, serviert bei einem Frühstück im Freilichtmuseum getrocknete Fischhappen und Schriftsteller wie Hallgrímur Helgason, der mit Hund und Hut ankommt, durchatmet und erzählt, soeben die Fortsetzung zu „60 Kilo Sonnenschein“ ans Lektorat geschickt zu haben.

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Andere Häuser wie der Verlag Bartur & Verold, der sich in einem Appartement in der Weststadt befindet, laden zu einem abendlichen Umtrunk. Ob er im Oktober auch zur Buchmesse nach Frankfurt komme? Der Gastgeber Pétur Már Ólafsson schüttelt lächelnd den Kopf und sagt, er möchte vor dem Weihnachtsgeschäft keine zwei Wochen Quarantäne riskieren: „In Island fühle ich mich sicher.“

Und immer stößt man auf dieselben Leute. Das gilt erst recht für die Verleihung des Laxness-Preises an Elif Shafak durch die links-grüne Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir (eine studierte Literaturwissenschaftlerin, die ihre Masterarbeit über Arnaldur Indriðason schrieb) und einen Empfang beim Staatspräsidenten Guðni Thorlacius Jóhannesson. Der gelernte Historiker, der charmant einfließen lässt, in den Neunzigern Werke von Stephen King ins Isländische übertragen zu haben, residiert auf dem historischen Herrenhof Bessastaðir und damit just auf jenem Gelände, auf dem einst der „Homer des Nordens“, der Skalde Snorri Sturluson, einen Hof besessen haben soll.

Auszeichnung mit dem Falkenorden

Bereits kurz vor der Veranstaltung hat Jóhannesson Regina Kammerer, Verlagsleiterin von BTB und Luchterhand, die seit 25 Jahren isländische Autoren nach Deutschland bringt, mit dem isländischen Falkenorden bedacht. Nun zeichnet er im größeren Kreis die deutsche Übersetzerin Tina Flecken und ihre norwegische Kollegin Tone Myklebost mit dem Übersetzerpreis Orðstír aus. Neben ihm: seine Ehefrau Eliza Reid, die gerade ein Buch über starke Frauen aus Island geschrieben hat. Vor dem Haus: wohl nur ein einziger Wachmann. Im Keller: museal aufbereitete Ausgrabungen, die irgendwie (Knochen!) auch die Szenerie für einen winterfinsteren Island-Thriller abgeben könnten.

Nichts von alledem verfehlt seine Wirkung. Schon zum isländischen Gastland-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse von 2011, der wegen der Weltfinanzkrise mit immensen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, diese Schwierigkeit jedoch geschickt in sein Narrativ einzubinden verstand, wickelte der Inselstaat die Buchwelt mit einer betont unprätentiösen Außendarstellung um den Finger. Seither werden, so heißt es auf einem Festival-Panel, an dem auch der Frankfurter Buchmesse-Direktor Jürgen Boos teilnimmt, rund hundert isländische Bücher pro Jahr in andere Sprachen übersetzt; vor 2011 sollen es nur dreißig bis vierzig gewesen sein.

Das Internationale Literaturfestival von Reykjavik, das seit 1985 jedes zweite Jahr stattfindet, funktioniert PR-technisch ähnlich. Wobei dabei nicht alles Kalkül ist: Die Isländer sind einfach stolz auf ihre Literaturszene und leidenschaftlich bei der Sache. Das steckt an.

Die Direktorin des Festivals, Stella Soffía Jóhannesdóttir, gehörte 2011 zum Team für Frankfurt. Wo immer sie in diesem Jahr auftaucht (also überall), wird sie enthusiastisch gelobt. Noch vor Kurzem war alles andere als klar, ob das Festival, das eigentlich im Frühjahr stattfinden sollte und mit Blick auf die Covid-Situation in den September verschoben wurde, wirklich stattfinden würde. Zwar schien die Lage in Island im Juni derart günstig zu sein, dass die Regierung die Corona-Maßnahmen aufhob, und zur Erleichterung der vielen Betriebe, die vom Tourismus abhängen, öffnete sie auch wieder die Grenzen. Infektionen gab es damals kaum noch.

Aber dann kam Welle vier, die auch viele Geimpfte erfasste, und neue Auf­lagen ließen nicht lange auf sich warten. Erst in der zweiten Augusthälfte, als die neue Welle gebrochen war, konnten die Vorbereitungen konkret beginnen. Während die Unsicherheit blieb. Wie viele von jenen, die Interesse signalisiert hatten, würden jetzt noch zusagen und tatsächlich kommen? Reisen in Covid-Zeiten ist nicht banal. Nicht zuletzt schwang die Angst mit, selbst vor dem Festival zu erkranken. Oder durch die eigenen Kinder, von denen Jóhannesdóttir vier hat, in Quarantäne gesteckt zu werden.

Diese Sorgen sind seit der Eröffnung vorbei. Nur „zwei oder drei“ Gäste, die ursprünglich kommen wollten, sagten im Vorfeld ab. Bei der Anreise der übrigen lief mit Ausnahme eines Gastes, der sein Flugzeug verpasste, alles glatt, und jetzt sind die Säle ausnahmslos voll. Jóhannesdóttir läuft durch die Veranstaltungen und strahlt. Mehr als die aktuell zulässigen zweihundert Besucher pro Veranstaltung, sagt sie, gab es auch in Zeiten ohne Covid eigentlich nie.

Einzelnes aus dem bunt zusammengewürfelten, ständig im Ton wechselnden Programm herauszugreifen ist schwer. Aber der Auftritt von Monika Fagerholm, die 2020 für ihren Roman „Vem dödade bambi?“ (Wer tötete Bambi?), die Geschichte einer Gruppenvergewaltigung, den Literaturpreis des Nordischen Rates erhielt, hallt schon stark nach. Sie sitzt auf einem Podium mit der hellwachen Gerður Kristný, die sich in lyrischer Form mit einem echten Frauenmord befasst, und der norwegischen Thrillerautorin Helene Flood, die hauptberuflich eine auf Gewalt gegen Frauen spezialisierte Wissenschaftlerin ist, und wirbt mit Verve für künstlerische Versuche, die Stille bei Themen wie diesen zu brechen und dabei eine Sprache zu finden, die eben nicht die Sprache der Medien ist.

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Die Journalistin Barbara Demick, die ehedem über den Ausbruch des Bosnien-Kriegs berichtete, trifft auf den Kriegsflüchtling Saša Stanišić, der seine Geschichte literarisch zu rekonstruieren versuchte. Beide lesen Szenen über den April 1992, und man merkt sich, dass Demmick die derzeitige gesellschaftliche Unruhe in den Vereinigten Staaten manchmal wie jene in Bosnien kurz vor 1992 erscheint.

Auf andere Weise emotional gerät der Auftritt des syrischen Romanciers Khaled Khalifa, der in „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ von einem Roadtrip durch seine kriegsverheerte Heimat erzählt und in Reykjavik gleich zu Beginn den Unterschied zwischen Island und Syrien markiert: „Euer Leben ist sehr glücklich, denke ich. Ihr habt hier alles, für eure Kinder, in euren Häusern, für eure Zukunft. Wir haben Bürgerkrieg und nur traurige Geschichten.“

Leïla Slimani wiederum, die in „Das Land der Anderen“ von ihren Großeltern erzählt, sinniert gemeinsam mit der isländischen Dichterin Halla Þórlaug Óskarsdóttir und der amerikanischen Autorin Nadja Spiegelman, die in „Was nie geschehen ist“ über ihre Mutter und Großmutter geschrieben hat, über die „erratische Natur des Gedächtnisses“. Wobei Slimani nebenher den ganzen Saal mit einer Anekdote aus ihrer Kindheit unterhält: einer mit leuchtenden Augen präsentierten Momentaufnahme, in der die ganze Magie guter Literatur zum Ausdruck kommt. Sie war damals ungefähr acht, las Dostojewski, fühlte sich danach, als wäre sie in einem früheren Leben eine im Wald umgebrachte Zarentochter gewesen, und ging trotz der marokkanischen Hitze mit Pelz und großem Hut in die Schule: „Ich liebe die Vorstellung, jemand anders zu sein.“

Und dann geschieht etwas, das weniger dem Geschick der Organisatoren als dem Gespür der isländischen Landschaft für Drama zu verdanken ist. Es ist der letzte Abend, das Festessen für Autoren und Verleger ist vorbei, der „Buch-Ball“ im Iðnó läuft, die Leute tanzen und trinken, stehen um das historische Holzgebäude herum. In vielen Gesprächen ist weiterhin davon die Rede, dass es sich unwirklich anfühle, wieder so richtig, fast so wie früher, unter Menschen zu sein. Plötzlich überall Rufe: „Kommt raus! Kommt raus!“

Eine knappe Woche war vom Vulkan Fagradalsfjall nichts mehr zu sehen gewesen. Der Ausbruch, der im Frühjahr begonnen hatte, schien endgültig vorbei. Jetzt spukt der Berg wieder Feuer, und das ist trotz der Entfernung als rotes Schimmern in den Wolken des Nachthimmels zu sehen. Wie sehr die Welt auch noch immer von einem Virus beherrscht wird: in diesem Augenblick ist es endgültig vergessen.

Quelle: F.A.Z.
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