FAZ plus ArtikelEin Dichter in Rom

Die große Überforderung

Von Durs Grünbein
21.08.2020
, 11:17
In seiner Zerrissenheit ist Italien ein Musterfall europäischer Erfahrung. Als wir nach dem Lockdown in unser römisches Wohnviertel zurückkehren, staunen wir, wie weltunabhängig das Land dem Leid trotzt. Ein Gastbeitrag.

Das Ganze ist wie ein Albtraum, aber einer, der sich bei Tage abspielt, aus dem es kein Erwachen gibt, ein Albtraum, der nicht mehr aufhört. Ein Erreger rast um die Welt, infiziert Millionen, tötet Hunderttausende, und in welches Ausland du auch kommst, er ist immer schon vor dir da. Allgegenwärtig hängt er als Drohung in der Luft, buchstäblich in Form von Aerosolen, die einem auf der Nase tanzen und den Einzelnen zur sozialen Distanz zwingen. Bis in die feinsten Verästelungen des Alltags zwingt dieser unsichtbare Gegner den Menschen seinen Stil auf, wie etwas, das einen eigenen Willen hat. Zumindest eine eigene Biostrategie, die wir erst nach und nach entschlüsseln.

Die Welt hat nur noch ein Thema, die Nachrichten treten auf der Stelle, seit Monaten gibt es nur noch diese eine Aufmacherstory, retardiert das Drama mit dem Titel Covid-19. Aber auch das Gerede darüber dreht sich immer nur im Kreise, fesselt das Denken, das für so viele Weltprobleme benötigt wird, bindet alle politischen Kräfte. Es ist ein Angriff auf vielen Ebenen, eine Multiplikation von Problemfaktoren, in jedem einzelnen Menschenleben, in der Gesellschaft als ganzer, mit tiefgreifenden Konsequenzen für das Gesundheitswesen, die Kultur und die Wirtschaft vieler Länder, ja für die Staatengemeinschaft insgesamt. Sicherlich, eine Pandemie mit einem neuartigen Influenzavirus, das dieses Mal die Weltbevölkerung betrifft, fördert jede Menge Detailwissen zutage, historisch aber doch nichts wirklich Neues. Oder zeichnen sich jetzt schon Lernprozesse ab, die uns wappnen könnten gegen die nächste Kollektion todbringender Viren aus den Laboren der Natur (oder denen des Menschen, die es offiziell gar nicht geben darf)?

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Goethe-Vigoni-Discorsi

Die Frankfurter Goethe-Universität konnte in diesem Jahr ihren traditionellen „Europasommer“ nicht ausrichten. Er sollte 2020 den Beziehungen Frankfurts zu seiner Partnerstadt Mailand und den Beziehungen Hessens zu seiner Partnerregion Emilia-Romagna gelten. Die Corona-Pandemie hat nicht nur die entsprechenden Veranstaltungen verhindert, sondern die deutsch-italienischen Beziehungen selbst auf eine besondere Bewährungs-, ja Belastungsprobe gestellt.

So kam der Gedanke auf, ersatzweise Angehörige unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen und gesellschaftlicher Felder zu bitten, in Essays überschaubarer Länge ihren Blick auf die Welt mit Corona festzuhalten. Zusammen mit der Hessischen Staatskanzlei, dem italienischen Generalkonsulat und der Villa Vigoni, dem Deutsch-Italienischen Zentrum für den Europäischen Dialog, soll so ein Gedankenaustausch organisiert werden – bevor im Sommer 2021 hoffentlich wieder deutsch-italienische Begegnungen auf dem Campus der Goethe-Universität möglich sein werden und das Fest nachgeholt wird.

Wir drucken in lockerer Folge Beiträge dieser „Goethe-Vigoni-Gespräche“ im Feuilleton der F.A.Z. und veröffentlichen sie im Internet. Den Anfang machte ein Text des Dalai-Lama, des einstigen Oberhaupts der tibetischen Exilregierung und geistlichen Oberhaupts der Tibeter. Es folgte ein Beitrag des ehemaligen österreichischen Bundesministers und EU-Kommissars Franz Fischler.

Quelle: F.A.Z.
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