Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki

Es war viel leichter, als ich mir das vorgestellt hatte

Von Frank Schirrmacher
04.06.2008
, 12:34
Marcel Reich-Ranicki am 30. Mai 2008 in seinem Frankfurter Büro
In diesem Sommer ist es fünfzig Jahre her, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland übersiedelte. Wie kam er in dem Land zurecht, das ihn einst hatte umbringen wollen; wie begegnete man ihm hier? Und wie wurde er zu dem, als den wir ihn heute kennen?
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In diesem Sommer ist es fünfzig Jahre her, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nach Deutschland übersiedelte. Wie kam er in dem Land zurecht, das ihn einst hatte umbringen wollen; wie begegnete man ihm hier? Und wie wurde er zu dem, als den wir ihn heute kennen?

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Lieber Herr Reich-Ranicki, Sie sind jetzt fünfzig Jahre in der Bundesrepublik. Das ist viermal so lang, wie das Dritte Reich gedauert hat.

Es gibt eine Sache, über die habe ich im Buch „Mein Leben“ schon geschrieben. Aber die Sache ist sehr wichtig: Einige meiner Mitschüler, mit denen ich das Abitur am Fichte-Gymnasium in Berlin gemacht habe, haben ein Treffen mit den noch lebenden sieben, acht Schülern organisiert. Das war in den sechziger Jahren und für mich ein großes Erlebnis. Eine unerhörte Überraschung. Die haben mich natürlich aufgefordert zu kommen. Meine Schwester fand das überhaupt nicht gut. „Wozu gehst du da hin, was willst du mit den Leuten zu tun haben?“ Ich sagte, die interessieren mich sehr. Sie haben mir persönlich nichts angetan. Sie haben die drei Juden in der Klasse tadellos behandelt. Ich will sie sehen. Ich will hören, was sie jetzt dazu sagen.

Und wie verlief das Treffen?

Es war eine große Enttäuschung für mich. Ich sagte: „Meine Lieben, ich will euch eine Frage stellen. Ich habe an euch alle, im Warschauer Getto, nach dem Getto, gedacht und immer wieder gedacht. Sollte ich überleben und euch einmal treffen, dann müsste ich euch eine Frage stellen: Wie war das möglich, dass ihr uns, den wenigen Juden der Klasse, nichts angetan habt? Das hätte ich gern gewusst. Ihr standet alle - natürlich kann euch das keiner vorwerfen - unter dem Einfluss der antisemitischen Propaganda mit diesen ,Stürmer'-Kästen, in denen Juden zu Untermenschen erklärt wurden. Und ihr habt uns ganz normal behandelt, wie alle anderen Schüler auch. Wir wurden nicht schikaniert, wie war das möglich?“ Da sagte der Schüler Axhausen: „Da siehst du eben, dass du es falsch gesehen hast. Diese Propaganda war gar nicht so stark. Wir standen gar nicht unter ihrem Einfluss. Wir wussten, dass der Wolfgang Harig, Schalscha und du, dass ihr alle sehr anständige Schüler wart. Schalscha war ein glänzender Hundertmeterläufer. Du warst der beste Schüler in Deutsch.“

Haben die beiden überlebt?

Harig weiß ich nicht. Der ist nach Australien ausgewandert.

Haben Sie sich jemals so einen Stürmerkasten angeguckt?

Ja.

Was denkt man dann?

Ich war ja schon an antisemitische Werbeaktionen gewöhnt. Widerlich.

Aber waren Sie da nicht entsetzt?

Das war typisch für diese Verhältnisse. Mein Bruder, der Zahnmedizin studierte, hatte einen Freund, Walter Bolte, der auch Zahnmedizin studierte und oft zu uns nach Hause kam. Viel Geld hatte er offenbar nicht, an dem Abendessen war ihm gelegen. Darüber haben wir nie mit ihm gesprochen, was sich da abspielt. Er sagte, das sei doch nicht ernst zu nehmen: Bücher werden verbrannt. Drei, vier Monate später sagte er bei uns am Tisch, wir waren alle da: „Na ja, ich habe mich entschlossen, der Armee Hitlers beizutreten.“ Ich fragte: „Welcher Armee?“ Er sagte: „Der SS.“ Wir waren entsetzt.

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Kam er je wieder?

Zu uns kam er nicht in Uniform. Es war schon eine merkwürdige Zeit.

Ernst Jünger, den Sie nicht mögen, hat einmal beschrieben, wie er durch Paris ging und ihm ein Jude mit dem Stern entgegenkam. Er fand das so schrecklich, dass er vor dem Juden salutierte und ihm eine Ehrbezeugung machte. Und dieser Jude hat sich später gemeldet und gesagt: Ja, das stimmt. Sind Sie jemals auf etwas gestoßen, mit dem Ihnen jemand signalisiert hätte: Ich kann das nicht akzeptieren, was hier passiert?

Nein. Ich hatte vor allem eines nicht: Ich habe nie irgendwelche antisemitischen Ausschreitungen gegen mich erlebt. Es gibt noch eine Sache, die ich in dem Zusammenhang damit erlebt habe. Davon erfuhr ich später, hier in der Bundesrepublik, aus der Zeitung: Es gab den Jüdischen Kulturbund. Der Jüdische Kulturbund war ein Theater in der Berliner Straße. Es war gar nicht weit, in der Gegend, wo heute das Schauspielhaus ist. Dann gab es noch das Theater in der Kommandantenstraße. Täglich waren die Vorstellungen um acht Uhr. Halb, drei viertel acht gingen auf der Kommandantenstraße viele Juden zum Theater. Und niemandem ist etwas passiert.

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War es organisierter Antisemitismus?

Ja. Es gab keine Ausschreitungen.

Es gab schon welche, in kleinen Städten und in Bayern.

Aber Berlin und auch Hamburg waren relativ ruhig. Ich meine, dass so jemand mich mal angepöbelt hat, das war eine Sache, das war lächerlich. Da standen zwei, drei Leute an der Straßenbahn-Haltestelle und warteten, darunter ein Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren, gar nicht so schön. Ich guckte so verwundert auf dieses Mädchen. Und der Mann sagte zu mir: „Na, das gefällt euch, was?“ Das gefiel mir gar nicht. Es gab auch Dinge, die ich nicht begreifen konnte: dass die Heine-Gedichte aus den Lesebüchern entfernt wurden. Das war verrückt. Und Mendelssohns Violinkonzert durfte nicht mehr gespielt werden.

Hatten Sie Interesse an Hitler?

Das allergrößte. Ein unerhörtes Interesse. Was ist das für ein Mensch, dieser Wahnsinnige? Das fragten alle unsere Bekannten, Juden, wenige Nichtjuden. Aber er hatte Einfluss auf die Leute.

Und Goebbels?

Da sah man sofort, das war ein ganz anderer Typ, viel intellektueller.

Sind Sie mit Blick auf die Vergangenheit mit Sorge in das Land derer gekommen, die Sie vertrieben hatten?

Ja, ich bin vor fünfzig Jahren mit Sorge nach Deutschland gekommen. Die wichtigste Sorge war: Wovon werde ich leben? Werde ich eine berufliche Tätigkeit finden? Und da ich befürchtete, dass mir das nicht gelingen würde, habe ich mir in Warschau große alte - weil die alten gut waren - Wörterbücher Polnisch/Deutsch, Deutsch/Polnisch beschafft, weil ich damit rechnete, ich werde keine Arbeit finden. Vielleicht, dachte ich, werde ich Übersetzungen aus dem Deutschen ins Polnische oder umgekehrt machen. Ich habe von diesen Wörterbüchern, die bis heute in meiner Wohnung liegen, nie Gebrauch gemacht, denn ich habe gleich Arbeit gefunden. Es ging eigentlich viel leichter, als ich es mir vorgestellt hatte.

Es war die Bundesrepublik Konrad Adenauers, das Jahr 1958. Hatten Sie mit ihm, dem politischen Deutschland von damals irgendetwas verbunden?

Na ja, ich habe schon gesehen, dass das natürlich kein nationalsozialistischer Staat war, aber auch kein Staat, der gegen den Nationalsozialismus zu wirken die Absicht hatte. Ich war ja informiert, vor allem durch Zeitungen, Zeitschriften, die in der DDR erschienen, und aus diesen Zeitschriften gingen schlimme Sachen hervor: vor allem, dass Leute, die ziemlich hohe Positionen im nationalsozialistischen Deutschland innehatten, auch jetzt wieder, also 1958, in Deutschland wichtige Stellungen bekleideten. Na ja, dass die Minister in Bonn zum Teil ehemalige SS- oder SA-Leute waren: Das alles wusste ich mehr oder weniger aus den Zeitungen der DDR. Meine Frau und ich haben jedenfalls ziemlich deutlich gesehen, wie die Atmosphäre ausschaute in diesem Land. Wir waren hier in Frankfurt von Kollegen zum Abendessen eingeladen und Ähnliches. Es war alles ganz angenehm bis gegen elf Uhr; da änderte sich die Stimmung. Man fing von der Vergangenheit an, von der Ost- und Westfront. Die haben draufloserzählt und erinnerten sich plötzlich daran, dass wir da waren, und mit Rücksicht auf uns beherrschten sie sich und erzählten nicht weiter.

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Hat man sich dabei nach Ihren Familien erkundigt?

Nein, das gab es nicht.

Spürten Sie, dass die Leute Ihnen gegenüber verlegen waren?

Ja, das Wort „verlegen“ ist gut. Wissen Sie, was mich da in diesen Monaten in Frankfurt besonders berührte? Es wird Sie wundern. Ich ging zu einem Postamt, um drei, vier Artikel von mir per Post wegzuschicken. Ich hatte Angst, die können verlorengehen, und die schickten sie weg, eingeschrieben. Und der Postbeamte schob mir den Zettel zu, und ich sagte: „Der gleiche Zettel wie in meiner Jugendzeit, es ist ja genau der gleiche.“

Es gibt also Dinge, die gleich blieben?

Es waren viele Sachen, Fahrscheine waren beispielsweise gleich geblieben.

War Ihnen das unheimlich?

Nein. Irgendwie berührte es mich, da konnte ich mich zu Hause fühlen.

Dann kam der Fall Eichmann, 1961. Hat Sie das bewegt oder interessiert?

Ich war relativ kurz hier, und da war der Auschwitz-Prozess, der war viel früher als der Eichmann-Prozess. Man erzählte mir, dass der Flieger, der Eichmann von Buenos Aires nach Tel Aviv flog, ein gemeinsamer Bekannter war: Ernst Treuherz. Ein Jude. Den Namen Eichmann hatte ich aber nie im Leben gehört. Den gab es nicht in der Öffentlichkeit. Dann fiel mir auf, dass, um es etwas zu übertreiben, in der Bundesrepublik am Eichmann-Prozess in Israel und am Frankfurter Auschwitz-Prozess niemand interessiert war. Niemand ist vielleicht übertrieben. Aber das wunderte mich auch gar nicht, denn ich war auch nicht daran interessiert. Warum? Ich wusste es: wie die Menschen, die Juden gequält und gemordet wurden. Und ich war so beschäftigt.

Aber war es für Sie keine Genugtuung, dass der Eichmann gefasst wurde? Und haben Sie nicht gedacht - Stichwort Banalität des Bösen, Hannah Arendt -, vielleicht finde ich da eine Antwort, warum die uns alle so antisemitisch verfolgten?

Nein, ich habe nichts erwartet.

Wo reisten Sie in die Bundesrepublik ein? Und wie wiesen Sie sich an der Grenze aus? Wurden Sie von den Verfassungsschutzorganen befragt?

Ich kam mit der Bahn. Es war an der polnischen Grenze zu Frankfurt an der Oder. Dort wurde mein Pass kontrolliert, und das war es dann auch. Dann haben sie meinen Koffer noch etwas kontrolliert, nicht gründlich. Danach kam ich über Berlin nach Frankfurt am Main. Hier wartete mein Onkel auf mich, der jüngere Bruder meiner Mutter. Der hat für mich zwar nicht die Verantwortung übernommen, aber er hat mir geraten: „Hör auf mit Polen und komm hierher. Eins kann ich dir versichern: Es ist noch kein Jude in dieser Bundesrepublik vor Hunger gestorben. Du wirst schon irgendeine Tätigkeit finden.“ Er hatte recht. Ich brauchte eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis. Das gelang auch ohne Schwierigkeiten. Da wurden solche Fragen gestellt: Wer wird Ihre Unterkunft, Ihr Leben hier finanzieren? Da habe ich gesagt: Ich arbeite hier schon, ich schreibe Kritiken für die „Welt“, die F.A.Z. und den Rundfunk. Davon kann man leben, sagte ich, nur knapp, sehr knapp, aber man kann schon.

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Wann bekamen Sie die deutsche Staatsangehörigkeit? Sie hatten ja ein Anrecht darauf.

Das war alles ganz einfach. Ich wusste gar nicht, dass ich gar nicht groß um die deutsche Staatsangehörigkeit bitten musste. Es waren zwei Dinge dazu nötig: Wer damals nach Deutschland kam, bekam, wenn er es wünschte, die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn er erstens eine deutsche Schule besucht hatte, ganz egal, wo, und wenn er zweitens einen Verwandten hatte, jemand, der seinen Aufenthalt zu finanzieren bereit war. Ich konnte nachweisen, dass ich das Abitur in Deutschland gemacht hatte - ich hatte ja aus Berlin das Abitur mitgebracht -, und mein Onkel, gab mir eine eidesstattliche Erklärung.

Als Sie dann hier waren, unter lauter Deutschen, hatten Sie da ein mulmiges Gefühl? Sie hatten das letzte Mal mit Deutschen im Getto zu tun. Dachten Sie oder Ihre Frau nicht oft daran, dass das ja im Grunde noch die Generation der Täter war, oder war das durch die Routine des Alltags gar nicht mehr präsent?

Es ist so, wie Sie es sagen: So sehr präsent war es nicht, weil wir im Alltag ja sehr in Anspruch genommen wurden - eine Wohnung finden, Geld für die Miete verdienen, derartige Sachen. Wir hatten keine Handtücher, keine Bettwäsche, keine Möbel.

Wer finanzierte das? Der Onkel?

Nein, ich hatte etwas Geld, weil ich in der letzten Zeit in Polen ein paar Artikel für die „Welt“ und die F.A.Z. geschrieben und das Geld hier in der Bank deponiert hatte. Außerdem hat der Onkel mir auch etwas Geld zugeschoben. Und dann kam die Entscheidung, von Frankfurt nach Hamburg zu ziehen.

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Hatte das mit der „Zeit“ zu tun?

Ich hatte mich entschieden, nach Hamburg zu gehen, bevor ich einen festen Vertrag mit der „Zeit“ hatte. Ich war nicht so sicher, was mit den Juden in Deutschland noch sein würde. Es war alles noch etwas unsicher. Ich hatte große Lust, nach Hamburg zu gehen, weil der Intendant des Theaters Gustaf Gründgens war, der Schauspieler, der Regisseur meiner Jugend; auch, weil ich in Hamburg Siegfried Lenz kannte, der mir sehr geholfen hat. Schließlich war die englische Schule für meinen Sohn dort. Und ich konnte noch beim NDR und der „Welt“ arbeiten.

Friedrich Sieburg sagte damals: Dem Reich-Ranicki können wir polnische Literatur geben.

Na ja, das war ja klar. Mir haben verschiedene Leute aus der Branche Ratschläge gegeben, und zwar ohne dass ich sie darum gebeten hatte. Zwei waren ganz interessant. Den einen Ratschlag gab mir, glaube ich, der Chef der Kulturabteilung im NDR: „Sie müssen sich hier einführen als ein Spezialist für polnische Literatur, sie müssen der Papst für polnische Literatur werden.“ Das erzählte ich am nächsten Tag dem Feuilleton-Chef der „Welt“, Georg Ramseger, und der sagte: „Das ist das Falscheste, was Sie tun können. Sie werden ganz wenig Arbeit haben. Sie müssen alles machen, die ganze Literatur, alle Schriftsteller.“ Ich wollte weder das eine noch das andere.

Im Grunde war es ungeheuerlich, dass Sie in einem Land lebten und die Literatur dieses Landes liebten, das Sie umbringen wollte.

Das hat sich von selber ergeben. Es gab ein Problem: Wovon werde ich hier leben? Mein Sohn war bei meiner Schwester in London, meine Frau war hier. Meiner Schwester und ihrem Mann ging es materiell sehr schlecht. Ich musste Geld verdienen, es gab keine andere Möglichkeit, als Artikel zu schreiben. Da hatte ich nicht die Zeit, noch Zeitungsartikel zu lesen. In denen stand ja drin, dass die Deutschen alle gemordet haben. Das wussten wir aber, das hatten wir ja gesehen.

Sie hatten ja schon in Polen DDR-Literatur rezensiert, und nun begannen Sie neu. „Hüben und Drüben“ hieß die erste Kolumne, Literatur in Ost und West. Wann erschien Ihre erste Anthologie, und wie war die Resonanz?

Das ging langsam. Es ist sehr charakteristisch und typisch für das damalige Deutschland: Niemand hat sich darum gekümmert, niemand wollte so etwas von mir haben. Ich machte etwas für den Rundfunk. Ich habe denen vorgeschlagen, ich könne eine Serie über die Schriftsteller aus der DDR machen. Na gut, die Serie wurde gemacht. Dann kam Georg Ramseger nach Frankfurt, der Wichtigtuer. Der machte diese Reisen durch die Bundesrepublik zu seinen Mitarbeitern zweimal im Jahr. Er fragte: „Was arbeiten Sie so hier?“ Ich sagte, unter anderem schreibe ich eine Serie über Schriftsteller aus Ost-Berlin für den Rundfunk. Er sagte: „Diese Serie werden Sie für uns auch machen.“ Ich sollte in der „Welt“ jeden Samstag die rechte Spalte der Literatur füllen mit einem Porträt eines Schriftstellers aus der DDR.

Wie viel Geld gab es dafür?

150 Mark ungefähr. Ich habe die Autoren vorgeschlagen, und er hat sich geniert zuzugeben, dass er viele davon gar nicht kannte: Arnold Zweig, Anna Seghers.

Wie war die Reaktion in der Bundesrepublik auf Ihre Vermittlungsbemühungen zur DDR?

Eine Sache muss ich erzählen, weil ich sie nie aufgeschrieben habe: Mich hat ein Leser gefragt: „Wie ist das eigentlich, hier war ein neuer Schriftsteller aufgetaucht, ein Lyriker, der war sehr anerkannt und gefeiert: Paul Celan. Und Sie sind nach Deutschland gekommen und haben nicht über ihn geschrieben. Warum nicht?“

Und? Warum nicht?

Weil ich den Namen nicht kannte! Können Sie sich das vorstellen? Ich kannte in Polen nur DDR-Literatur. Die bundesdeutsche Literatur kam dort nicht an. Ich kannte auch den Suhrkamp-Verlag nicht.

Irgendwann erfuhren Sie, dass Ernst Bloch und Hans Mayer im Westen waren.

Dass Sie alles anders sehen als ich, ist sehr typisch! Der Mayer kam doch erst, als ich schon lange da war. Ernst Bloch kam aus privaten Gründen.

Hatten Sie mit Mayer etwas verbunden?

Ich hatte mit wenigen Leuten aus der DDR so viel verbunden wie mit ihm. Ich kannte ihn natürlich, weil ich alle Bücher über die DDR-Literatur aus der DDR bekam. Das waren sehr wenige, unter anderem die zwei, drei Bücher, die es von Thomas Mann gab - ich sage „Thomas Mann“ nicht zufällig, weil darunter auch ein Buch von Hans Mayer über Thomas Mann war. Als ich das erste Mal in der DDR war, gab es Plakate auf der Straße, die zeigten einen Vortrag von Hans Mayer über Gerhart Hauptmann an. Ich habe mich bei ihm gemeldet. Er kannte meinen Namen aus Polen: Ich sei so einer, der über deutsche Literatur schreibt. Und ich war in der Garderobe nach seinem Vortrag. Es ging um Hauptmanns Arschkriecherei. Mayer erzählte, dass Hauptmann den Nazis nicht widerstanden, sondern ihnen noch geschmeichelt hatte.

Mayer hat sich über Sie immer frech geäußert. Er sagte: der große Pole.

Mayer war hierhergekommen, um so etwas zu werden wie die Verkörperung der DDR-Literatur in der Bundesrepublik. Der sah sich hier um und sagte: „Dieser Platz ist schön. Aber ist er nicht schon besetzt? Aha, da ist schon ein anderer, auch ein Jude. Ein Jude aus Polen, dieser Ranicki.“ Von da an war ich sein Feind.

Aber Sie hatten doch zusammen mit ihm eine Sendung.

Ja, aber es kam zum Krach.

Weil Sie besser, schlagfertiger waren?

Nein. Er schlug mir vor, dass war ganz schlau von ihm, bei ihm Germanistik zu studieren, in Hannover, und zu promovieren. Der will mich von sich abhängig machen, dachte ich. Ich habe ihm sehr gedankt: „Ich muss mir das überlegen, und werden wir sehen.“ Nach einer Woche schrieb ich ihm: „Es tut mir leid, ich habe es mir überlegt, aber ich kann nicht.“ Und in der Sendung „Literarisches Café“ kam es zu einem großen, lauten Krach. Ich weiß nicht mehr, worum es ging. Es war jedenfalls eine Radiosendung. Mayer wollte einen ihm angemessen scheinenden Gesprächspartner, das war Walter Jens, der war ihm angenehm. Und ich? Mayer dachte: Wie kommt der dazu, der hat ja gar nicht promoviert, der hat überhaupt nicht studiert?!

Hat er Sie von oben herab behandelt?

Sehr. Wenn ich mit ihm Sendungen über dieses Kaffeehaus gemacht habe, hat er immer so weit ausgeholt: „Ich möchte gern, dass Sie ausführlich über die polnische Literatur etwas machen.“ Er wollte mich abschieben auf die polnische Literatur. Er sah, dass ich über die DDR-Literatur besser Bescheid wusste als er.

War er damals schon so eitel wie später?

Genauso, wenn nicht sogar noch mehr.

Hatten Sie mit Adorno zu tun?

Ja. Aber ein paarmal nur. Wir wollten immer lauter prominente Leute in dieser Sendung haben. Die Sendung mit Adorno musste auf dessen Wunsch hin in Frankfurt gemacht werden. Wir machten die Sendungen ja meistens in Hannover. Adorno kam gegen zehn Uhr morgens, es sollte um 10.15 Uhr beginnen. Adorno war sehr höflich: „Ich bitte die Herren, vielmals zu entschuldigen. Ich bin in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, ich müsste die Sendung eigentlich absagen. Ich kann sie nicht machen. Ich bitte, die Herren mögen die Sendung übernehmen. Ich werde mich auf Stichworte beschränken.“ Ja, dachte ich, so müssen wir das machen, anders wird es nicht gehen. Wir waren nicht glücklich. Dann beginnt die Sendung: Wir konnten nicht ein Wort sagen, weder Mayer noch ich. Adorno ließ uns überhaupt nicht zu Wort kommen. Dann habe ich ihn mehrmals im Flugzeug getroffen. Große Gespräche waren das nicht. Ich war für ihn kein Partner, den er hätte akzeptieren wollen.

Sie sollten ja als Zeuge aussagen in Sachen Hermann Höfle, SS-Sturmbannführer im Warschauer Getto. Als Sie hörten, dass der sich umgebracht hat, hat Sie das befriedigt?

Nein! Ich war unglücklich. Ich wollte, dass er genau erzählt, was er gemacht hat. Gegen Höfle habe ich im Gericht in Hamburg ausgesagt. Ich sollte auch in Sachen des SS-Führers Wolff aussagen. Da habe ich dem Staatsanwalt gesagt: „Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Ich habe diesen Wolff nie im Leben gesehen. Wie soll ich da als Zeuge auftreten?“ Da sagt er: „Das spielt überhaupt keine Rolle. Sie werden uns erzählen, wie das damals war, auch, ob das möglich war, dass Wolff in Warschau zwei Stunden durch das Getto hin und her fuhr und nicht gemerkt hat, was sich da abspielt.“ Da habe ich gesagt: „Das ist lächerlich. Natürlich musste er das merken.“

Sie waren damals fast vierzig Jahre alt - so jung ist das auch nicht mehr.

Damals hat mir Ramseger gesagt: Na, das ist der letzte Augenblick, dass Sie neu anfangen.

Im „Zauberberg“ geht es darum, wie schnell oder langsam die Zeit vergeht - kommen Ihnen diese fünfzig Jahre Bundesrepublik, die Sie erlebt haben, im Vergleich zu den Zeiten der Verfolgung kürzer vor oder länger oder genauso lang?

Sie kommen mir wahnsinnig kurz vor. Ich weiß nicht, warum. Es sind fünfzig Jahre vorbei, und ich erinnere mich an alle Details, als ich hierhergekommen bin.

Das Gespräch führte Frank Schirrmacher.

Quelle: F.A.Z.
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