Eine Garten-Erzählung

Brennende Liebe

Von Michael Kumpfmüller
14.04.2021
, 21:28
Anfang und Ende und wieder Anfang: Für ihn ist der Garten das Paradies auf Erden, für sie die Hölle aus Langeweile. Sie lieben sich – und dafür muss man manchmal lügen. Eine Erzählung in zwölf Gartenmonaten.

Januar

Dieses Jahr muss es sich entscheiden. Ich stehe halb in der Terrassentür und beobachte, wie er durch den gefrorenen Schnee stapft, ein bisschen grüner Rasen schaut hervor, aber sonst herrscht trübes Graubraun. Der Garten schläft, und ich hoffe, dass er nie mehr erwacht. Mit irgendetwas scheint er nicht zufrieden. Er beugt sich über ein paar Staudenreste und schüttelt den Kopf, spricht mit dem Flieder, der Forsythie. Ich hasse es, wenn er da draußen mit ihnen spricht, manchmal auch im Traum, so in einem flüsternden Ton, in dem er vor dreißig Jahren mit mir gesprochen hat.

Februar

Es ist seit Wochen konstant grau und regnerisch, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Im Garten gibt es nichts zu tun, trotzdem dreht er dreimal täglich bei Wind und Wetter seine Runden, kramt ewig lange in Schuppen zwei, wo die Gartengeräte sind, erneuert das Vorhängeschloss, prüft die Bestände an Samen und Dünger. Es ist wie immer alles reichlich da, was ihn nicht davon abhält, abends im Bett jede Menge Pläne zu schmieden und in einem halben Dutzend Gartenkatalogen zu blättern. Er zählt mir auf, was er dieses Jahr alles neu pflanzen oder säen will: Kartoffelrose und Indianernessel, Sonnenhut und Nachtkerze, Wolfsmilch und Wiesenraute. Es hört sich an, als würde er irgendwelche verschollenen Märchen erzählen.

März

Die Narzissen und die Leberblümchen blühen, es wird merklich grüner und auch wärmer. Er ist jetzt rund um die Uhr im Garten, pflanzt und sät, holt die neue Erde aus den Komposthaufen. In stundenlanger Arbeit schippt er verrottete Gartenabfälle des letzten Jahres durch ein Sieb und pfeift dazu. Er hat jetzt immer schmutzige Hände, unter den Nägeln dunkle Ränder, von denen er behauptet, dass er sie nicht wegbekommt. Seit Wochen zum ersten Mal hat er mich gestern mit diesen Händen angefasst. Es hat mich nicht gestört, im Gegenteil, ich habe seine Hände immer gemocht. Er durchwühlte mich, als würde er etwas suchen, er schnüffelte und schnupperte, so dass ich mich schon fühlte wie eine seiner stummen Göttinnen. Meine kleine Elfenblume, sagte er, aber ich glaube nicht, dass er mich gemeint hat.

April

Im April habe ich Geburtstag, es ist die Zeit der Magnolie. Die Magnolie ist einer seiner Lieblinge, sie steht im vorderen Drittel des Gartens, und wie immer vergleicht er sie mit mir. Sie ist ganz nackt, wenn sie in der Blüte steht, um sich spätestens nach einer Woche in einen grünen Langweiler zu verwandeln, deshalb ist mir der Vergleich nicht recht. Auch mit der Kamelie hat er mich schon verglichen, sie gilt bei vielen Gärtnern als schwierig, worüber er nur lacht.

Mai

Ich denke, ich werde ihn verlassen. Das ist kein Leben, wie ich es mir vorstelle, er interessiert sich wirklich nur für seine Pflanzen, liest keine Zeitung, geht spätabends, wenn ich vor dem Fernseher sitze, zum Gießen und weigert sich, übers Wochenende wegzufahren, geschweige denn in Urlaub. Ich habe begonnen, Listen zu führen, auf denen ich dokumentiere, wie viele Stunden er mit Mähen, Gießen und Unkrautzupfen verbringt und welche Vorträge er mir regelmäßig hält. Ich hasse seine Vorträge. Was gibt es über Blumen schon zu sagen, außer dass sie schön sind, die Farben, na gut, ab und zu ein Geruch, obwohl die Hälfte ganz schrecklich oder überhaupt nicht riecht.

Apfel, Pflaume und Kirsche blühen gerade, aber sie alle tragen später Früchte, die man gebrauchen kann. Und was kann die Pfingstrose? Die Clematis? Die arme Kornblume, die fast ausgerottet war? Er kann sich eine halbe Stunde über den Oleander und den Blauregen verbreiten. Ist das zu fassen? Früher habe ich mich aufgeregt, weil er jeder zweiten Frau hinterherschaute, dabei ging es schon damals nur ums Sehen. Er sei ein Augenmensch, sagt er; er suche mit seinen Augen immer nur auf, was schön ist. Früher waren das irgendwelche Beine, ein Mund, eine Frisur, heute sind es wilde Erdbeeren und Hagebutten, die ich überhaupt nur zur Kenntnis nehme, weil er mich dauernd zu kleinen „Begehungen“ in den Garten zwingt. Die Pechnelken will er mir zeigen, die Akelei. Ich bin wirklich eine unglaubliche Ignorantin.

Juni

Er sagt, er lebe im Paradies, während es für mich eine Hölle aus Langeweile und Wiederholung ist. Hält er mich für so blöd, oder glaubt er wirklich, dass ich mich jedes Jahr aufs Neue für seinen Mohn und seine Kapuzinerkresse begeistern kann? Der Rittersporn ist ja leider so windempfindlich, der Lavendel riecht nach alter Frau, also nach mir. Gestern hat er mir alles Ernstes ein paar Lavendelblüten über meine Brüste gestreut! Ich habe ihm gesagt, dass es so nicht weitergeht. Was weiter, hat er gefragt. Ich lag in seinen Armen und sehnte mich weit weg, in ein Land, wo es keine Hortensien und keinen Goldregen gibt, nach Alaska oder in die Wüste Gobi, scherzte ich, worüber er sehr lachte, und wenn er lacht, werde ich leider meistens schwach.

Juli

Wir essen jetzt viel im Garten. Nicht wie sonst auf der überdachten Terrasse, sondern wie im Werbefilm mitten auf der Wiese zwischen zwei Apfelbäumen. Ich decke den Tisch und stelle mir vor, wie es für ihn wird, wenn ich eines Tages weg bin. Wie es für ihn wäre, denn im Grunde kann ich es mir nicht vorstellen. Würde er es überhaupt merken? Er würde über den wilden Wein und die roten und weißen Stockrosen dozieren und dann auf einmal merken, dass ich nicht mehr da bin. Am dritten oder vierten Tag würde ihm das auffallen. Wo steckt sie denn? Er würde nach mir rufen und sich irgendwann ärgern. Machte er das alles nicht auch für mich, obwohl ich mich seit Jahre weigere, ihn dafür zu schätzen?

August

Wir haben uns ausgesprochen. Der Garten sei ein Ritual, erklärt er, um Blumen und Früchte geht es eigentlich nicht. Es geht um den Kreislauf, Anfang und Ende und wieder Anfang, also genau das, was mich so entsetzlich langweilt. Es habe mit dem Tod zu tun, sagt er, hier im Garten bereite er sich auf seinen Tod vor. Ich habe das nicht genau verstanden, aber es war schön, ich mochte, wie er über sich sprach, und habe nicht mehr das Gefühl, dass ich von ihm wegmuss.

September

An meinen Tod hatte ich noch gar nicht gedacht. Was hat die Birnenernte mit meinem Tod zu tun? Ich halte ihm die Leiter, damit er beim Pflücken nicht herunterfällt, und koche anschließend Birnenkompott und an einem anderen Tag das Apfelmus, schön mit Zimt ein halbes Dutzend Gläser, damit wir etwas für den Winter haben, obwohl es eigentlich nur darum geht, nichts wegzuwerfen.

Oktober

Im Herbst mag ich den Garten am liebsten, er bekommt etwas flächig Verwaistes, Landschaftliches, außerdem stellt er endlich keine Forderungen mehr. Eine richtige Gartenfrau wird aus mir nicht werden. Aber ich reche brav das Laub und helfe bei allen möglichen Aufräumarbeiten. Im Frühling möchte ich es mit einem kleinen Gemüsebeet versuchen, ich glaube, ich muss die Dinge essen, für die ich so viel Zeit und Liebe verwende, für das bloße Wohlgefallen bin ich einfach zu praktisch. Durchs Küchenfenster kann ich sehen, wie er hinten die Hecken schneidet, er hat noch einmal die Beete durchforstet und wird sicher wieder schrecklich schmutzige Hände haben.

November

Zu seinem siebzigsten Geburtstag habe ich ihm für sündhaft teures Geld einen Rasenmäher-Roboter gekauft. Ich habe ihm vorgerechnet, wie viel Zeit er damit im Laufe eines Jahres spart, und ihn gebeten, mir die gesparten Stunden zu schenken. Für was, weiß ich noch nicht. Wir könnten wieder mal ins Kino gehen, sage ich, wir könnten im Winter in die Berge fahren, und er ist mit allem einverstanden.

Dezember

Ich habe entsetzlich viele Runzeln im Gesicht, aber er sagt, er mag alles Runzlige an mir. Wenn man sich liebt, muss man manchmal lügen, und er kann das immer noch gut, und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Jetzt, im Dezember, reden wir so viel wie das ganze Jahr nicht. Ich sage ihm, dass ich mich schon freue, wenn es im Garten wieder losgeht, weil ich weiß, dass ihn diese kleine Unaufrichtigkeit freut, und tatsächlich freut er sich ganz schrecklich.

Michael Kumpfmüller ist Schriftsteller.

Zuletzt erschien von ihm der Roman „Ach, Virginia“ (Kiepenheuer & Witsch).

Quelle: F.A.Z.
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