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François-René de Chateaubriand

Jeder echte Bretone hält sich vom Hof fern

Von Niklas Bender
 - 22:34

Das Besondere der Französischen Revolution ist nicht der Untergang der alten und der Aufgang einer neuen Welt: Es besteht darin, dass die Zeitzeugen den historischen Umbruch intensiv als solchen erlebten. Mancher sah sich gespalten: „Ich habe mich, wie am Zusammenfluss zweier Ströme, zwischen zwei Zeitaltern wiedergefunden. Ich habe mich in ihre aufgewühlten Fluten gestürzt und mich ungern vom alten Ufer, wo ich geboren bin, entfernt, bin jedoch voller Hoffnung zum unbekannten Ufer geschwommen, wo die neuen Generationen ihre Anker lichten.“ So leitet François-René de Chateaubriand (1768 bis 1848) seine umfangreichen „Erinnerungen von jenseits des Grabes“ ein, deren Anfang jetzt zum 250. Geburtstag des Autors als „Kindheit in der Bretagne“ in neuer Übersetzung erscheint.

Das Brot mal hier und da verdient

Chateaubriands Leben war bewegt. Er war Zeuge der Revolution, reiste nach Amerika, emigrierte nach England, erkundete Italien, Griechenland, den Nahen Osten. Mal verdiente er sein Brot als Lehrer oder Übersetzter, mal lebte er in Prunk und Ehren. Er verkehrte mit den Mächtigen und Klugen, von Ludwig XVI. bis George Washington, von Chamfort bis Madame de Staël. Er wirkte als Diplomat unter Napoleon, als Minister unter Karl X., geriet jedoch mit den Herrschern aneinander, unter anderem, weil er sich für Pressefreiheit einsetzte. Seinen Sitz in der Académie française nahm er nicht ein, als er erfuhr, dass Napoleon seine Antrittsrede nicht nur gelesen, sondern auch gekürzt hatte.

Der vorliegende Teil berichtet von Kindheit und Jugend: Chateaubriand wird in Saint-Malo als jüngstes von zehn Kindern geboren; seine Schwester Lucille steht ihm nahe. Bei einer Amme verbringt er die ersten Jahre, dann lebt er bei der Mutter in Saint-Malo, wo er sich selbst überlassen ist und die „Bengel aus der Stadt“ als Freunde gewinnt. Von 1777 an erwirbt er in diversen Schulen in Dol, Rennes und Dinan eine Bildung, und zwar gegen den Willen des Vaters eine humanistische; offizielles Berufsziel ist die Marine, in die er aber nicht eintritt. Nach zwei untätigen Jahren auf dem väterlichen Schloss Combourg wird er 1787 Offizier im Regiment von Navarra; er präsentiert sich Ludwig XVI. Zwei Jahre verbringt er in Paris, wo er Zeuge der Revolution wird; als ihm 1791 das Pflaster zu heiß wird, schifft er sich gen Amerika ein. Hier endet der Auszug.

Chateaubriand verfasste seine „Erinnerungen“ in den Jahren 1811 bis 1841 mit dem Ziel einer postumen Veröffentlichung (daher der Titel). Es handelt sich um mehr als zweitausend Seiten Lebensbericht, historische und Naturschilderungen, Porträts, literarische Reflexionen und vieles mehr. Es überrascht nicht, dass es seit der vollständigen Übersetzung durch L. Meyer („Von Jenseits des Grabes. Chateaubriand’s Denkwürdigkeiten“, Leipzig 1849/50) keinen zweiten Komplettversuch gegeben hat. Seither erscheinen ab und an Auszüge, teils auf Basis dieser Vorarbeit (Brigitte Sändig, 1994); die aktuellste Ausgabe, 2017 bei Matthes & Seitz erschienen, verwendet eine Übersetzung, die bereits ihren fünfzigsten Geburtstag feiert (Sigrid von Massenbach, 1968). Da ist es erfreulich, dass Karl-Heinz Ott einen Neuanfang wagt und andere Akzente setzt: Den Naturschilderungen will er besonderen Raum geben.

Als Mann der Schwelle steht Chateaubriand mit einem Fuß im romantischen neunzehnten Jahrhundert. Ob Herbstwälder, umtoste Küsten oder brodelnde Vulkane – Beschreibungen elementarer Gewalten beherrschen seine Erzählungen wie „René“ oder „Atala“. Auch aus den „Erinnerungen“ sind sie nicht wegzudenken: „Das durch Sturmböen ausgelöste, die herbstliche Tagundnachtgleiche ankündigende Brausen der Wellen verhinderte, dass man meine Schreie hörte. Oft hat man mir von diesen Umständen erzählt. Ihr Trauriges hat sich nie aus meinem Gedächtnis gelöscht.“ Wer so seine Geburt schildert, begreift sich als Teil der Natur. Tatsächlich: „Die Wälder von Combourg haben mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Das Natur- verbindet sich mit einem religiösen Gefühl, das Chateaubriand in „Das Genie des Christentums“ (1802) ästhetisch wendet. Hier ist er ein stilistischer Neuerer: Victor Hugo verehrt ihn – „Ich will Chateaubriand sein oder nichts“ –, und noch Gustave Flaubert fürchtet, „Madame Bovary“ werde „du Balzac chateaubrianisé“.

Globetrotter und heimatliebender Bretone

Mit dem anderen Fuß allerdings steht Chateaubriand im Ancien Régime, in Rhetorik und Regelpoetik. Der Orientreisebericht (1811) entspricht humanistischen Bildungsideen, das Prosa-Epos „Die Märtyrer“ (1809) bedient eine klassische Gattung – der Autor wird später urteilen, hier habe „das Klassische das Romantische beherrscht“. Dessen Erbe prägt auch die „Erinnerungen“: Es wird bei Ott reduziert, wenn eingangs ein Horaz-Zitat wegfällt – das erste von vielen. Im Nachwort zeigt sich, dass Ott das stilistische Maß unterschätzt, sein Wortspiel mit dem „vague des passions“ („la vague“: die Welle; „le vague“: die Vagheit) entspricht nicht dem Geist des Schlagworts, das die Unbestimmtheit meint. Diese Stilisierungstendenz zeigt sich in der Übersetzung, „je me repliai sur moi-même“ (ich zog mich zurück) wird zu „auf mich selbst zurückkrümmte“. Kurz, die Einstufung Chateaubriands als „Theatraliker“ sagt mehr über Otts Perspektive als über den Autor aus.

Dennoch und trotz Patzern („aborder“ als „Anker lichten“; „lieues“, also „Meilen“, als „Orte“), die neue Übertragung ist frisch und mitreißend. Man bedauert, dass der Auszug so rasch gelesen ist: Chateaubriands politische Haltung kommt gut zur Geltung, und es ist packend, von den Sitten des alten Adels zu erfahren, dessen eindrücklichste Verkörperung der strenge Vater ist. Der Leser wird mit mehr als einem Paradox konfrontiert, der Globetrotter ist zugleich ein heimatliebender Bretone: „Ich bin, um die Schauplätze der Natur zu bewundern, recht weit gereist; ich hätte mich mit denen begnügen können, die mein Geburtsland mir bot.“ Andere Widersprüche verbergen Kohärenz: Freiheitssinn etwa passt zu Standesbewusstsein, denn Chateaubriand stammte aus jenem Provinzadel, der dem absolutistischen Königtum misstraute – „Distanz zum Hof gehörte zum Naturell eines jeden Bretonen“. Seine Position beschreibt er als die eines „Exilanten“, ein Begriff, in dem Politisches und Persönliches verschwimmen.

Das eigene Leben betrachtet Chateaubriand mit Takt – im Unterschied zu Rousseau, dessen von „Aufrichtigkeit“ und „Belehrung“ geprägte „Bekenntnisse“ er ablehnt –, den Zeitenwandel mit unvoreingenommenem Interesse: „Was mich selbst angeht, so verherrliche oder beklage ich weder die alte noch die neue Gesellschaft.“ Er ist radikal offen: „Kein Ereignis, so elend oder abscheulich es auch in sich sein mag, darf voreilig beurteilt werden, sofern die Umstände schwerwiegend sind und es Epoche macht.“

Der Satz ist auf den Sturm der Bastille gemünzt: Chateaubriand sieht, wie der Kommandant misshandelt und getötet wird; wenig später hält man ihm die Köpfe von Foulon und Berthier auf Spießen vors Fenster. Auch wenn die Schilderung aus 32 Jahren Abstand verfasst ist: Die Worte zeugen von beachtenswerter Reflektiertheit. Dieser gelassene, taktvolle Blick ist vielleicht das interessanteste Erbe, das uns der große Zeitzeuge Chateaubriand hinterlässt.

François-René de Chateaubriand: „Kindheit in der Bretagne“. Hrsg. und aus dem Französischen von Karl-Heinz Ott. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. 304 S., geb., 20,– .

Quelle: F.A.Z.
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