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Romantiker Coleridge

Ewiger Rausch

Von Dietmar Dath
 - 13:20

Es gibt Menschen, an deren Existenz ihr Publikum so fasziniert Anteil nimmt, dass es sich nicht vorstellen kann, sie könnten eines Tages nicht mehr da sein. Manchmal bewahrheitet sich diese Ahnung der Unsterblichkeit darin, dass nach dem dennoch eingetretenen Tod der bedeutende Mensch verschwindet, statt einen Grabstein als neue Adresse zu hinterlassen. Von Thomas Paine zum Beispiel, einem der größten Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts, Feind jeder Unfreiheit und Prediger der Vernunft, dessen Ideen man zwischen und in den Zeilen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Verfassung, also in den Fundamenten der Vereinigten Staaten findet, weiß niemand, wo er begraben liegt – die Christen seiner amerikanischen Stadt wollten ihn nicht bestatten, zuerst kam er bei seiner Farm zur Ruhe, dann grub ihn ein Anhänger aus, brachte die Überreste nach England, wo Paine hergekommen war, und bald danach verliert sich ihre Spur.

Ein anderer großer Geist aus derselben Gegend, der Dichter Samuel Taylor Coleridge, hätte verschiedener von Paine nicht sein können und teilte doch das Los des Verschwundenen: Während Paine die Welt vernünftiger machen wollte, gehörte Coleridge als Romantiker zur kleinen Avantgarde derjenigen, die fanden, es müsse in der Neuzeit, die an alte Märchen nicht mehr glaubt, keineswegs die Doppelherrschaft sachlicher Prosa und kühlen Rechnens dem Leben allen Zauber austreiben. Im Gegenteil, fand Coleridge, die neuen Entdeckungen der exakten und empirischen Wissenschaften führten eine elektrisierendere Magie mit sich als der mythische Urväterhausrat. So nutzt Coleridges große Ballade „The Rime of the Ancient Mariner“ (1798) Erkenntnisse Polarreisender als Ressource für eindrucksvolle Bilder moderner Entfremdung (es gibt eine sehr moderne und sehr überzeugende Teilvertonung von der Heavy-Metal-Band Iron Maiden).

Wer dem Dichter einen Gedenkbesuch abstatten wollte, begab sich bis vor kurzem zur St. Michael’s-Kirche in Highgate im Norden Londons, wo Gedenkinschriften an ihn erinnern. Ebendort aber ist jetzt der Sarg aufgetaucht, der Coleridges irdischen Rest aufbewahrt und dessen Aufenthaltsort lang unbekannt war. Man fand ihn im Weinkeller – der zu Lebzeiten dem Alkohol- wie jedem anderen Rausch zugetane Tote hätte wohl gefunden, dass sich da ein Schicksal erfüllt. Versteht man unter „Schicksal“ etwas, das über den Tod hinausweist, ist dies schlicht wahr: Schicksal überschreitet die bloße Biographie, wie Drogen oder Liebe das Bewusstsein entgrenzen. Ein vernünftiges, ein nüchternes Schicksal gibt es nicht.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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