Frankfurter Anthologie

Augustus Buchner: „Der Christen Schiff-Fahrt“

Von Wulf Segebrecht
24.12.2020
, 09:10
Der Sinn des Lebens in lebensgefährlichen Zeiten: Das Bild von der Lebensfahrt auf dem Meer ist uralt und immer wieder neu. Zu allen Zeiten konfrontierte es mit Frage, wer am Steuer steht und wohin die Reise eigentlich gehen soll.

Man muss kein Christ sein, um sein ganzes Leben als eine Schifffahrt auf einem unsicheren, oft lebensbedrohenden Meer zu erfahren. Lange bevor es Christen gab, in aller Welt und bis heute, haben sich Denker und Dichter der Vorstellung einer Meerfahrt als Lebensfahrt bedient, als Denk- und Anschauungsfigur zur Positionsbestimmung, Orientierung und Selbstvergewisserung. Es geht bei diesem althergebrachten Topos der Lebensfahrt auf dem Meer zuletzt um die Frage, wohin die Fahrt geht, in welchen Zielhafen sie führt oder führen sollte, also um nichts Geringeres als um die Frage nach dem Sinn des Lebens in lebensgefährlichen Zeiten.

Mit seinem Gedicht „Der Christen Schiffart“ greift Augustus Buchner diese alte rhetorische Tradition auf und wendet sie auf die Christen an. Er lässt sie von Anfang an als Gruppe im Wir-Ton, gleichsam als Schiffsmannschaft, von sich selbst und ihrem Leben auf dem Schiff sprechen, von ihren Erfahrungen und Befürchtungen, Hoffnungen und vor allem von ihrem Glauben an Christus, ihren Leitstern. Sie geben ihrem Schiffsleben auf dem Meer Strophe für Strophe Sinn und Bedeutung. Sie deuten ihre Lebensumstände und nehmen sie sinnbildlich, allegorisch wahr. Alles wird ihnen zur christlichen Botschaft: der hohe Wellengang, die Stürme und drohenden Schiffsunglücke, der verlässliche Steuermann, die astronomische Navigation nach dem Polarstern („Angelstern“), der Anker, die ständige Todesgefahr und die ersehnte Ankunft im sicheren Hafen. Ein Grundvertrauen spricht aus solcher Betrachtungsweise. Dennoch und zuletzt sind die Christen angewiesen auf den Beistand Christi, den sie am Ende gebetsartig persönlich ansprechen: Ohne ihn kann die Lebens-Schifffahrt nicht an ein glückliches Ende kommen.

Auf dass ihr wohl und unverletzet an euer Ziel gelanget

Den Dichtern der Barockzeit war der Bildervorrat des Topos der Meerfahrt als Lebensfahrt geläufig: Schiff, Wellen, Sturm, Ruder, Segel, Mast, Steuermann und Anker begegnen uns auch bei Friedrich von Logau („Die Welt ist wie das Meer“), Johann Georg Schoch, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Andreas Gryphius und in den zeitgenössischen Emblembüchern. In einem uralten Adventslied („Es kommt ein Schiff geladen“), dem Daniel Sudermann 1626 seine noch heute gebräuchliche Textgestalt gegeben hat, heißt es allegorisierend: „Das Segel ist die Liebe / der heilig Geist der Mast“. Dieses Lied dürfte Buchner gekannt haben.

Augustus Buchner (1591 bis 1661), der Verfasser des Gedichts „Der Christen Schiffart“, ist heute selbst Fachleuten weithin unbekannt. Als Professor der Rhetorik und der Poesie und als Poet lebte und wirkte er in Wittenberg. Seine Vorlesungen über die deutsche Dichtkunst waren damals weit verbreitet und anerkannt. Er war ein frommer Lutheraner, der seine Gedichte, Reden und Briefe überwiegend in lateinischer Sprache schrieb. Einige seiner deutschen Kirchenlieder wurden in evangelische Gesangbücher aufgenommen. Aber eine Sammlung seiner deutschen Lieder und Gedichte gab es bisher noch nicht. Selbst Günter Grass, der Buchner zusammen mit den namhaftesten Dichtern des siebzehnten Jahrhunderts am fiktiven „Treffen in Telgte“ – eine 1979 erschienene Hommage an die Gruppe 47 – teilnehmen ließ, konnte nur Buchners Lehrbücher, nicht seine Gedichte zitieren.

Buchners Gedicht ist ganz historisch und kann doch auch ganz gegenwärtig sein. Es irritiert schon allein durch seine uns zunächst befremdlich erscheinende Orthographie und Redeweise. Es verrät vom ersten Buchstaben an sein hohes Alter. Man muss sich Mühe geben, um seine altertümliche Rechtschreibung und einige ungewöhnlich gewordene Wörter (Rudel statt Ruder) zu entziffern und es gleichsam ins heutige Deutsch zu übersetzen – wie in unserer behutsam modernisierten Fassung geschehen. Dann aber tritt die sentenzartige Simplizität des Gedichts, sein Bekenntnis zu jederzeitiger Duldungsbereitschaft und Glaubensstärke zutage, gefördert durch die schlichten vierhebigen jambischen Verse mit den umarmenden Reimen der sechs gleichartigen sangbaren Strophen.

Das Lied vermittelt einen Einblick in poetisch gestaltete historische Glaubensüberzeugungen, Lebensumstände und Denkweisen; es spricht in den Kriegs- und Pestzeiten des siebzehnten Jahrhunderts über Unglück und Ungemach, Leben und Tod, Verzweiflung und Zuversicht, gibt Trost und Ermutigung. Es dient, wenn man sich ihm heute zuwendet, der Überprüfung des eigenen Selbstverständnisses und fördert die Lust daran, sich distanzierend oder zustimmend einem ästhetischen Gebilde und Orientierungsmuster aus alter Zeit neu auszusetzen. Das Gedicht ist alt, aber nicht veraltet.

Wer heutzutage die lebensgefährliche Bootsfahrt beispielsweise über das Mittelmeer nach Europa auf sich nimmt, benötigt, den „offenbahren Todt“ vor Augen, viel Wagemut und Zuversicht. Er will – das ist heute nicht anders als vor vierhundert Jahren – „wol und unverletzet“ durchkommen an sein Ziel, das ihm, auch ohne den Glauben an einen Christen-Gott, „hier Ruh / dort selig seyn“ verheißt.

Augustus Buchner: „Der Christen Schiff-Fahrt“

Unser Leben ist ein Meer,
Die Begierden sind die Wellen,
Die sich grausamlich aufschwellen
Und uns werfen hin und her.

Bricht ein Ungelücke rein,
Ist es als ein Sturm zu achten:
Unser Port, darnach wir trachten,
Ist hier Ruh, dort selig sein.

Wer ist aber Steuermann?
Unser Glaub und weise Seele.
An des starken Ankers stelle
Ziehen wir die Hoffnung an.

Christus ist der Angelstern,
Nach dem wir die Fahrt anstellen:
Fröhlich brechen wir die Wellen,
Sehen wir ihn nur von fern.

Dannoch aber hat es Not,
Daß man wohl und unverletzet
Komme durch, weil auf uns setzet
Mancher offenbarer Tod.

Wollen wir recht laufen ein,
Allem Ungemach entgehen,
Musst du Christus uns beistehen,
Schiffer, Rudel, Anker sein.

Augustus Buchner: „Deutsche Gedichte“. Hrsg. von Gerd Hergen Lübben und Wulf Segebrecht. Verlag der Fußnoten, Bamberg 2020. 158 S., br., 16,80 .

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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