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Frankfurter Anthologie

Friedrich Hölderlin: „An meine Schwester.“

Von Frieder von Ammon
Aktualisiert am 13.03.2020
 - 17:00
Thomas Huber liest „An meine Schwester“ von Friedrich Hölderlin
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Frankfurter Anthologie
Thomas Huber liest „An meine Schwester“ von Friedrich Hölderlin

Eine Ode wollte Hölderlin seiner Schwester widmen. Er notierte einzelne Wörter, vollendete das Gedicht aber nie. Heute macht gerade die Unvollständigkeit die rudimentären Verse so reizvoll.

Dieser Text, den Hölderlin wohl am 20. Juni 1800 auf dem Weg von Nürtingen nach Stuttgart geschrieben hat, ist offensichtlich unfertig. Allenfalls hat man es hier mit dem Konzept eines Gedichts zu tun. Dennoch ist es ein ästhetisch faszinierendes Gebilde: Man meint, einzelne Bruchstücke einer prächtigen antiken Vase vor sich zu haben. Diese Vase aber hat nie existiert, es gibt sie nur gleichsam ex negativo, impliziert in ihren Scherben, und gerade das macht den Text aus heutiger Perspektive so reizvoll.

Doch der Reihe nach: Ende Juni bat Hölderlin seine Mutter in einem Brief, seiner „teuren Schwester“ – gemeint war Maria Eleonora Heinrika Breunlin, von ihm „Rike“ genannt – „Tausend Grüße“ zu bestellen. Hintergrund war wahrscheinlich der Tod von Heinrikas Mann wenige Monate zuvor; seitdem lebte sie wieder bei ihrer Mutter. Und weiter: „Ich habe neulich unterwegs ein kleines Gedicht an sie entworfen, das ich ihr nächstens schicken will, wenn es ihr einen vergnügten Augenblick machen sollte.“ Alles spricht dafür, dass es sich bei dem vorliegenden Text um diesen Entwurf handelt. Hölderlin hat ihn nie ausgeführt; warum, weiß man nicht.

Welche Art von Gedicht mag ihm vorgeschwebt haben? Der Text erlaubt gewisse Rückschlüsse darauf, denn der prägnante Beginn – „Übernacht’ ich im Dorf“ – entspricht rhythmisch exakt dem Beginn der asklepiadeischen Odenstrophe, einer antiken Form, die Hölderlin vielfach verwendet hat, am schönsten vielleicht in seiner Ode „Heidelberg“ mit ihrem unvergesslichen Einstieg: „Lange lieb’ ich dich schon“. Auffällig ist außerdem das wiederholte Auftreten einer weiteren einprägsamen rhythmischen Formel: des Adoneus, so schon im Titel, und dann in den Wendungen „Straße hinunter“, „Sonne der Heimat“ und „Männer und Mutter“, nicht weniger als viermal also auf kleinstem Raum. Wie der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus gezeigt hat, verweist der Adoneus bei Hölderlin auf die von ihm verehrte antike Odendichterin Sappho. Dazu passt auch, dass dem Text im Manuskript ein Konzept mit dem Titel „Sapphos Schwanengesang“ vorausgeht.

Die Sehnsucht, eins zu sein mit allem

Allem Anschein nach wollte Hölderlin seiner Schwester also eine Ode widmen, ähnlich wie er das im Jahr zuvor für seine „verehrungswürdige Großmutter“ anlässlich ihres Geburtstags getan hatte. Während dieses Gedicht seinen Charakter als eine – wenn auch überaus kunstvolle – Pflichtübung nicht ganz verleugnen kann, lässt „An meine Schwester“ ein inniges Verhältnis des Dichters zu der von ihm bedichteten Person erkennen. Hölderlin hing an seiner Schwester und hatte, als sie noch mit ihrer Familie in Blaubeuren lebte, immer wieder vorgehabt, sie dort zu besuchen.

Offenbar imaginiert der Text einen solchen Besuch, und er tut dies auf eine zwar lückenhafte, aber alles Wesentliche enthaltende Weise: Am Anfang steht die Rückkehr des Ichs in seine „Heimat“, wo es zunächst im „Dorf“ übernachtet, „Albluft“ atmet und dann den Weg die „Straße hinunter“ nimmt, wo ein „Haus“ steht, in dem es zum „Wiedersehn“ kommt, wohl mit der Schwester und den Ihren. Es folgt ein Ausflug in die Natur, Zeit mit „Freunden“ und Familie. Mit dem Wort „Schlummer“ kehrt der Text am Ende zu seinem Ausgangspunkt zurück, ein Kreis schließt sich.

Der Text stellt mit der Rückkehr in die Heimat somit eine archetypische Erfahrung dar, die Hölderlins Gedichte in vielen Varianten durchzieht. Auch die Schlüsselwörter „Schwester“, „Heimat“ und „Schlummer“ tauchen immer wieder darin auf und entwickeln dabei eine Bedeutungsfülle, die weit über die eigentlichen Wortbedeutungen hinausweist: Als „Schwester“ werden bei Hölderlin zum Beispiel auch Diotima und die Natur bezeichnet, „Heimat“ ist hier eine metaphysisch aufgeladene Kategorie, und „Schlummer“ kann für Erlösung und Tod stehen, wie in der „Abendphantasie“: „Komm du nun, sanfter Schlummer!“

Damit wird deutlich, dass es in diesem Text um weit mehr geht als die Schwester Hölderlins. Zugleich geht es um ein Thema, das ihn durchgängig beschäftigt hat: die Sehnsucht, die – wie es in „Hyperion“ heißt – „Dissonanzen der Welt“ überwinden zu können, „Eines zu sein mit Allem“. Dem vorliegenden Text jedoch, der diese Sehnsucht zum Ausdruck bringt, scheinen, eben weil er unfertig ist, weil er keine feste, geschlossene Gestalt angenommen hat, jene „Dissonanzen der Welt“ eingeschrieben, er selbst scheint gewissermaßen uneins zu sein mit sich. Die einzelnen Bruchstücke fügen sich nicht zum Ganzen. Gerade deshalb aber übt der Text heute eine solche Faszination aus: Sie hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Idee ästhetischer Ganzheit in der Moderne problematisch geworden ist und anders als im Gegenlicht des Fragmentarischen kaum noch gedacht werden kann. Nirgendwo lässt sich dies besser studieren als bei Hölderlin.

Friedrich Hölderlin „An meine Schwester.“

Übernacht ich im Dorf

Albluft

Straße hinunter

Haus Wiedersehn. Sonne der Heimath

Kahnfahrt,

Freunde Männer und Mütter.

Schlummer.

Friedrich Hölderlin: „Sämtliche Gedichte“. Hrsg. von Jochen Schmidt. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 2005. 1152 S., br., 25,– €.

Von Frieder von Ammon ist zuletzt erschienen: „Lyrik/Lyrics“. Songtexte als Gegenstand der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Frieder von Ammon und Dirk von Petersdorff. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 424 S., geb., 34,90 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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