Frankfurter Anthologie

Andrew Marvell: „Die Schönheit singt“

Von Ralph Dutli
23.12.2016
, 17:00
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Dies ist wohl eines der hintersinnigsten Liebesgedichte überhaupt. Es handelt nicht nur von der weiblichen Schönheit, vor der das lyrische Ich die Waffen streckt, sondern auch von der Schönheit an sich.
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Der größte Liebesexperte aller Zeiten, Ovid, hat von der Liebe als „Kriegsdienst“, als „militia amoris“, gesprochen und den Liebenden als Soldaten der Liebe bezeichnet. „Militat omnis amans“ (Amores I, 9): Jeder, der liebt, ist Soldat. Andrew Marvell, der verspätete unter den „metaphysical poets“ des siebzehnten Jahrhunderts, hat die Liebe als Schlacht inszeniert, den Dichter zum Einzelkämpfer vor einer doppelten Übermacht stilisiert. Sein Gedicht „Die schöne Sängerin“ führt überall militärisches Vokabular ins Liebesgedicht ein: Eroberung, Feind, Besatzung, Gefangenschaft, Streitkraft, Flucht, Widerstand, Übermacht.

Doch wo ist diese militärische Macht vereint? In einer schönen Frau, die singt. Die Doppelmacht von Augen und Stimme – die „Zweifach-Schönheit“ – unterwirft sich den Poeten, der sich als unterlegener Liebessoldat begreifen muss. Vielleicht ist in dieser Inszenierung Humor durchaus inbegriffen. Denn das Metapherngefüge ist grotesk und von wahnhafter Übertreibung. Er spricht also auch noch als Liebeswahnsinniger, dem vernünftige Verhältnisse und ebensolche Bildfindungen abhanden gekommen sind.

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Der unterlegene Liebessoldat

Eine finale Schlacht ist angesagt, die endgültige Eroberung droht: „a final conquest“. Am Ende steht der Tod, er ist dem Dichter sicher. In der letzten Strophe werden subtil die militärischen Kniffe der Schlachtenplanung beschworen: Ist das Schlachtfeld eben, oder hat eine der Parteien Geländehindernisse zu überwinden? Wo steht die Sonne, die den Feind blenden kann? Aus welcher Richtung weht der Wind, der Pfeile oder gar Artilleriegeschosse ablenken kann?

Sämtliche militärischen Vorteile sind ungerecht verteilt, sie liegen auf Feindesseite, konstatiert der Liebessoldat resigniert. Der Doppelvorteil eines bezaubernden Augenpaares und einer berückenden Stimme lässt keinen Widerstand zu. Sie hat das Herz gebunden, den Geist besetzt. Vor einer einzigen Streitmacht könnte er noch bestehen, doch diese doppelte Übermacht ist unbezwingbar.

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Der Gipfel der Kriegslist liegt darin, dass der Feind sich unsichtbar macht. Die Tarnkappe ist die Stimme der singenden Frau, die durch Gesang zur Schwingung gebrachte Luft: Selbst noch die Luft, die Atemluft, wird zur Fessel und zum tödlichen Feind. Die Luft, die den magischen Gesang transportiert.

Augen, Locken, Stimme. Der Liebessoldat muss aufgeben: Es wird nur einen Sieger geben, und es ist eine Siegerin. Den Titel meiner deutschen Übertragung habe ich bewusst zweideutig gewählt. „The Fair Singer“, so lautet er bei Marvell – die schöne Sängerin. Aber „Die Schönheit singt“ meint sowohl die Schönheit als Frau („Sie ist eine Schönheit“) als auch die ästhetische Kategorie: Es ist die Schönheit, die hier singt und siegt, mag sie sich in einem Augenpaar tarnen, in einer bezaubernden Stimme – oder in einem Gedicht.

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Ich habe einmal eine Handvoll Marvell-Gedichte in einen meiner eigenen Gedichtbände eingefügt, in „Novalis im Weinberg“, in einen Zyklus mit dem Titel „Meine kleine englische Suite“. Auch „Die Schönheit singt“ sollte in diesem Mini-Chor der „metaphysical poets“ auftreten. Es war nur ein Signal, dass ich dieses Marvell-Gedicht für eines der schönsten Liebesgedichte halte, die ich kenne. Und es ist zugleich eines, das von der überwältigenden Macht der Schönheit zeugt. Auch das Gedicht selbst also hat „Doppelmacht“ und diese „Zweifach-Schönheit“.

Marvell, der von 1621 bis 1678 lebte, grüßt Ovid, gibt ihm diesen Schlachtbericht, die Nachricht von seiner Unterlegenheit. Er wird besiegt in diesem ungleichen Kampf. Und der Verlierer scheint es nicht einmal zu beklagen.

Andrew Marvell: „Die Schönheit singt“ / „The Fair Singer“

Damit endgültig mir Eroberung droht,

Formte die Liebe mir als süßen Feind

Die Zweifach-Schönheit: Sie beschloss den Tod

Für mich, fatal zur Harmonie vereint.

Denn bindet SIE mit ihren Augen mir das Herz,

Hält SIE mit ihrer Stimme meinen Geist besetzt.

Ich könnte fliehen wohl vor einer Hand

Und meine Seele locker sich befrein,

Indem sie Fesseln: Lockenhaar durchtrennt.

Aber wie könnt ich nicht ihr Sklave sein,

Deren subtile Kunst unsichtbar – Schuft! –

Mir Fesseln knüpft aus meiner Atemluft?

Ich hätte leicht gekämpft auf ebenem Feld,

Stellt’ sich der Sieg gerecht für jeden dar.

Doch all mein Widerstand vor ihr zerfällt,

Vorm Doppel-Vorteil: Stimme, Augenpaar,

Und meine Streitkraft – chancenlos – zerrinnt,

Denn sie hat für sich Sonne und den Wind.

Aus dem Englischen von Ralph Dutli.

***

To make a final conquest of all me,

Love did compose so sweet an enemy,

In whom both Beauties to my death agree,

Joining themselves in fatal harmony;

That while She with her Eyes my heart does bind,

She with here Voice might captivate my mind.

I could have fled from one but singly fair;

My disentangled soul itself might save,

Breaking the curlèd trammels of her hair.

But how should I avoid to be her slave,

Whose subtle art invisibly can wreathe

My fetters of the very air I breathe?

It had been easy fighting in some plain,

Where victory might hang in equal choice.

But all resistance against her is vain,

Who has the advantage both of Eyes and Voice,

And all my forces needs must be undone,

She having gainèd both the Wind and Sun.

„Meine kleine englische Suite“ ist erschienen in Ralph Dutli: „Novalis im Weinberg“. Gedichte. Ammann Verlag, Zürich 2005. 86 S., br. (vergriffen).

Von Ralph Dutli ist zuletzt erschienen: „Die Liebenden von Mantua“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 276 S., geb., 19,90 €.

Eine Gedichtlesung von Thomas Huber und das Gedicht in seiner Originalsprache finden Sie unter www.faz.net/anthologie.

Quelle: F.A.Z.
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