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Frankfurter Anthologie

Martin Walser: „Clowns sind wir“

Von Jochen Hieber
Aktualisiert am 22.03.2020
 - 10:34
Thomas Huber liest „Clowns sind wir“ von Martin Walser
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Frankfurter Anthologie
Thomas Huber liest „Clowns sind wir“ von Martin Walser

Ein Geschenk des Schriftstellers an den Kritiker zu dessen 65. Geburtstag. Hinter diesen vier Zeilen verbirgt sich eine jahrzehntelange Auseinandersetzung um Positionen, Macht und Einfluss im Literaturbetrieb.

Es waren gute Zeiten, als Martin Walser den kreuzreimenden Vierzeiler über die Clowns im Kulturzirkus schrieb. Im Manuskript sind die Verse auf den „2. Juni 85“ datiert. Die Widmung lautet: „Für / Marcel Reich-Ranicki / den Sänger“. Der Absender zeichnet: „Von Martin Walser / dem Gesungenen“. Der Vierzeiler war sein Geschenk zum fünfundsechzigsten Geburtstag des Literaturkritikers und damaligen Literaturchefs dieser Zeitung.

Die Clowns unterhalten das Publikum durch „Watschen mit Gesang“. Die Widmung macht klar: Der Gesang ist die Rezension des Kritikers über das neue Buch des Autors. Er – und nur er – ist es, über den gesungen und der dabei notwendiger Weise gewatscht wird. Das Watschen selbst ist mehrdeutig: Es kann ein Lob, sogar eine Hymne auf das jüngste Werk des Schriftstellers bedeuten, aber eben auch ein herber, heftiger Verriss sein. Auch der Hintergrund ist leicht erklärt. Am 27. März 1976 veröffentlichte Reich-Ranicki auf der samstäglichen Literaturseite unter dem Titel „Jenseits der Literatur“ eine Philippika gegen das Walser-Buch „Jenseits der Liebe“ und intonierte den Artikel: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman.“ Zwei Jahre später, am 4. März 1978, war unter der Überschrift „Martin Walsers Rückkehr zu sich selbst“ zu lesen: „Seine bescheidenste und überzeugendste Arbeit: die Novelle ,Ein fliehendes Pferd‘“. Sechs Wochen zuvor hatte Reich-Ranicki den Zeitungsvorabdruck der Novelle in der F.A.Z. mit der Schlagzeile „Walsers Glanzstück“ eingeleitet.

Tiefpunkt, Glanzstück: Das ist jetzt, neun und sieben Jahre später, eben „Zirkus“. Mehr dazu sagt der Vierzeiler nicht. Sicher ist, dass die Watschen der zentrale Teil der Vorstellung waren. Und dass zum Kulturspiel in der Manege stets zwei gehören: der Autor und der Kritiker. Gemeinsam bilden sie das „Wir“ des Gedichts, was sie bieten, ist „Unsre Nummer“. Das Geburtstagslied ist natürlich ein Gleichnis auf den Literaturbetrieb. Es zeigt die Clowns in ritualisierten Rollen. Am Ende treten sie in den „dunklen Gang“. Dort sind sie Privatpersonen, die sich sogar „streicheln“ dürfen, wenn sie es denn wollen. Aber ob öffentlich, ob privat: Ihr Miteinander steht nicht in Frage. Deshalb waren es gute Zeiten, als der Vierzeiler entstand. Sie sollten schlechter werden.

Noch miteinander

Das Missfallen an der Literaturkritik durchzieht Walsers Werk von Anfang an. Es ist eine mächtige Obsession. Über die Jahrzehnte hinweg wird er sich mit dem Beruf des Rezensenten nicht abfinden, geschweige denn aussöhnen können. Sein Ideal für den Umgang mit Texten formuliert er 1964 im „Tagtraum, dass der Kritiker ein Schriftsteller sei“. Die zahlreichen eigenen, nicht selten brillanten Texte über Autoren und Werke aus Vergangenheit wie Gegenwart nennt Walser „Leseerfahrungen“, noch viel lieber allerdings: „Liebeserklärungen“.

Sein Œuvre kennt im Grunde nur eine einzige Zäsur. Markiert ist sie mit dem Erscheinen des Romans „Ein springender Brunnen“ von 1998. Jahrzehnte lang hatte er dieses unverstellt autobiographische Buch aufgespart. Ausgerechnet diesem Buch aber werden im „Literarischen Quartett“ des ZDF vom 14. August 1998 die Kritiker Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek, Andreas Isenschmid und Marcel Reich-Ranicki nicht etwa mangelnde literarische Qualität, sondern die Absenz von Auschwitz sowie antisemitische Figurenklischees vorwerfen.

Von der Paulskirchenrede über die Bubis-Walser-Debatte (beide ebenfalls noch 1998) bis zur massiv skandalisierten Reich-Ranicki-Satire „Tod eines Kritikers“ von 2002: Alles, was danach geschah, geht letztlich auf das finale Zerwürfnis zwischen dem Autor Walser und der institutionalisierten Literaturkritik zurück. 1993 taucht in Walsers fiktionalem Werk erstmals ein Literaturkritiker auf, dessen Züge entfernt an Marcel Reich-Ranicki erinnern. Die Figur heißt Willi André König, der Roman trägt den Titel „Ohne einander“. Ein Vierzeiler wie „Clowns sind wir“ wäre auch danach noch eine ganze Weile möglich gewesen, das Miteinander endet erst im August 1998. Walser hat das kleine Gedicht übrigens weder in die Werkausgabe von 1997 noch in die „Gesamtausgabe letzter Hand“ von 2017 aufgenommen. Reich-Ranicki starb 2013, in wenigen Wochen, am 2. Juni, werden wir den hundertsten Geburtstag feiern. Martin Walser wird am kommenden Dienstag 93 Jahre alt.

Martin Walser: „Clowns sind wir“

Clowns sind wir, der Zirkus heißt Kultur,
Unsre Nummer: Watschen mit Gesang.
Streicheln dürfen wir uns nur
Draußen in dem dunklen Gang.

In: „Lieber Marcel. Briefe an Reich-Ranicki“. Hrsg. von Jochen Hieber. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und München. 2. erweitere Auflage 2000. 528 S., geb., vergriffen.

 

Von Martin Walser ist zuletzt erschienen: „Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“. Legende. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 96 S., geb., 20,– €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Freier Autor im Feuilleton.
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