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Frankfurter Anthologie

Gunnar Ekelöf: „Das schwarze Bild“

Von Nico Bleutge
 - 17:00

In der Blachernenkirche in Istanbul, nicht weit von den Resten des einstigen Palastes entfernt, konnte man noch in den sechziger Jahren die Kopie einer berühmten Ikone bewundern. Ein dunkles Madonnenbild, das ursprünglich mit Gold und Silber beschlagen war. Das Original hatte den Byzantinern zum Schutz gegen Angreifer und Naturkatastrophen gedient. Aus Verehrung küsste jeder Bewunderer die Ikone – so erhöhte er seine Chance auf Beistand, zugleich aber wurde die Schicht aus Gold und Silber mit jedem Kuss dünner.

Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf hat die Kopie des „zerküssten“ Bildes 1965 bei einem Besuch in Istanbul gesehen. So fest brannte sich dieses Erlebnis in sein Gedächtnis ein, dass er der Begegnung mit der Heiligen Jungfrau einen ganzen Gedichtzyklus schenkte, seinen „Diwan über den Fürsten von Emgion“. Zu den großen Denk- und Sprachreservoirs, aus denen Ekelöf immer wieder schöpfte, gehört die Mystik. Speziell ihre orientalische Ausformung, wie sie sich etwa bei Ibn Arabi findet, jenem sufischen Dichter aus dem dreizehnten Jahrhundert, für den die mystische Verschmelzung der erfüllendste Weg war, das Sichtbare zu übersteigen. Das Erleben des Anderen, es mag sich um Gott handeln oder um die Liebe, ist so etwas wie die dunkle Essenz jeder mystischen Erfahrung. Eine Erfahrung, die so umfassend ist, dass sie jede Weltsicht sprengt, die auf bloßen Gegensätzen beruht: Denken und Fühlen, Licht und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum. Vor allem aber sprengt sie alle Möglichkeiten von vermittelnder Sprache, ist doch jeder Begriff eingespannt in ein Netz von Dualitäten und entzieht sich in seiner Tendenz zur Begrenzung der mystischen Erfahrung, die ihrem Wesen nach gerade entgrenzend ist.

Wörter aus den Bläschen vom Grund

Wie könnte sich eine solche Erfahrung sprachlich fassen lassen, allem Gegensatzdenken und allen Widerhaken der Sprache zum Trotz? Ekelöf baut auf die Wiederholung. Intensive Fügungen wie „das schwarze Bild“, „unter Silber“ oder „alles was wir“ werden zu Paradoxien verbunden und einem Spiel aus Reihungen und kleinen Variationen anvertraut. Dazwischen sitzt die Leitvokabel „zerküßt“. Zwölf Mal taucht sie im Laufe des Gedichts auf, erst kurz vor dem Ende greift Ekelöf auch hier zu einer Variation und zaubert ein „geküßt“ aus seinem Sprachbeutel hervor, das wie die dreizehnte Fee im Märchen erscheint. Zwar spricht er an dieser Stelle keinen Fluch aus, aber er verschiebt das gesamte Gefüge um ein nicht unbedeutendes Moment, indem er das „wünschen“ um sein negatives Pendant ergänzt: um das „nicht wünschen“ – eine dialektische Denkfigur.

Überhaupt spielt die Dreizehn, diese magische Zahl, eine große Rolle in dem Gedicht. Dreizehn Mal wird das zerküsste Bild beschworen, aus zwei Mal dreizehn Versen besteht der ganze Text. Alternierendes Versmaß und Dreierklänge wechseln sich in freier Variation von Zeile zu Zeile ab. Ein Kippgesang aus Anwesenheit und Abwesenheit, der etwas von der Widersprüchlichkeit der mystischen Bewegung spürbar macht und der auch die Verschwisterung von Liebe und Zerstörung zeigt, die im „Zerküssen“ steckt. Ekelöf bildet diese Erfahrung nicht nur nach – er bringt sie gleichzeitig in der Sprache hervor. Als würde man einer Litanei folgen, schwingt man beim Lesen des Gedichts mit. So, wie die Materie durch die Küsse ausgelöscht wird, kann man als Leser mit ein bisschen Glück in einen Zustand der Selbstversenkung geraten, meditativ, tranceartig, kann momenthaft nicht weniger als eine mystische Auslöschung erfahren.

Was er sich wünsche, „ehe das Dunkel zusammenschlägt“ über ihm, fragt sich Ekelöf in einem anderen Gedicht. Und er antwortet: Eine geballte Faust zwischen Teichrosen möge als Letztes zu sehen sein „und als letztes zu hören ein Wort aus den Bläschen / vom Grund“. Vielleicht ist seine mystische Sprache des zerküssten Bildes nichts anderes als eine solche Diktion kurz vor dem Verstummen, kurz vor dem Vergehen. Schillernden Bläschen gleich, steigen die Gedanken vom Grund des Bewusstseins auf. Doch was sie freigeben, ist nur ein Quantum Luft, Pneuma, wie die Griechen es nannten, Atem, der sich zu einzelnen Wörtern formt, die nichts sein wollen – und zugleich alles.

Gunnar Ekelöf: „Das schwarze Bild“ / „Den svarta bilden“

Das schwarze Bild
unter Silber zerküßt
Das schwarze Bild
unter Silber zerküßt
Unter dem Silber
das schwarze Bild zerküßt
Unter dem Silber
das schwarze Bild zerküßt
Rund um das Bild
das weiße Silber zerküßt
Rund um das Bild
das Metall selber zerküßt
Unterm Metall
das schwarze Bild zerküßt
Dunkel, o Dunkel
zerküßt
Dunkel in unseren Augen
zerküßt
Alles was wir wünschten
zerküßt
Alles was wir nicht wünschten
geküßt und zerküßt
Alles dem wir entrannen
zerküßt.
Alles was wir wünschen
wieder und wieder geküßt.

Aus dem Schwedischen übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke

***

Den svarta bilden
under silver sönderkysst
Den svarta bilden
under silver sönderkysst
Under silvret
den svarta bilden sönderkysst
Under silvret
den svarta bilden sönderkysst
Runt kring bilden
det vita silvret sönderkysst
Runt kring bilden
själva metallen sönderkysst
Under metallen
den svarta bilden sönderkysst
Mörker, o mörker
sönderkysst
Mörker i våra ögon
sönderkysst
Allt vad vi önskat
sönderkysst
Allt vad vi inte önskat
kysst och sönderkysst
Allt vad vi undsluppit
sönderkysst.
Allt vad vi önskar
flerfaldiga gånger kysst.

Gunnar Ekelöf: „Diwan über den Fürsten von Emgion“. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich Verlag, Münster 1991. 212 Seiten, geb., 35,– €.

 

Von Nico Bleutge erschien zuletzt der Gedichtband „nachts leuchten die schiffe“. Verlag C.H.Beck, München 2017. 87 S., geb., 16,95 €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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