Frankfurter Anthologie

Debora Vogel: „Radierung Herbst“

Von Anna Maja Misiak
16.12.2016
, 17:00
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Ihre in jiddischer Sprache geschriebenen Gedichte sollten dem Alltag verhaftet sein. Doch fand die Autorin, dass der Mehrdimensionalität des Lebens nur bildhafte, kubistische Wortkombinationen gerecht werden könnten.
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In ihrem Debütband „togfigurn. Lider“ („Tagfiguren. Gedichte“) stellte die 1900 im galizischen Bursztyn geborene Debora Vogel dem jiddischsprachigen Lesepublikum vier umfangreiche, zwischen 1924 und 1929 verfasste Gedichtzyklen vor. Allein deren Überschriften kündigten ein Programm an: „Rechtecke“, „Häuser und Straßen“, „Müde Kleider“ und „Blech“. Überzeugt davon, dass die einzig wahre Kunst dort entsteht, wo sich das Aktuelle mit dem Universellen überschneidet, widmete die Dichterin ihre Aufmerksamkeit dem gleichmäßig unsere Sinne wiegenden Rhythmus des Alltags, der täuschenden Vielfalt der Menschenmasse, den Dingen und Stoffen der industriellen Welt.

Das Gedicht „Radierung Herbst“ gehört zum „Rechtecke“-Zyklus, in dem sich die Dichterin intensiv mit der Malerei der Avantgarde auseinandersetzte. Ihr war klar, dass das Wort nie so abstrakt wie Punkt, Linie oder Fläche als Gestaltungsmittel oder als „reines“ Konstruktionsteil der Wirklichkeit fungieren würde. Trotzdem versuchte sie ihre Gedichte als Entsprechungen der kubistischen und konstruktivistischen Gemälde zu schreiben. Sie gestaltete die Wirklichkeit nach Grundsätzen der Geometrie, erforschte ihre Strukturen dank Aufzählungen, Wiederholungen, monotonem Versrhythmus, täuschte und aktivierte alle Sinne der Lesenden mit seltsamen und oft synästhetisch wirkenden Wortkombinationen. Die Mehrdimensionalität des Lebens transponierte sie autoritär auf imaginäre Bildflächen.

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Graue Milch der Tage

Als kunstvollen Stich zeigt uns Vogel die Welt in der ersten Strophe ihres Gedichtes. Die Striche der grauen Herbstlandschaft sind einfach, einmalig und echt. Die Schönheit der Kaltnadelradierung hat jedoch ihren Preis: der fein schattierte Ton verschwindet allmählich mit jedem weiteren Abdruck. Die Dichterin lässt uns kaum Zeit, über unsere Vergänglichkeit nachzudenken. In der zweiten Strophe wechselt sie sowohl die Kulisse als auch die Kunsttechnik: Sie mischt Farben, klebt Figurenausschnitte auf, collagiert Pappe, Glas, Holz und Blech. Sie versetzt uns in eine vieldeutige Wirklichkeit. Sind es Köpfe der Frisierpuppen hinter Schaufenstervitrinen oder doch lebendige Damen mit Schneiderpuppenallüre, die aussichtslos an Fenstern der herbstlichen Häuserlandschaft kleben? Sind die Tage aus tastbarem Material oder doch ungreifbar im rasterhaften Rhythmus der Woche? Vermag das warme fruchtfleischige Gelb die steife Pappe zu beleben? Und warum verbindet Vogel explizit diese kräftige, schwerelose, den Geist und das Denken versinnbildlichende Farbe mit dem Verlassensein?

Die Stimmung ihres nächsten Bildes erschafft die Lyrikerin in zwei weiteren Strophen mit Hilfe der Farbe Grau, die laut Kandinsky als klanglos und unbeweglich wahrgenommen wird. Diese trostlose Unbeweglichkeit tröpfelt bei Vogel als graue süße Milch der Tage – in einem Rhythmus, der eine endlose Gegenwart herstellt und sie in Dinge und Menschen einfließen lässt, diese vollkommen ausfüllt und verfärbt.

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Milch ist im Band „Tagfiguren“ eine tragende Metapher. „Milchsteif, milchsüß und steif traurig“ ist für Debora Vogel das Leben, es ist „eine papierne milchige Flüssigkeit / in der grauen Kanne eines Tages / in sieben Kannen / in dreißig Kannen“, wie sie im Gedicht „Der Milchmann“ aus dem Zyklus „Blech“ schreibt. In den dreißiger Jahren war in Vogels Texten neben dieser steifen trüben Süße immer stärker die wache Bitterkeit präsent. Ihre Gedichte baute sie weiterhin auf dem unaufhörlichen Tropfenrhythmus der grauen Milch der Tage – Milch, deren Farbe immer trostloser und dunkler wurde. Die Schriftstellerin selbst gehörte mit ihrer ganzen Familie zu denen, für die Celans schwarze Milch der Frühe keine Metapher, sondern Realität war. Im August 1942 wurde sie im Lemberger Getto ermordet.

Debora Vogel: „Radierung Herbst“ / „radirung harbst“

In die graue Zinkplatte der Welt

eingeritzt mit Kaltnadel

graue Striche der Quadrate:

drei, vier, fünf Hausschächtelchen.

Drei Frauenköpfe aus zitronengelber Pappe

(der Farbe von verlassenen Sachen)

kleben an milchigen Scheiben

auf dem blechernen Tag-Brett,

auf den sieben Zinkbrettern einer Woche.

Die graue süße Milch der gleichen Tage

tröpfelt dreißigmal

tröpfelt dreimal dreißig

in drei zitronengelbe Gesichtsteller

in gläserne Augenkreislein

die zu süßen Farbflecken von Grau werden:

wie die Milch der Tage, an denen man nichts mehr will.

Aus dem Jiddischen von Anna Maja Misiak.

***

in der groer tsinkplate fun der welt

shteyen ayngekritst mit kalter nodl

groe shtrekh fun kvadratn:

dray fir finf hayzer-shakhtlekh.

drey froyen-kep fun tsitrongeln karton

(dem kolir fun farlozene zakhn)

klebn in milkhike shoybn

oyfn blekhernem togbret,

oyf zibn tsinkbreter fun a wokh.

di groe zise milkh fun glaykhe teg

tropt ayn dreysik mol

tropt ayn drey mol dreysik

in dray tsitrongele ponem-teler

in glezerne oygn-redlekh

vos vern zise farb-flekn fun grokayt:

vi di milkh fun teg, ven men vil mer gornisht.

Debora Vogel: „Die Geometrie des Verzichts“. Gedichte, Montagen, Essays, Briefe. Aus dem Jiddischen und Polnischen übersetzt und herausgegeben von Anna Maja Misiak. Arco Verlag, Wuppertal 2016. 671 S. geb., 32,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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