Frankfurter Anthologie

Wolfgang Bächler: „Der Lift“

Von Christian Metz
28.08.2020
, 17:00
Mit dem Aufzug ins Gehirn? Wolfgang Bächlers Beitrag zur Bewusstseinslyrik beginnt mit einer gruseligen Vorstellung.

Es beginnt mit einer alltäglichen Erfahrung. Ein akustisches Signal, das jeder sofort einordnen und einer vertrauten Technik zuschreiben kann: Surren der Beschleunigung, lauter werden, ein hydraulisches Ausatmen, ein Moment der Ruhe, Rumpeln und Rollen der Türen. So hört sich ein Lift an. Doch der zweite Vers lässt das Alltägliche ins Surreale kippen. Diese Verlagerung des Technischen in den menschlichen Körper erinnert an die Bilder, in denen das Gehirn aus Zahnrädern bestand. Oder es ruft sogar Descartes’ Entwurf des Körpers als Röhrensystem auf, in dem Lebensgeister und allerhand Flüssigkeiten durch die Glieder kreisten. Jetzt steigt also ein Aufzug mitten durch den Körperbau bis hinauf in die Schaltzentrale. Ob das Gehirn damit den Charakter einer Penthouse-Wohnung hat, in die man nur gelangt, wenn man einen speziellen Schlüssel für den Lift hat?

Wobei die Formulierung „er fährt durch meinen Körper“ nicht nur eine Ortsbeschreibung ist. Vielmehr weist sie darüber hinaus auch eine emotionale, wenn nicht sogar wirkungsästhetische Komponente auf. Denn man kennt dieses Gefühl beispielsweise vom Schrecken, der einem durch Mark und Bein fährt. Oder vom Hexenschuss. So geht einem als Leser das Bild vom Aufzug durch und durch. Was für ein schockierendes Geständnis: Ich habe nicht nur einen einfachen Schluckauf, sondern einen Aufzug in mir, der direkt in mein Gehirn führt. Wäre es da nicht sogar noch angenehmer, einen ansteckenden Virus in sich zu haben? Da kann man immerhin einen Arzt konsultieren. Das gilt zumal, da dieser Lift auf den so traditionsreichen Leib-Seele-Dualismus pfeift und ohne jede Barriere vom Körper direkt bis in Gehirn fährt. Auch diese Vorstellung ist so eindrücklich, weil sie sich eins zu eins auf einen Affekt verrechnen lässt: Es gibt ja auffahrende Charaktere, die schnell die Spitze der Aufregung erreichen.

Schritte in den weiten Hallen des Großhirns

Besonders unangenehm erscheinen sie, wenn sich plötzlich ihr gesamter Aufzug dadurch verändert, dass sie ihre Temperamente nicht unter Kontrolle haben und wenn sich ihre auffahrende Art insofern direkt auf ihre Gehirntätigkeit auswirkt, als sie jeden klaren Gedanken unmöglich macht. Choleriker leiden unter einem Schluckauf oder Aufzug der Affekte. In jedem Fall eröffnet dieses Gedicht mit einem der körpertechnisch gruseligsten Dreizeiler der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Und das trifft bereits zu, bevor man sich vorgestellt hat, dass im Lift die typische Aufzugmusik laufen könnte.

Im Gehirn angekommen, folgt ein lakonischer Einzeiler. Im Zeilenstil gehalten, knapp, präzise, passgenau. Ein Satz wie ein Fallbeil. Bis jetzt ging es nach oben. Nun geht es bergab, zumindest wenn man das Wortmaterial in den Fokus rückt: Die Tür fällt ja nicht zufällig, wenn sie zufällt. Das abschließende Quartett besteht syntaktisch aus zwei Zweizeilern: „Ich weiß nicht, wer aussteigt.“ Der Kontrollverlust über das eigene Bewusstsein lässt sich nicht pointierter darstellen. Da hat das Ich ein feines Gespür für die Mechanik des Lifts. Das Subjekt hört zwar, was andere kaum in sich wahrnehmen würden. Aber es bekommt dennoch kein Bild in den Kopf. Weil das Bild unscharf bleibt? Oder vollkommen im Dunkeln liegt? Was für eine sinnliche (weil hörbare), aber trotz aller Verstandestätigkeit unfassbare Horrorvorstellung. Und was für ein genialer Einfall! Die Aufzugtür schließt, jemand steigt im eigenen Gehirn aus. Mit solchen Bildtechniken unidentifzierbarer Eindringlinge arbeiten sonst Filmemacher wie David Lynch. Eigentlich fehlt in dieser Reaktionskette nur noch der schreckliche Schmerz, ausgelöst durch den tödlichen Schuss oder Stich, dem einen der oder die Unbekannte versetzt hat.

Aber anstatt das diffus Bedrohliche zu einem klaren Schmerz zuzuspitzen, folgt Suspense wie bei Hitchcock. Man glaubt zu wissen, dass etwas Schreckliches passieren wird, aber man weiß nicht, wann und wie. Und wenn doch überhaupt nichts geschieht? Zumindest legt das Gedicht keinen Wert darauf, die Bedrohung aufzulösen. Klar ist nur: Wer im Kopf ist, kommt nicht mehr heraus. Der wird es sich auch dann noch in den weiten Hallen des Großhirns gutgehen lassen oder sich in die pulsierenden Zellen des limbischen Systems verkrochen haben, wenn seine Schritte längst verhallt sind. Wer jetzt noch keine Angst hat, muss wahnsinnig sein. Und wer nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, kann sich glücklich schätzen, im Vergleich zu jenem, in dessen Kopf die Schritte eines Fremden verhallen. Wolfgang Bächler, der dieses Gedicht unentrinnbarer Bedrohung 1976 ausgerechnet in seinem Band „Ausbrechen“ veröffentlicht hat, ist noch immer der zu Unrecht große Unbekannte der deutschsprachigen Bewusstseinslyrik.

Wolfgang Bächler: „Der Lift“

Ich höre den Lift.
Er fährt durch meinen Körper
hinauf bis ins Gehirn.
Die Tür fällt zu.
Ich weiß nicht,
wer aussteigt.
Die Schritte verhallen
in meinem Kopf.

Wolfgang Bächler: „Gesammelte Gedichte“. Hrsg. von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Verlag S.Fischer, Frankfurt am Main 2012. 400 S., geb., 17,– €.

 

Von Christian Metz ist zuletzt erschienen: „Kitzel“. Genealogie einer menschlichen Empfindung. Verlag S.Fischer, Frankfurt am Main 2020. 640 S., geb., 32,– €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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