Frankfurter Anthologie

Michael Buselmeier: „Die Läuterung (2)“

Von Helmuth Kiesel
08.11.2019
, 17:00
Michael Buselmeier ist endlich wieder ein Dichter, der den hohen Ton anschlägt. Seine Gedichte orientieren sich an Dantes „Göttlicher Komödie“, der Widersprüche aktuell geblieben sind.

Das Gedicht „Die Läuterung (2)“ steht in dem vorletzten Gedichtband, den der Heidelberger Schriftsteller Michael Buselmeier 2012 unter dem anspruchsvollen Titel „Dante deutsch“ vorlegte. Überschrift und lockere Terzinenform verweisen auf dessen heilsgeschichtlich perspektiviertes Großpoem „Divina Commedia“, in dem der Autor zunächst mit den Verdammten der Hölle konfrontiert wird, dann über den „Läuterungsberg“ zum Paradies emporsteigen darf. Auch in Buselmeiers Band sprechen die ersten vier Gedichte von der Hölle, doch ist diese kein jenseitiger Ort, sondern unsere Welt der Gewaltorgien und der Naturverwüstung von den „Steppen der Kolyma“ und den „Baracken Workutas“ bis zu den vermüllten Slumstädten Afrikas. Auch viele weitere Gedichte klagen über die infernalischen Seiten unserer Zivilisation, und dies in einem Ton, der, von Erschütterung und Empörung erfüllt, beim Erscheinen des Bandes wie ein Donnerschlag in das feinstimmige Gewisper des lyrischen Firmaments platzte und mir seitdem im Ohr und Bewusstsein nachhallt. Endlich wieder ein Dichter, der den hohen Ton anschlägt, aber nicht etwa als auserwählter Seher und Künder neuer Reiche, sondern als mitleidender Sprecher der gefolterten Menschheit und der geschundenen Welt!

Allerdings verharrt Buselmeier so wenig wie Dante in der Hölle. Vielmehr folgt er diesem mit vier weiteren Eingangsgedichten über den „Läuterungsberg“ bis in die paradiesischen Gefilde, denen ebenfalls vier Gedichte gewidmet sind. Das schönste dieser Gedichte, die aus der Katastrophenwahrnehmung herausführen, steht unter der Überschrift „Die Läuterung (2)“.

Für die Hausbücherei der Gegenwart

Es ist die Erinnerung an ein Fronleichnamsfest, also an jenen heute kaum mehr verstandenen Feiertag, dessen wir uns, sofern wir in vorwiegend katholischen Gegenden leben, zehn Tage nach Pfingsten erfreuen dürfen; im zweiten Wort des Gedichts klingt sein Name an. Der Zweck dieses Feiertags ist die Erinnerung an die Einsetzung des allerheiligsten „Altarsakraments“ von Brot und Wein, worin der lebendige Leib (ihn meint das alte dichterische Wort „Leichnam“) und das Blut des Erlösers und Herrn („Fron“) gegenwärtig sind. Am Gründonnerstag, an dem dies eigentlich zu feiern wäre, kann es der unmittelbar folgenden Passion wegen nicht geschehen. So wird es seit dem hohen Mittelalter im Frühsommer in Form einer feierlichen Messe und einer Prozession über Blütenteppiche nachgeholt und kann, wenn das Wetter mitspielt, zu einem freudigen und erhebenden Gesamtkunstwerk werden, in dem Religion und Natur, Glockenklang und Vogelstimmen, Weihrauch- und Lindenblütenduft sich eben so innig durchdringen wie in Buselmeiers Gedicht. Er braucht ja, um dem gerecht zu werden, nicht nur Endreime, die Einklänge zwischen Zeilen und Strophen herstellen, sondern auch Binnenreime, die den Eindruck der Verwobenheit intensivieren. Vokabeln mit ausgesprochenem „Wallungswert“, wie Gottfried Benn sagte, die zum Teil in „harter Fügung“ (Norbert von Hellingrath) ohne klare syntaktische Bindung aneinandergereiht werden, entfalten ihre Evokationskraft und bestimmen die Atmosphäre. Alles wirkt klangvoll, erhaben und fromm, von der ersten Zeile mit den gewichtig und zugleich geheimnisvoll den Gedenktag intonierenden Komposita „Schmerzlust Fronlast“ bis zu der bekenntnishaften Schlussfrage, ob wir die Letzten sind, die Gott noch spür(t)en.

Dann freilich wird – im vorletzten Vers – die ganze religiöse Feierlichkeit mit etwas Erdbeereis bekleckert und solchermaßen zwar nicht destruiert, aber weltlich gemildert und wohl ins Einst der Kindheit verwiesen. Läuterungsbemühungen und Paradieserwartungen sind angesichts des Laufs der Welt in Frage gestellt, vielleicht nur noch Vergangenheitsbilder. Aber diese will der Dichter trotz des traurigen Zustands der gegenwärtigen Welt nicht einfach verabschieden und vergessen, sondern als Bilder ersehnten Glücks und erhofften Heils in Erinnerung rufen und als eigentliches Lebensziel beschwören: „Diesen Liedern von Wald und Wild“, heißt es in „Das Paradies (2)“, „mitgesungen im Widerschein / der Fackeln und Rufe / entfliehen wir nimmer“.

Auf die zwölf an der „Divina Commedia“ orientierten Eingangsgedichte folgen einundfünfzig weitere und zum Teil längere Gedichte, die von wichtigen Lebenserfahrungen sowie mythologischen und literarischen Figuren handeln, vor allem aber von der Wahrnehmung der Welt in der engeren Umgebung und während einiger Reisen durch Europa und Afrika. Auch hier liegen Hölle, Läuterungsberg und Paradies nah beieinander: Nigeria, „verbrannt verschorft verwüstet“, und daneben ein heimatlicher und sommerlich von ätherischen Düften erfüllter Tannenwald, in dem man reines Daseinsglück verspürt und ewig verweilen möchte. In diesem Nebeneinander des krass Widersprüchlichen zeigt sich unsere existentielle Situation, die mit einer Formulierung, zu welcher der Schriftsteller Jochen Klepper sich im August 1933 gedrängt sah, als „Leben zwischen Idyllen und Katastrophen“ bezeichnet werden kann. Buselmeiers „Dante deutsch“ beschreibt und profiliert das verunsichernde Ausgesetztsein zwischen diesen beiden Polen als Modus unserer Existenz und gehört zwingend in die Hausbücherei der Gegenwart.

Michael Buselmeier: „Die Läuterung (2)“

Schmerzlust Fronlast sagst du, ihr seid das Feld,
der Gottesacker Welt; ihr seid des Lebens
zähe Kreisform Tod. Ich bin das Brot,

der Wein im hellen Kelch, das Wort aus Stein,
gegerbtes Fell, die Fahne weiß und rot,
das Lindenblühn im Park, die Birken locken,

der Weihrauchduft, die Vogelsprache, Glocken
so nah im Wind, als ich verschlafen, blind
den Laden aufstieß und die Kinder sah

auf Blütenblättern kniend, O und A.
Sind wir die Letzten, die Gott spüren,
im Baldachin durch unsre Gassen führen,

jasminbekränzt uns in die Lüfte schwingen,
mit Erdbeereis bekleckert Verse singen?
Am Schluß des Zugs die flackernde Monstranz.

Michael Buselmeier: „Dante deutsch“ Gedichte. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2012. 98 S., br., 17,80€.

Von Helmuth Kiesel ist zuletzt erschienen: „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 bis 1933“. Verlag C. H. Beck, München 2017. 1304 S., geb., 58,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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