Frankfurter Anthologie

Robert Gernhardt: „Die Lust kommt“

Von Harald Hartung
12.02.2021
, 17:00
Die Erkenntnis stellt sich zwar ein, aber sie hat sich mal wieder zu viel Zeit gelassen: Dieses Gedicht ist das Lehrstück eines Sinnenfreudigen über die Unlust zur Unzeit.

Dass die Lust böse sei, ist ein altes Lied. Dass sie vergeht, beklagt die Menschheit seit dem Prediger Salomo. Dass sie ausbleibt, weiß der Leser von Goethes Gedicht „Das Tagebuch“. Aber wo beschwert sich jemand, dass die Lust im Moment nicht erwünscht ist? Bei Robert Gernhardt, dem Unvergessenen. Er hat eine Erfahrung beschrieben, die nicht jeder macht.

Damit fällt er uns nicht ins Haus. Der Titel gibt sich sogar als Versprechen: „Die Lust kommt“. Doch schon mit dem ersten Vers des jambischen dreistrophigen Gedichts wissen wir, dass aus ihr nichts werden kann, ja nichts geworden ist. Der große Moment findet einen dürftigen Empfänger und eine dürftige Erklärung: Die Lust komme zu früh oder zu spät. Die lässige Ausrede „Ich hatte grad zu tun“ gibt sich nicht die geringste Mühe zu überzeugen. Mit nur vier statt der verlangten fünf Betonungen füllt sie die Zeile.

Wer etwas versäumt, kann auch etwas gewinnen

Doch dann packt unseren Lustunlustigen das Rechtfertigungsbedürfnis. Es ist stark, es füllt eine ganze Strophe. Und diese ist, in all ihrem gespielten Ungeschick, ein Lobpreis auf die Urmacht der Lust – eine „Rühmung“ hätte Rilke das genannt. Gernhardt ist kein Rilke. Er braucht den Jargon, um das Phänomen zu fassen: „Sie kam so kraß, so unbedingt, so eilig“. Da steht zwischen gedankenlosen Alltagsvokabeln das anspruchsvolle „unbedingt“. Und vollends verhaspelt sich die folgende Zeile: „Ich war ihr nicht, nicht meine Ruhe, heilig“.

Dabei entschlüpft ihm – als Reim auf das flüchtige „eilig“ – ein großes Wort: „heilig“. Erstaunlich ist, wem es gilt. Nämlich nicht der Lust, wie man vermuten möchte, sondern dem lyrischen Ich: „Ich war ihr (der Lust) nicht ... heilig“. Sollte unser Mann die Lust als etwas Heiliges respektieren und sich selbst als einen Unwürdigen, dem es spießerhaft um seine Ruhe geht? Jedenfalls rettet er sich in ein trauriges Resümee: „Da kam die Lust, und ich war nicht bereit“.

Mit dieser klagenden Selbstbezichtigung tritt die Lust-Krise in ihr akutes Stadium. Denn nun erscheint die Lust selbst, als Hauptperson: „Sie stand im Raum. Ich ließ sie darin stehen“. Robert Gernhardt, ein Meister der Ambivalenz, macht die blasse Redewendung, wonach etwas im Raum steht, zur konkreten Figur. Sie erscheint als Frau, als Dame Lust. Sie gibt dem, den sie besucht, wie die Dame dem Minnesänger, ein Zeichen ihrer Huld. Doch der Verstockte hat noch immer nicht begriffen: „Sie seufzte auf und wandte sich zum Gehen“.

Er lässt also die Dame wirklich gehen und bemerkt, es habe ihm „kaum“ leid getan. Ist er vollends zynisch? Völlig ohne Empfindung? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Erkenntnis kommt, wenn auch spät. Zu spät? Es ist nie zu spät, sagen wir gern. Unser Zauderer, Bedenkenträger, Lustunlustiger hat – endlich, nach zwölf Zeilen Aufschub, mit Zeile dreizehn – seine Lektion gelernt. Es scheint, als habe der bekannt sinnenfreudige Robert Gernhardt uns ein Lehrstück liefern wollen: Die Lust ist eine Kraft, der man nicht immer und unbedingt sofort opfern muss, selbst wenn man dabei nicht bella figura macht. Der Zögernde, der Ungeschickte, ist nicht minder liebenswert. Wer etwas versäumt, kann auch etwas gewinnen: „Erst als sie wegblieb, blieb mir für sie Zeit“. Für welche Lust eigentlich? Das lässt der Dichter offen.

Robert Gernhardt: „Die Lust kommt“

Als dann die Lust kam, war ich nicht bereit.
Sie kam zu früh, zu spät, kam einfach nicht gelegen.
Ich hatte grad zu tun, deswegen
war ich, als da die Lust kam, nicht bereit.

Die Lust kam unerwartet. Ich war nicht bereit.
Sie kam so kraß, so unbedingt, so eilig.
Ich war ihr nicht, nicht meine Ruhe, heilig.
Da kam die Lust, und ich war nicht bereit.

Die Lust war da, doch ich war nicht bereit.
Sie stand im Raum. Ich ließ sie darin stehen.
Sie seufzte auf und wandte sich zum Gehen.
Noch als sie wegging, tat es mir kaum leid.
Erst als sie wegblieb, blieb mir für sie Zeit.

Robert Gernhardt: „Gesammelte Gedichte 1954 bis 2006.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 1168 S., geb., 18,– €.

Von Harald Hartung ist zuletzt erschienen: „Das Auto des Erzherzogs“. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 72 S., geb., 18,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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