Frankfurter Anthologie

Henning Ziebritzki: „Die Wasseramsel“

Von Norbert Hummelt
Aktualisiert am 13.11.2020
 - 18:16
Für seinen Gedichtband „Vogelwerk“ wurde Henning Ziebritzki mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Darin das schlichte und schöne Porträt dieser ganz besonderen Amsel.

Vor Jahren einmal, an einem Bachlauf im Westerwald, zeigte mir ein junger Mann die Wasseramsel. Mir war diese Vogelart nicht bekannt, aber schon der Name faszinierte mich, die Verbindung von fließendem Wasser mit dem wahrscheinlich ersten Vogel, den ich als Kind benennen konnte, war beinahe schon ein Gedicht. Der sie mir zeigte, war zufällig Landschaftsarchitekt, etwas, was jeder Vogel gleichsam im Nebenberuf ist. Unter einer Brücke hatte diese Wasseramsel ihr kugelförmiges Nest gebaut, saß da und brütete, und daran musste ich nun wieder denken, als ich Henning Ziebritzkis Gedicht las, das die Wasseramsel auf so schöne und schlichte Weise verewigt.

Das Gedicht setzt auf eine ganz prosaisch wirkende, zutiefst demokratische Weise ein, die sofort deutlich macht, dass die Erfahrung, die hier mitgeteilt wird, prinzipiell jeder machen kann – oder fast jeder. „Als ich in der Dämmerung von der Arbeit komme . . .“ Das ist eine Einladung zur Partizipation an allem, was nun kommt, und selbst wer keine Arbeit hat, muss sich nicht ausgeschlossen fühlen, denn auch derjenige, der da in der Dämmerung zu Fuß geht, arbeitet in diesem Moment nicht. Er ist vielleicht abgespannt, zerstreut, sieht vor sich hin und rechnet nicht mit einer Offenbarung. Die aber ereilt ihn, als er am Stadtgraben etwas Weißes sieht, das sofort seine Aufmerksamkeit erregt. Der Brustfleck der Wasseramsel – dass er sie benennen kann, liegt daran, dass er mit dieser Vogelart vertraut ist, er erinnert sich an sie. Aber jede Vertrautheit wird durch ein großes Staunen außer Kraft gesetzt. Es geht von dem Weiß auf der Brust des Vogels aus, das im Anschauen nur immer weißer und leuchtender wird.

Das fließende Weiß auf der Brust eines Vogels

Der Stadtgraben ist ein stehendes Gewässer, das Fließende, das sonst eine Eigenschaft des Wassers ist, hat die Wasseramsel ganz an sich gezogen. „Das fließende Licht der Gottheit“ – der Name einer Schrift Mechthilds von Magdeburg mag dem Betrachter für einen Sekundenbruchteil durch den Kopf gehen. Das fließende Weiß wird „flackernde Flamme“, dann aber bewegt der Vogel sich, und sein weißes Feuer, kurz verdunkelt, wird zum Irrlicht, der Spaziergänger für einen Moment zum Winterreisenden: „In die tiefsten Felsengründe lockte mich ein Irrlicht hin . . .“. Die Felsengründe sind der rissige Asphalt einer vielbefahrenen Straße, die jetzt vom Feierabendverkehr illuminiert wird. Aber die Scheinwerfer der rollenden Wagen können das Weiß des Brustflecks nicht überstrahlen. Der Spaziergänger lässt die Busse fahren, wohin sie wollen, er hat sein Ziel geändert: „Ich folge weiter deinem Fleck.“

Was so alltäglich begann, hat sich völlig verwandelt. Das zeigt sich einschneidend in der Du-Ansprache an die Wasseramsel, die unvermittelt kommt und fast intim klingt – als habe sich der Heimkehrer von der Arbeit frisch verliebt („es scheint ein Spiel“). Was Ziebritzki hier schildert, ist eine Epiphanie, was zunächst nichts anderes als Erscheinung bedeutet. In der Antike verstand man darunter das plötzliche Sichtbarwerden einer Gottheit. In der christlichen Welt wird das Dreikönigsfest als Epiphanias bezeichnet, Erscheinung des Herrn. Es gibt aber auch eine profanere Auslegung des Begriffs, die mit James Joyce Eingang in die Literatur gefunden hat. In den Anfängen seines Schreibens zeichnete Joyce Begebenheiten auf, in denen sich Menschen oder Dinge plötzlich in einem anderen, unvertrauten Licht zeigten, und nannte die kurzen Prosatexte, in denen er diese Erlebnisse festhielt, Epiphanien.

Solchen epiphanen Momenten verdanken sich auch die Gedichte, die Henning Ziebritzki in seinem Gedichtband „Vogelwerk“ gesammelt hat, für den der 1961 geborene, in Tübingen lebende Autor mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet worden ist. Es sind 52 an der Zahl, man könnte sie als Wochenkalender benutzen, aber sie folgen nicht dem Jahreslauf, sondern vielleicht der Chronologie ihrer Entstehung. Am Anfang steht jedenfalls die Amsel, nicht die, die nah am Wasser baut, sondern die uns allen bekannte mit dem gelben Schnabel. „Ein Rascheln im Laub“ macht auf sie aufmerksam, schon tritt sie „aus ihrem Geräuschversteck, / gefrorenen Blättern, stiebendem Schnee“. Sie tut, was Amseln gemeinhin so machen, „starrt und wühlt / sich wieder in das Eisgestrüpp, zögert, als sei sie überrascht / von einem Fund“. Aber der sie betrachtet, ist herausgerissen aus dem Einerlei der verfließenden Momente, er selbst ist „überrascht von einem Fund“ und für eine kurze Zeit ganz eins mit dem Gegenstand seiner Betrachtung.

Derartige Erfahrungen teilen die Gedichte Ziebritzkis mit uns, die sich leicht erschließbar geben, aber dann auch wieder sperrig sind, auf dezente Weise gebildet und voller menschlicher Geheimnisse. Wie es letztlich ein Geheimnis bleibt, warum es ausgerechnet Vögel sind, die wir so nachhaltig und mit Liebe betrachten. Jedes Frühjahr kommen sie wieder, längst nicht mehr alle, sondern weniger von Jahr zu Jahr, was sie nur immer kostbarer macht. Den Tag vor Jahren und den Bachlauf im Westerwald hätte ich längst vergessen, wenn die Wasseramsel nicht gewesen wäre.

Henning Ziebritzki: „Die Wasseramsel“

Als ich in der Dämmerung von der Arbeit komme
und sie im Stadtgraben unter mir entdecke, verwirrt mich,
daß das Weiß auf ihrer Brust um so viel weißer ist
und weiter fließt, als ich es erinnern kann. Eine flackernde
Flamme, die manchmal verlischt, wenn ihr Körper wegknickt
auf einem Stein, ein Irrlicht, das in Bögen vor mir herfliegt,
auftaucht, sich versteckt. Es scheint ein Spiel, wird naher
Widerstand, der mich zu Schattenresten zieht, in jeden Unterschied
und Riß im Ufer, im Asphalt, vom leuchtenden Verkehr
zum Schwingen gebracht. Die Acht fährt zum Bergfriedhof,
ein Reisebus zum Flughafen. Ich folge weiter deinem Fleck.

Henning Ziebritzki: „Vogelwerk“. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 64 S., geb., 18,– .

 

Von Norbert Hummelt ist zuletzt erschienen: „Sonnengesang“. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2020. 96 S., geb., 20,– .

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

 

Quelle: F.A.Z.
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