Frankfurter Anthologie

Tuvia Rübner: „Gedichte schreiben“

Von Matthias Weichelt
16.10.2020
, 17:00
Er legte auch mit neunzig Jahren den Stift nicht aus der Hand. Für den im vergangen Jahr gestorbenen Tuvia Rübner war das Schreiben eine innere Notwendigkeit – wie sehr, zeigen diese Verse.

Was bringt einen Dichter dazu, auch dann weiterzuschreiben, wenn die Verse nur noch mit Mühe ihren Weg aufs Papier finden, jede Silbe Qual und Anstrengung bedeutet? Wenn die Phantasie ihn im Stich lässt, die Bilder ausbleiben? Warum legt er den Stift nicht aus der ungelenkig gewordenen Hand, wo doch alles gesagt zu sein scheint?

Für den im Juli 2019 gestorbenen Tuvia Rübner war das Schreiben Lebensimpuls, Ausdruck innerer Erregung – kein Entschluss, sondern Notwendigkeit. Wie die „Unruh in der Uhr“, heißt es im Gedicht „Gedichte schreiben“, führen ihm „Vergessen und Gedächtnis/schwarze Striche auf das Weiß des Papiers“ – der Autor hält seismographisch fest, was ihn, „solang es Leben gibt“, Tag und Nacht heimsucht und bedrängt. Und er markiert, wie der Gefangene in der Kerkerzelle, mit den Strichen die Zeit, die seine Haft schon währt.

Das vergebliche Gebet der Verse

Doch aus den Strichen werden Worte und aus den Worten Zeugnisse, Zeugnisse eines Lebens, das am 30. Januar 1924 in Pressburg in der damaligen Slowakei beginnt, wo Kurt Tobias Rübner als Kind jüdischer Eltern deutschsprachig aufwächst und 1941, als Mitglied eines zionistischen Jugendbunds, in letzter Minute nach Palästina entkommen kann. Im Kibbuz „Merchavia“ in Galiläa arbeitet er zunächst als Schafhirte und lernt den Dichter Dan Pagis kennen. Hier erreicht ihn das letzte Telegramm seiner Eltern, die zusammen mit der dreizehnjährigen Schwester und den Großeltern 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet werden.

Was er erlebt hat, bleibt ihm „traumatisch in Herz und Hirn“: „Wie gern vergäße auch ich, könnte ich es.“ Das Erinnernmüssen und Vergessenwollen, schreibt er im Vorwort seines letzten, die Gedichte des 89. bis 92. Lebensjahrs umfassenden Bandes mit dem Titel „Im halben Licht“, wird zur widersprüchlichen Grundempfindung seines Lebens und Schreibens, zur Unruh seines Daseins. Dass er zunächst weiter auf Deutsch schreibt, dann seine zahlreichen hebräischen Gedichte selbst ins Deutsche überträgt, zuletzt wieder in der Muttersprache dichtet und den Klang eines deutschen Gedichts immer noch als inniger empfindet, erscheint ihm, mit einem Wort seines Freundes Friedrich Dürrenmatt, grotesk. Aber es gibt kein Loskommen von den ersten Prägungen, der früh mit allen Fasern aufgenommenen Kultur, der Anhänglichkeit an „gewisse Gedichte, gewisse Gestalten, gewisse Musikstücke und Bilder“. Geistig lebe er nach wie vor im östlichen Mitteleuropa, auch wenn ihn der Kontinent als Achtzehnjährigen „ausgespien“ habe.

Auch später hielt das Leben harte Schläge für ihn bereit – seine erste Frau starb bei einem Busunglück, das er schwerverletzt mit der gemeinsamen Tochter überlebte, ein Sohn verschwand in Südamerika. Aber als wir Tuvia Rübner im Juni 2019, wenige Wochen vor seinem Tod, in seinem winzigen, zahllose Bücher und Erinnerungsstücke bergenden Haus in Merchavia besuchten, empfing uns ein großer, heiterer Mann mit einem schmalen und fast durchsichtigen Körper. Das Gehen und Sitzen fiel ihm schwer, aber seine feine Ironie, seine Neugier und Zugewandtheit hatte er nicht verloren. Und als er, in einen langen, hellen Kaftan gekleidet, aus Gedichtmanuskripten vorlas, während im Hintergrund die Klimaanlage rauschte, war seine Stimme fest und sicher und hatte etwas vom Klang der alten Heimat. Mit seiner zweiten Frau Galila Jisreeli, einer Konzertpianistin, die aus einer russisch-jüdischen Familie stammte und sein Wissen um „Vergessen und Gedächtnis“ teilte, war er seit 1953 verheiratet. Ihr, die „leichtfingrig das Werk/aus Schwarz und Weiß erstehen lässt“, ist das vorliegende Gedicht gewidmet.

Dem Austausch und Verständnis zwischen Deutschland und Israel hat Tuvia Rübner sich mit Hingabe gewidmet, als Professor für hebräische und deutsche Literatur an der Universität Haifa, als Abgesandter der Jewish Agency in Zürich, als vielfach ausgezeichneter Übersetzer zwischen beiden Sprachen. Als Dichter ging es ihm auch um das Unverständliche, um das, „das nicht ist“ und nicht mit Worten benannt werden kann, aber trotzdem im Gedicht enthalten ist, als „Vogelschrei/verweht in der Luft“. Auch das ist ein Paradox. Aber aus dem Wunsch, „die Gegensätze zu versöhnen“, habe der Mensch schließlich Begriffe wie Hoffnung, Gnade, Gott, Erlösung erfunden. In diesem Sinne, so Tuvia Rübner, gehören auch seine Gedichte zu den „vergeblichen Gebeten“.

Tuvia Rübner: „Gedichte schreiben“

für Galila

Im Alter von neunzig Gedichte zu schreiben ist mühselig
der Körper erliegt der Schwerkraft und die Augen triefen.
Die Kraft der Erfindung ist erschöpft, die Gedanken sind
lang-lang-langsam, das Gefühl ist eingeschlafen.

Doch wie die Unruh in der Uhr
solange es Leben gibt
Nachtträume
Tagträume
und wie die, die es kann, leichtfingrig das Werk
aus Schwarz und Weiß erstehen lässt –

führen ihm Vergessen und Gedächtnis
schwarze Striche auf das Weiß des Papiers
die Striche werden Worte
die Worte Zeugnis
dass es ihn gab
dass im Gedicht er noch hier ist
als einer der sagte
Ja, Ja, und Nein, Nein, Nein, und wieder Ja
zu dem, das war, zu dem, das ist
verborgen und offen
auch zu dem, das nicht ist, und, will er es nennen
schon das Wort verfehlt hat, es wird ein Vogelschrei
verweht in der Luft.

Tuvia Rübner: „Im halben Licht“. Gedichte. Rimbaud Verlag, Aachen 2016. 106 S., geb., 20,– €.

 

Von Matthias Weichelt ist zuletzt erschienen: „Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 S., geb., 20,– €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

 

Quelle: F.A.Z.
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