Frankfurter Anthologie

Dracontius: „Über den Ursprung der Rosen“

Von Hartmut Leppin
11.07.2021
, 22:07
Kein Barbar ist nur Barbar: Ein Gedicht über Venus, ihren Liebhaber Mars und die Nähe von Schönheit und Verletzung, von Liebe und Gewalt, entstanden zur Zeit der christlichen Vandalen.
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Liebe kann wehtun. Die schöne, dornige Rose ist ein Bild dafür – Goethes Heidenröslein kommt einem sofort in den Sinn. Dort ist es eine Knabe, der sich verletzt, als er die Blume brechen will, hier die Göttin Venus, die vor dem Drängen ihres Liebhabers Mars flieht und auf einer Wiese gestochen wird, um sie sodann mit ihrem Blut zu schmücken. So entstehen Duft und Farbe der Rosen aus der Not.

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Blossius Aemilius Dracontius griff mit seinem Gedicht einen alten Mythos auf. Am Ausgang der Antike, im fünften Jahrhundert nach Christus, schrieb er lateinische Verse. Etliche Dichter hatten eine ähnliche Geschichte erzählt, allerdings gewöhnlich nicht über Venus, sondern über Adonis, einen anderen Geliebten, den Mars umbrachte. Aus dem Blut seien Röslein entstanden. Diese geläufigere Version war Dracontius gewiss vertraut, doch entschied er sich für Entlegenes. Die Leser des Dracontius wussten das vermutlich zu schätzen. Denn sie waren gebildet und kannten die klassischen Beinamen der Venus, die sich von Inseln herleiteten, mit denen der Mythos sie in Berührung brachte, Zypern und Kythera. Sie sahen sicherlich die feinsinnigen literarischen Anspielungen des Poems mit vielen Freuden.

Gewalt unter dem Firnis der Eleganz

Die Heimat des Dracontius, die ungefähr dem heutigen Tunesien entspricht, war in römischer Zeit ein reiches Zentrum lateinischer Sprachkunst. Von hier stammte Apuleius, der den Roman „Der goldene Esel“ verfasste, aus dem die berühmte Geschichte von Amor und Psyche stammt. Sprachmächtige christliche Autoren wie Tertullian und Augustinus wirkten ebenfalls in dieser Region.

Als der Letztere 430 starb, wurde seine Bischofsstadt Hippo von den Vandalen belagert. Deren Name verbindet sich heute mit Zerstörungswut, wozu die brutale Plünderung Roms im Jahr 455 wesentlich beitrug. Die Basis für den Angriff auf die Ewige Stadt war die Eroberung des vormals römischen Nordafrika, wo die Vandalen seit 429 ein christliches Königtum aufbauten, das politische und religiöse Gegner zeitweise mit größter Härte verfolgte. Auch Dracontius verbrachte einige Zeit im Gefängnis seiner vandalischen Herren, wo er Gelegenheit fand, mit Könnerschaft fromme Gedichte zu schreiben. Aus der Haft entlassen, verfasste er christliche Texte und auch solche, die in der Tradition der klassischen Dichtung standen. Denn diese blühte unter der Herrschaft der Vandalen, die keineswegs nur Barbaren waren, sondern viele Annehmlichkeiten der antiken Welt zu genießen wussten.

Gerne stellt man sich die Geschichte der Spätantike als eine lineare Entwicklung vor; eine zunehmend christliche und barbarische Prägung scheint den Reichtum der klassischen Kultur, aber auch die Leichtigkeit eines genießerischen Lebens ruiniert zu haben. Ungleichzeitigkeiten bestimmten jedoch diese Welt. Die Vandalen plünderten Rom und förderten lateinische Dichtung. Dracontius ist ein und derselbe Dichter, in seinen christlichen Gedichten wie in jenen, die heidnische Gottheiten ins Zentrum rückten. Solche Verse erlaubten ein allegorisches Verständnis – christlichen Lesern war die Verbindung von Leid und Milde, für die hier Venus steht, durchaus vertraut. Doch spielte der ästhetische Genuss gewiss eine Rolle. So entstand unter einem barbarischen und christlichen Herrscher ein mythologisches und elegantes Gedicht wie „Der Ursprung der Rosen“.

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Doch das Gedicht ist nicht nur elegant: Die Nähe von Schönheit und Verletzung, von Liebe und Gewalt ist ein klassisches Thema, das die elegischen Distichen des Dracontius durchzieht. Der Leser erfährt von einer Frau, die vor einem gewalttätigen Mann flieht und sich dabei verletzt und deren Wunde dann Gutes wirkt. Eine versöhnliche Lösung wohl aus der Sicht des Dracontius.

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Wer diese Verse geschlechtergeschichtlich sensibilisiert liest, wird hingegen die Festschreibung der Frau auf die Rolle des wohltätigen Opfers nicht übersehen, das leiden muss, wenn ein Mann seinem Drang folgt. Wie so oft in der Antike verbirgt sich unter dem Firnis der Eleganz die Gewalthaftigkeit einer sozialen Ordnung.

Dracontius: „Über den Ursprung der Rosen“ / „De origine rosarum“

Verletzt wird die fruchtbare Venus, als sie dem Liebesdrängen des Mars sich entzieht
und mit ihren bloßen Füßen auf die Blumenwiese tritt:
Frevlerisch schlich sich ein Dorn unter die friedlichen Pflanzen
und ritzt in die zarten Sohlen unversehens eine Wunde.
Blut fließt aus ihr; rot kleidet sich der Stachel.
Er, der doch ein Verbrechen beging, empfängt als Gegengabe den Duft.
Blut rötet alles Gesträuch in den goldgelben Wiesen.
Und sie heiligt die Dornen, nach dem Vorbild der Sterne: die Rose.
Was hilft es, kyprische Göttin, dass du dem blutigen Mars bist entkommen,
wenn von tiefrotem Blut deine Fußsohle benetzt ist?
Göttin von Kythera mit den blutroten Wangen, bestrafst du so die Verbrechen,
dass feuerroter Tropfen den diebischen Dorn bedeckt?
Ja, so musste die Göttin Schmerzen leiden, so die Gottheit der Liebe,
dass sie mit reizenden Gaben ihre Wunden vergalt.

Aus dem Lateinischen von Hartmut Leppin

***

Laeditur alma Venus, dum Martis vitat amores
et pedibus nudis florea prata premit :
sacrilega placidas irrepsit spina per herbas
et teneras plantas vulnere mox lacerat.
Funditur inde cruor, vestitur spina rubore ;
quae scelus ammisit, munus odoris habet.
Sanguine cuncta rubent croceos dumeta per agros,
et sancit vepres astra imitata rosa.
Quid prodest, Cypris, Martem fugisse cruentum,
cum tibi puniceo sanguine planta madet ?
Sanguineis Cytherea genis, sic crimina punis,
furacem ut spinam flammea gemma tegat ?
Sic decuit doluisse deam, sic numen Amorum,
vindicet ut blandis vulnera muneribus.

Quelle: F.A.Z.
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