Frankfurter Anthologie

Konstantinos Kavafis: „Grau“

Von Angelika Overath
04.12.2020
, 17:00
Schönheit und Jugend, eingeschlossen in einem Opal: Dieses Gedicht ist eine Beschwörung der Vergänglichkeit und der Kraft der Erinnerung, sie für einen glücklichen Moment wieder aufzuheben.

Ein lakonischer Ton, die Verse prosanah, fast „grau“, wie es der Titel sagt. Doch was ruhig und eher beiläufig begann: „Ein grauer Opal, den ich anschaute,/Erinnerte mich an zwei schöne, graue Augen“, endet in der emphatischen Anrufung des Gedächtnisses. In zwölf Zeilen spielt sich, kühl gehalten, ein Drama ab. Es geht um Liebe und Liebesverlust und den Wunsch, die Erinnerung möge die Intensität von einst zurückbringen. Aber das ist mehr als ein Wunsch. Ein Ich tritt hier gegen die Vergänglichkeit, gegen die Zeit an. Aber wie? Unter anderem, indem es mit den Zeiten spielt.

Das Gedicht beginnt mit einer Szene in der Vergangenheit. Aber es ist die unmittelbar nahe Vergangenheit des erzählenden Ichs, das aus der Gegenwart heraus spricht: Einen Opal betrachtend erinnert es sich an einst gesehene Augen. Nach der Pause einer fehlenden Zeile, die als gepunktete Linie markiert wird, führt das Ich in diese frühen Lebensjahre zurück. Das Resümee – „Einen Monat lang hatten wir uns geliebt./Dann fuhr er weg, nach Smyrna, glaube ich“ – lässt keinen Zweifel an der Art dieser Beziehung. Es geht um Sex mit einem Mann, der nach kurzer Zeit wieder verschwand, weil er Arbeit suchen musste. Die Hafenstadt Smyrna schien erfolgversprechend. Das angehängte „glaube ich“ unterstreicht, dass zwischen den Geliebten die körperliche Begegnung völlig ausreichte; sie bedurfte keiner Romantik oder Verbindlichkeit. Das Gelingen lag im Augenblick; alle Lust hatte ihre Ewigkeit. Und wenn der Geliebte verschwunden blieb, war das in der Helle der Jugend kein Thema; andere Geliebte konnten kommen.

Geschenk der Vergangenheit an die Gegenwart

Erst im Alter stellt sich so etwas wie Wehmut ein. Aber eben auch der Mut, sich offen zur Homosexualität zu bekennen. Die dritte Strophe schließt an die erste Strophe an (mit der Punktlinie, die man ihr zurechnen dürfte, hätte auch sie drei Zeilen). Die Strophe, gesprochen nun wieder aus der Gegenwart heraus, schwankt in einer Ambivalenz von Modalität und Futur II. Der Geliebte (benannt im Pars pro toto: Augen, Gesicht) „wird“ sich verändert haben. Auch er wird älter geworden sein. Das knapp eingeschobene „wenn er noch lebt“, bewahrt den Ton vor jedem Pathos.

Doch in der vierten Strophe springt das Gedicht jetzt in eine reine, eine fordernde Gegenwart. Zweimal wird das Gedächtnis imperativisch aufgerufen, nun das zu tun, was allein es zu leisten vermag. Es soll das verlorene Glück der frühen Jahre bewahren. Mehr noch: Es soll diese Erfahrung zurückbringen. Und in nahester Zukunft, „heute abend“. Das kann die Erinnerung. Doch unter welchen Umständen ist sie dazu bereit?

Als jüngstes von neun Kindern wurde Konstantinos Kavafis am 29. April 1863 in Alexandria geboren. Hier starb er an seinem siebzigsten Geburtstag an Kehlkopfkrebs. Als Neunjähriger hatte er seinen Vater, einen erfolgreichen Baumwollkaufmann, verloren und lebte eng an der Seite seiner Mutter, zunächst in London und Liverpool, wo ein älterer Bruder versuchte, das väterliche Unternehmen zu retten. Während politischer Wirren in Alexandria kam er mit Anfang zwanzig mit der Mutter im Haus ihres Vaters in einem griechischen Vorort von Konstantinopel unter; hier mag sich Kavafis seiner Homosexualität bewusst geworden sein. Wieder in Alexandria, wurde er Schreiber für die ägyptischen Wasserwerke und sollte das 33 Jahre lang bleiben. Er führte mehrere Leben. Am Morgen war er der Angestellte im maßgeschneiderten englischen Anzug, gegen Abend der verehrte Dichter, den man in den Kaffeehäusern traf. Und nachts der Mann, der, verkleidet, in den einschlägigen Vierteln Alexandrias Jünglinge liebte.

Obwohl er sich sicher war, einer der wichtigsten und wegweisenden modernen Lyriker griechischer Sprache zu sein, hat er zu Lebzeiten nur spärlich veröffentlicht. Er ließ seine Gedichte einzeln in kleinen Auflagen drucken, sammelte sie und verteilte schließlich immer wieder solche „Sammlungen“ an Freunde, Kollegen. Zwei Jahre nach seinem Tod erschien, aus seiner Hinterlassenschaft finanziert, eine Gesamtausgabe seiner Verse. Es sind 154 autorisierte Gedichte.

Erst im Alter, und in einer an Lakonie kaum zu übertreffenden Sprache, evoziert er seine homosexuellen Begegnungen. Es ist die Aufmerksamkeit für Erinnerungszeichen (der Opal) und die Arbeit an Versen („Grau“), die das Gedächtnis provozieren können. In einer doppelten Bewegung von Zurückgehen und Zurückbringen taucht Poesie ein in die Vergangenheit und schenkt das Wiedergefundene der Gegenwart. So sind die einstige Jugend und das gegenwärtige Altgewordensein und Altwerden im grauen Opal des Gedichts schillernd für immer eingeschlossen.

Konstantinos Kavafis: „Grau“

Ein grauer Opal, den ich anschaute,
Erinnerte mich an zwei schöne, graue Augen,
Die ich vor vielleicht zwanzig Jahren gesehen hatte...
................................................................................

Einen Monat lang hatten wir uns geliebt.
Dann fuhr er weg, nach Smyrna, glaube ich,
Um dort zu arbeiten, und wir sahen uns nie mehr.

Sie werden an Glanz verloren haben (wenn er noch lebt),
Die grauen Augen, und auch das Gesicht wird nicht mehr so schön sein.

O Gedächtnis, bewahre sie, wie sie damals waren,
Und, Gedächtnis, von jener Liebe bring mir
Heute abend, soviel du vermagst, zurück.

Aus dem Griechischen übersetzt von Robert Elsie

Konstantinos Kavafis: „Das Gesamtwerk“. Aus dem Griechischen übersetzt und hrsg. von Robert Elsie. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1999. 384 S., br., 18,– €.

Angelika Overath hat zuletzt mit Nursel Gülenaz herausgegeben: „So träume und verschwinde ich“. Türkische Liebesgedichte von Edip Cansever, Cemal Süreya und Turgut Uyar. Zweisprachige Ausgabe. Btb, München 2020. 128 S., br., 10,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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