Frankfurter Anthologie

Thomas Kunst: „Ich bau in meinem Waschbecken Venedig“

Von Kristina Maidt-Zinke
19.07.2019
, 16:39
Mit einem Stipendium des Deutschen Studienzentrums dürfen Künstler drei Monate lang in einem venezianischen Palazzo leben. Der Dichter und Prosaautor Thomas Kunst scheitert auf poetische Weise an der Serenissima.

Das Venedig-Gedicht ist ein prekäres Genre. Und nicht erst, seit Massenmobilität und Renditerausch in der Lagunenstadt für Zustände sorgen, bei denen einem jede lyrische Anwandlung, selbst die satirisch gefärbte, vergehen kann. Denn wer diese traurige Metamorphose kurzzeitig auszublenden vermag, ist gleich wieder mit der anderen Seite des Dilemmas konfrontiert: Venedig als Ausnahmefall einer Stein gewordenen Poesie, vor der alle Wortgebilde verblassen und verschwimmen müssen. Was aber vermutlich nur eine romantische Phantasie ist. Goethe, der davon noch frei war, konnte in seinen „Venezianischen Epigrammen“ die Stadt mit dem kühlen Blick des Forschungsreisenden betrachten und sie als Anregung für Themen benutzen, die ihn stärker bewegten. Bald nach ihm begann das große Schwärmen und Raunen, das Abarbeiten am Mythos und später am Klischee. Bis andere Orte für die Lyrik interessanter wurden.

Dass in jüngster Zeit wieder eine kleine Schwemme deutscher Venedig-Gedichte zu verzeichnen ist, hat einen profanen Grund. Unter den Künstlerstipendiaten des Deutschen Studienzentrums, die jeweils drei Monate im Palazzo Barbarigo della Terrazza verbringen dürfen, sind naturgemäß auch Lyriker. Die Früchte ihrer staatlich geförderten Aufenthalte können mit den Rom-Gedichten der Villa-Massimo-Stipendiaten zahlenmäßig zwar noch nicht mithalten, zeigen jedoch eine interessante Vielfalt an Versuchen, dem Topos Venedig noch Neues abzuringen und dabei die atmosphärischen Eigenarten des gestundeten Domizils einzubeziehen.

Ein paar Kleinigkeiten für die Serenissima

Einer von der Gnadenlosigkeit eines Rolf Dieter Brinkmann war bislang nicht darunter, aber dem Dichter, Prosaautor und Musiker Thomas Kunst, 1965 in Stralsund geboren, darf man eine gewisse Begabung zur Renitenz attestieren. In dem wortkargen, lässig verunreinigten Sonett „Ich bau in meinem Waschbecken Venedig“ wendet er sie minimalistisch nach innen. Und findet hintergründige Chiffren, filigrane Bilder für das poetische Scheitern an der Serenissima und für die Frustrationen, die ein geschenkter venezianischer Pegasus auslösen kann.

Statt von der legendären, riesigen „Terrazza“, hier respektlos unter „Terrassen“ subsumiert, auf den Canal Grande zu blicken, beugt sich das lyrische Ich über sein Waschbecken. Das ist an sich schon eine Provokation, doch immerhin wird hier, mit fast kindlichem Gemüt, Venedig nachgebaut. Die Winzigkeiten, die es dazu braucht, funktionieren trefflich als Assoziationsträger, Entzauberung inbegriffen: Streichhölzer für die Pfähle, Seifensplitter für das Glitschige, Serviettenabfall für den ubiquitären Müll, Marshmallows für pastellfarbene Übersüße, Tesafilm für ein vage klebriges Gefühl. Der Klebestreifen, der alles zusammenzwingt, bedeutet zugleich Gefangenschaft, und „Venedig“ reimt sich, ungehobelt und gegen das Metrum, auf „lediglich“, so, als wollte der Dichter sagen: Mehr ist nicht.

Beiläufig tröpfeln Motive, die bei den meisten Stipendiaten wiederkehren: Die Hochwassersirenen, die turmartig übereinandergeschachtelten Zimmer, hier pseudomittelalterlich „Kemenaten“ genannt, die enge, finstere Calle Corner, absichtlich falsch auf der ersten Silbe betont, damit sie sich auf „eingefrorener“ notdürftig reimt. Der Mangel an Gartengrün, das ein gekühlter Kräuterbitter nicht ersetzen kann: Damit wird übergeleitet zu dem Laster, dem man dort so leicht verfällt. In Venedig ist das sonst für Italien untypische Alkoholproblem verbreitet, und manch ein Gast lässt sich davon anstecken, zumal wenn er sich allein fühlt. Für Ehe- und sonstige Partner gelten im Palazzo Barbarigo Besuchsfristen, und wenn die Frau dann noch wegen Heimweh flüchtet, droht Haltverlust.

Das warnende Signal geht von der gleichnamigen Zahncreme aus: Einsames Trinken fördert nicht den inneren Frieden, und am Ende hängst du über dem Waschbecken. Das Cipriani, einst nobelstes Hotel der Stadt, idyllischer Ort für ein Tête-à-tête mit Champagner, hat die Wasserhahnflut nicht überlebt. Jetzt müsste der Kopf, ernüchtert, als Arbeitsinstrument in Aktion treten. Doch der Schlussvers spricht von dem, was der privilegiert eingesperrte Dichter am meisten vermisst. Venedig kann sehr hart sein – zu zweit lässt es sich gerade noch ertragen.

Thomas Kunst: „Ich bau in meinem Waschbecken Venedig“

Ich bau in meinem Waschbecken Venedig
Aus Seifensplittern nach und Streichholzstangen
Serviettenabfall, Marshmallows, gefangen
In Tesafilm, Terrassen, lediglich

Sirenen, Acqua alta, Kemenaten
In einer Steilwand in der Calle Corner
Palazzo Barbarigo, eingefrorener
Amaro Montenegro ist kein Garten

Bei aufgedrehtem Hahn verlieren Atem
Und Seifensplitter ihren Halt am Rand
Die Frau, die Heimweh hatte, bleibt nicht ewig

Betrink dich nicht allein hier, si vis pacem
Signalcreme, wo das Cipriani standEin Kopf an einem Kopf ist nie zu wenig

Thomas Kunst: „Die Arbeiterin auf dem Eis“. Gedichte und Briefe. Edition Azur, Dresden 2013. 122 S., geb., 22,– €.

Von Kristina Maidt-Zinke ist zuletzt erschienen: „Robert Gernhardt: Das große Lesebuch“. Hrsg. von Kristina Maidt-Zinke. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Mai 2017. 512 S., br., 14,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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