Frankfurter Anthologie

Tomaž Šalamun: „Ich und Du“

Von Joachim Sartorius
04.09.2020
, 17:08
Warum wirkt dieses unordentliche Gedicht so frisch und übermütig? Der slowenische Dichter Tomaž Šalamun beherrscht zahlreiche Tonlagen, die hohe, die schrille, die sarkastische.

Hier will einer den Leser mit allen Mitteln verunsichern, und er hat offenbar großen Spaß dabei. Unseren elenden Wirklichkeitssinn sollen wir bitte schön beiseitelegen. Schrille Anreden in Dissonanzen zu betten, die Schönheit zu malträtieren – all das erinnert ein wenig an den russischen futuristischen Dichter Velimir Chlebnikov, an die alten Surrealisten und auch an Lautréamont, der Regenschirm und Nähmaschine auf dem Seziertisch kopulieren ließ. Das Auf und Ab der Bilder und Aussagen lässt sich nicht zu einem Puzzle fügen. Erst nach und nach schüttelt der Leser seine Hilflosigkeit ab und meint zu verstehen, dass in diesem munteren Text diverse Stadien einer Zweierbeziehung durchdekliniert werden, auf jene provozierend absurdistische Weise, die zu einem Merkmal der Poesie von Tomaž Šalamun geworden ist.

Der Dichter wurde 1941 in Zagreb geboren und wuchs im slowenischen Koper auf. In jungen Jahren gehörte er zur jugoslawischen Avantgarde und probierte unerschrocken häretische Positionen aus. Als Redakteur der Literaturzeitschrift „Perspektive“ wurde er 1964 zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, kam nach fünf Tagen wieder frei – und wurde in Kulturkreisen zum Helden deklariert. „In der Folge“, schrieb er, „musste ich meinen Gedichten alles geben, um diesem unverdienten Ruhm gerecht zu werden.“ In der Tradition der poètes maudits, aber auch amerikanischer Dichter wie John Ashbery oder James Tate, die er während ausgedehnter Aufenthalte in den Vereinigten Staaten persönlich kennenlernte und auch ins Slowenische übersetzte, sprengte er alle Regeln seiner Sprache, überschritt poetische Geschmacks- und Tabugrenzen und suchte nach den prächtigsten Vermischungen von Unsinn, Wollust und Protest.

Munteres Massaker widersprüchlichster Gefühle

Das Gedicht „Ich und Du“ aus dem von Peter Urban übersetzten Band „Vier Fragen der Melancholie“ ist ein Paradebeispiel, um die poetische Transgression, Šalamuns Lieblingsbeschäftigung, zu belegen. Es beginnt bei dem Gedichttypus. Er nimmt sich hier das Sonett vor, wahrt zwar den Anschein der Form – zwei Strophen à vier Zeilen und zwei à drei –, doch nur um die strenge Struktur aufzulösen und auf den Reim (auch das slowenische Original reimt sich nicht) keinen Pfifferling zu geben. Überdies nimmt er sich das strapazierteste Genre der Lyrik vor, das Liebesgedicht, um es in einem Hin und Her widersprüchlichster Gefühle zu massakrieren. Voller Hinterlist stellt er Fallen auf, lässt den Leser Momente lang denken, es gebe so etwas wie eine Fährte. Könnte die „abortierte Blume“ Hinweis auf eine Abtreibung sein? Könnten mit den „Bienenstöcken“, die zugeschmiert werden, Eierstöcke gemeint sein? Doch führt all das nicht weiter, alles falsche Fährten, ein Heidenspaß für Šalamun. Denn er liebt die Ausnahmezustände: Das Du erfriert unter der Lawine. Das Ich reißt dem Du die Glieder ab. Lauter Anstrengungen, um die funktionale Vernunft außer Kraft zu setzen. Dieser Text ist ein Ringkampf zwischen Ich und Du. Er wird amoralisch geführt. Einen Gewinner gibt es nicht.

Warum wirkt dieses unordentliche Gedicht so frisch und übermütig? Tomaž Šalamun beherrscht zahlreiche Tonlagen, die hohe, die schrille, die sarkastische. In dem Gedicht „Ich und Du“ herrscht ein spöttisches, flapsiges Sprechen vor, wie von einem, der in einem Liebesscharmützel verletzt wurde, aber die Verletzung nicht zugeben will. In einer Zeile sagt das Ich: „Die Erinnerung an dich schwindet“, um in der nächsten Zeile zu verkünden: „Wir werden uns noch lieben.“ Es scheint, Šalamun möchte in aller Präzision Unschärfen zeigen, doppelbödige Gefühle ausleben, brutale Zärtlichkeiten empfehlen. Daran liegt es, dass seine Texte nicht altern und er heute, bald sechs Jahre nach seinem Tod, in Slowenien ganz unvergessen ist.

Tomaž Šalamun: „Ich und Du“ / „Jaz In Ti“

Mich hat dein Mund nicht geküsst, nie hast du Schnee
getrunken. Du, melancholisches Denkmal, das jetzt
unter der Lawine erfriert. Ich stelle dir eine grausame
Frage: heizt du deinen Iglu noch? Ich habe dich verhext

und dir die Glieder abgerissen. Und die Falten, die sich
vertiefen auf deiner einst göttlichen Stirn, vielleicht hast du
kein Recht mehr auf sie. Du hast mich nicht mehr verletzt. O
kleine Mumie, abortierte Blume, die Erinnerung an dich schwindet.

Ozeane gibts, und du, blasiert, dazwischen. Hoffnungslos hart
der Stein, beschmiert mit Silikat. Wir werden uns noch lieben,
ich werde dir noch die Bienenstöcke zuschmieren. Mein Wunsch

ist nicht mehr stark, du hast gesiegt, du bist wirklich leer. Und in mir,
Allee endloser anderer, ist auch dein rotes Herz
erstarrt. Nur in dir habe ich gegurgelt vor Glück.

Aus dem Slowenischen von Peter Urban

***

Mene tvoja usta niso poljubljala, nikoli nisi
popil snega. Ti, melanholičen spomenik, ki zdaj
zmrzuješ pod plazi. Vprašanje ti postavljam,
kruto: še ogrevaš svoj igloo? Uročil sem te

in ti potrgal ude. In gube, ki se ti poglabljajo
v nekoč božanskem čelu, morda nimaš več niti do
njih pravice. Nisi, nisi me več ranil. O mala
mumija, abortirana roža, spomin nate izginja.

Oceani so, in ti blaziran, vmes. Brezupen trdi
kamen, premazan s silikatom. Še se bova ljubila
še ti bom razmazal panje. Moja želja ni več

silna, zmagal si, zares si prazen. In v meni,
aleji neskončnih drugih, je otrpnilo tudi tvoje
rdeče srce. Samo v tebi sem grgal od sreče.

Tomaž Šalamun: „Vier Fragen der Melancholie“. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2003. 184 S., geb., 22,20 €.

Von Joachim Sartorius ist zuletzt erschienen: „Der Schwan lässt sich in die Geliebte los“. Wie Gedichte die Liebe erforschen. Moloko Print, Schönebeck 2020. 54 S., br., 14,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber 

Quelle: F.A.Z.
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