Frankfurter Anthologie

Klaus Heinrich: „Aus dem Tagebuch Noah“

Von Marleen Stoessel
22.09.2017
, 17:30
© imago stock, FAZ.NET
Dieses Gedicht schreibt die Jahrhunderte alte Überlieferung der biblischen Noah-Geschichte um. Die Hoffnung bringende Taube hat zu einer List gegriffen.

Diese letzte Ansprache berührt, klingt lange nach: „... für dich Taube“. Wie eine viermal an den Strophenenden angeschlagene Saite – in ihr sammelt sich der Ton des Gedichts. Die Geschichte, erstes Buch Mose, ist uns vertraut, hier wird sie in Form einer Chronik neu erzählt: das biblisch Vergangene im Präsens eines Geschehens, das lange Monate währt und im Gedicht fünf Strophen umfasst. Sie entstammen Noahs Tagebuch, gleichsam ein Logbuch, das offenbar mit allen Bewohnern der Arche geborgen wurde, und ebenso ein Zeugnis der Poesie. So dass wir mit der Selbstansprache Noahs in Strophe 1 und 2 auch förmlich die zweite Stimme des Dichters vernehmen.

Aber auch die Zeiten verweben sich. Eben noch nüchterner Regen-Bericht, verdichtet sich dieser zu einem machtvollen Bild von Wassern, die „sich falten“, das übermächtige, nicht fassliche Element gewinnt darin stoffliche Qualität und löst sich wieder, wie erinnernd an die biblische Rettung, in sanften daktylischen Wellen auf: „Wasser/tragen dich gnädig an Land Noah“. Zwei Zeilen dieser ersten Strophe enden mit dem Wort „Wasser“, das im Enjambement auch die Versränder zu überborden scheint, so wie das „gestern“ am Ende der ersten Zeile die Dauer des unaufhörlichen Regens in die zweite hinüberzieht.

Epitaph für die Taube

Die Lage der Insassen der Arche – nur von den Tieren, Elefant und Krokodil, ist zunächst die Rede – wird immer ernster (Strophe 2), nicht ohne augenzwinkernde Komik: das „schluchzende“ Krokodil vergießt seine sprichwörtlichen Tränen. Wieder ermahnt sich Noah und, als bräche abermals die Dichterstimme ein, die an die Taube als Botin der Rettung erinnert, ruft sie ihm zu, nach dem Vogel Ausschau zu halten. Ein Gedankenstrich – von Taube, sprich Hoffnung, keine Spur! Ist es Mangel an Gottvertrauen, das noch den biblischen Noah erfüllte, ist es Zweifel am dort überlieferten Ausgang der Geschichte? Oder ist es Protest gegen die göttliche Übermacht? Jedenfalls schreibt der Verfasser mit Strophe 3 die altbekannte Geschichte um. Das jahrhundertelang die Ikonographie bestimmende Symbol der Hoffnung, des Friedens: die Taube mit dem Ölzweig als Zeichen trockenen Lands im Schnabel, wird zum Inbild einer List. Die offenbar auch hier als Kundschafterin Ausgesandte hat, mit oder ohne Wissen Noahs, das Ölblatt aus dem letzten Vorrat der ebenfalls darbenden „Wiederkäuer“ geklaut, um, so müssen wir folgern, den Schein einer Hoffnung aufrechtzuerhalten.

Vielleicht hat Noah mit ihr gemeinsam diese List ersonnen – auf jeden Fall ist er mit ihr im Bunde und spricht jetzt erstmals als „ich“: „ich/werde dich nicht verraten Taube“. Einzig in diesem selbstbewussten Bündnis zwischen Noah und der Taube, nicht in dem biblisch überlieferten, das Gott mit Noah und den Tieren der Arche eingeht, liegt nach dieser Version die Rettung.

Balance und Bündnisfähigkeit

Sie hat ihren Preis: die Taube hat sie, im Kampf für das Überleben ihrer Gefährten, im Kampf für das Überleben des „Prinzips Hoffnung“ selbst, nicht überlebt. Und so ersteht am Ende das Bild der Taube mit dem Ölblatt noch einmal neu: als die wohlbekannte Ikone, gleichsam restauriert, doch mit einem tiefen Sprung darin. Ebenjener Sprung, der zwischen den Strophen 2 und 3 den Hiatus erzeugt.

Klaus Heinrich, der dieses Gedicht in den fünfziger Jahren verfasste, ist nicht als Dichter bekannt, sondern als renommierter Religionswissenschaftler. Einstmals studentischer Mitbegründer der Freien Universität Berlin, leitete er dort später das religionswissenschaftliche Institut – legendärer Anlaufort nicht nur für eine ganze Generation von Studenten, sondern auch für Künstler, die Heinrich mit seinen weit in Mythos, Religion und Geschichte ausholenden Vorlesungen und assoziativ mäandernden Gedankengängen inspirierte. Den Gegenstand seiner Lehre und seines aufklärenden Engagements, dessen Impetus und Intensität sich aus den Erfahrungen der NS-Zeit speisten, hat er unter Berufung auf Freud als das „Verdrängte der Philosophie“ bezeichnet, als den nie endenden Versuch, Licht in die Höhlen solchen Verdrängens zu bringen, zuletzt dargestellt in dem großartigen Band, der seine Vorlesungen zu Schinkel und Speer enthält.

List und Humor, Balance und Bündnisfähigkeit, so lässt uns Heinrich auch in seinen überwiegend in Festschriften publizierten Gedichten wissen, sind dabei die profanen, einzig menschenwürdigen Waffen. So auch in diesem Noah-Gedicht, das (mit zwei weiteren) anlässlich einer „Hommage“ des Berliner Konzerthauses für den Pianisten Alfred Brendel erschien. Wer Heinrich, der am heutigen Samstag neunzig Jahre alt wird, näher kennt, weiß, welche Rolle in seinem geistigen Universum die Tiere spielen, besonders der Elefant. Eine mit dem Gedicht abgedruckte Zeichnung, die Noah mit der Taube darstellt, zeigt auch das Rüsseltier, einem Kentaur gleich verschmolzen mit der biblischen Gestalt. Gerettet einstmals sie alle. Und mit ihnen die Hoffnung, welche – als Subjekt oder als Objekt – die Arche an Land trug. Das wussten auch die Zebras, als sie die Taube begruben. Ihr gilt noch einmal jene letzte zärtliche Anrede, in welcher der Liebesanruf aus dem Hohen Lied mitschwingt, daran erinnernd, dass die Taube auch ein Attribut der Venus ist.

Klaus Heinrich: „Aus dem Tagebuch Noah“

Heute war der Tag regnerisch gestern

hat es geregnet Wasser

falten sich über dich Wasser

tragen dich gnädig an Land Noah

Der Elephant

will nicht fressen

das Krokodil

schluchzt vor Kummer du

mußt dich zusammennehmen Noah

Wirf dein Aug

gen Morgen Abend Mitternacht

– keine Spur

einer Taube

Der Zweig den die Taube im Schnabel trägt

stammt aus der eisernen Ration der Wiederkäuer

Sie haben nichts zu fressen ich

werde dich nicht verraten Taube

Gestern an Land gegangen

Mit letzter Kraft

die Taube deren Flügel schon lahmten

auf einen Baumstumpf gesetzt dem Tier

gut zugeredet Nicht sterben Taube

Unterhalb der Spitze des Ararat

nahe dem Elephantenfriedhof

haben die Zebras das Loch gescharrt

für dich Taube

In: „Alfred Brendel – Musik, Sinn und Unsinn“. Festschrift anlässlich der Hommage für Alfred Brendel. Herausgegeben vom Konzerthaus Berlin, Berlin 2017.

Von Klaus Heinrich ist zuletzt erschienen: „Dahlemer Vorlesungen“. Zum Verhältnis von ästhetischem und transzendentalem Subjekt: Karl Friedrich Schinkel – Albert Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. Hrsg. von Nikolaus Kuhnert. Verlag Arch+ in Kooperation mit dem Stroemfeld Verlag, Aachen 2015. 224 S., br., 35,– €.

Von Marleen Stoessel ist zuletzt erschienen: „Lob des Lachens“. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2008. 219 S., br., 11,95 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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