Frankfurter Anthologie

Doris Runge: „märchenhaftes binz“

Von Tilman Spreckelsen
10.10.2020
, 10:08
Was geschieht da „mitten im Sommer“ in Binz? Eine Schneekönigin erscheint und verteilt ihren Eishauch. Doris Runge verdichtet die Bilder des Märchens auf beeindruckende Weise.

Was geschieht da, „mitten im sommer“, zwischen den beiden gleichlautenden Zeilen, die das Gedicht „märchenhaftes binz“ umschließen wie die Hälften einer Glaskugel? Eine „schneegeborene“ erscheint, überraschend zu dieser Jahreszeit, auffällig zunächst durch ihr Gewand mit dem Saum aus Scherben, dann indem sie Eisblumen an die Häuser haucht wie der leibhaftige Winter.

Aber sie belässt es nicht dabei, und was nun geschieht, betrifft die Bewohner der eisbehauchten Häuser noch etwas mehr. Es bringt sie in Gefahr: Denn wer die Wölfe mit Kreide füttert, hilft ihnen dabei, ihre wahren, finsteren Absichten zu vertuschen, und was die eiskalte Hand der Fremden auf dem Herzen des nun direkt angesprochenen Adressaten des Gedichts bewirkt, kann man ahnen.

Die kalte Hand auf dem Herzen

Warum? Weil der Auftritt, der hier erzählt wird, an einen anderen, unvergesslichen, erinnert, vertraut aus der Märchenwelt Hans Christian Andersens. Einen letzten Anstoß zum Verständnis gibt der Blick auf die gegenüberliegende Seite von Doris Runges großem Lyrikband „du also“ aus dem Jahr 2003. Dort steht ein Gedicht mit dem Titel „die kleine aus kopenhagen“, das auf wenigen Zeilen ein Bild von Andersens „Kleiner Meerjungfrau“ entwirft, kenntlich bereits im Titel des Gedichts. In „märchenhaftes binz“ aber betritt Andersens Schneekönigin die sommerliche Stadt und legt einen Eishauch darüber, begleitet von den Scherben eines von einem Troll gefertigten Zerrspiegels, die unseren Augen und Herzen so gefährlich sind, weil sie den kritischen Blick schärfen bis zur Wahrnehmung der Welt einzig als Groteske. Und in jeder Blüte schon den künftigen Verfall erkennen lassen.

All das deutet Runge an, sie verdichtet die Bilder des Märchens auf dreizehn knappe Zeilen, an denen kein Wort überflüssig ist, und deren Beschreiben des schneeköniglichen Auftritts. Wer immer da beschreibt, hat – anders als der von den Trollscherben versehrte kleine Kay im Märchen – die Schneekönigin durchschaut, er kennt das schon. So wie wir es wiedererkennen können, wenn wir uns nur an das Märchen erinnern.

Aber es ist das Vorrecht der Dichterin, die Schneekönigin auch dort zu ahnen, wo sie auf ihre gewohnten eisigen Attribute verzichtet, ihre Absichten also wie der kreidefressende Wolf gegenüber den jungen Geißlein verbirgt. Vom im Titel genannten Ort Binz ist die Kreide nicht weit, aber das Attribut „märchenhaft“ hat hier nichts von dem Klang, der Touristenziele bewirbt. Es legt vielmehr offen, dass auch „mitten im sommer“ die Hand der Schneekönigin ein Herz berühren und zum Vereisen bringen kann, ohne dass sein Besitzer es bemerkt. Und dass dem anderen, dem Gegenüber, dann nur noch die späte Warnung bleibt vor den Folgen des Erkaltens, die dann auch ihn selbst betreffen werden. Dankbar ist diese Rolle nicht.

Doris Runge: „märchenhaftes binz“

mitten im sommer

die schneegeborene
im blauen samt
zerstoßenes glas
der saum
sterne blumen
haucht sie auf
giebel und balkone
veranden weiß
sie füttert die wölfe
mit kreide sie legt
ihre hand auf dein herz

mitten im sommer

Doris Runge: „du also“. Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003. 64 S., geb., vergriffen.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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