Frankfurter Anthologie

Franz Fühmann: „Der Übersetzer“

Von Matthias Weichelt
17.06.2022
, 18:30
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Thomas Huber liest „Der Übersetzer“ von Franz Fühmann
Eine andere Art von Traum: Dieses Gedicht bezieht sich auf ein Gemälde von Karl Hofer, aber geschrieben wurde es, um auszudrücken, was offen nicht gesagt werden durfte.
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Im Laufe eines Schriftstellerlebens kann die Vorliebe für eine bestimmte Gattung wechseln. Dann werden Romane oder Essays womöglich wichtiger als Erzählungen oder Gedichte. Das ist nichts Ungewöhnliches. Dass ein Autor, der vor allem durch seine Lyrik bekannt ist, mit dieser radikal bricht, ist indessen eher selten. Franz Fühmann, der schon als Jugendlicher erste eigene Verse veröffentlichte und zwischen 1953 und 1957 vier Lyrikbände herausbrachte, schrieb vom Ende der Fünfzigerjahre an gar keine Gedichte mehr. An ihre Stelle traten Nachdichtungen, Kinderbücher, Märchen, Aufsätze, Autobiographisches, Romanprojekte. In die Ausgabe seiner Gesammelten Werke nahm er gerade noch 25 Gedichte auf. Eines davon ist das hier abgedruckte.

Dem Maler Karl Hofer hat Fühmann 1957 in seinem Band „Aber die Schöpfung soll dauern“ einen Zyklus von drei Gedichten gewidmet, die sich alle auf Werke Hofers beziehen: „Das schwarze Zimmer (1928)“, „Der Übersetzer (1937)“ und „David (1937)“. Hofer, dessen Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurden, der Berufsverbot erhielt, sich den Nationalsozialisten aber auch als deutsch gesinnter Maler zu empfehlen versuchte, galt Fühmann als exemplarischer moderner Künstler. Es stimme ihn, schrieb er 1956 als Mitglied des Parteivorstands der NDPD, „maßlos traurig“, eine „einzigartige Karl-Hofer-Ausstellung in der Frontstadt Westberlin zu sehen“. Diese zeuge von einem „derartig kämpferisch-humanistischen und politisch bewußten Antifaschismus“, wie ihn „wohl kein deutscher Maler in der Gegenwart“ aufzuweisen habe.

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Freiheit, die er meint

Der sprachliche Duktus steht für Fühmanns geistige Haltung in jenen Jahren. Geboren wurde er 1922 in Rochlitz an der Iser im Riesengebirge. In den Krieg war er als überzeugter Faschist gezogen, aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und Antifa-Schulung als ebenso überzeugter Sozialist in die neu gegründete DDR zurückgekehrt. Dass die eine Ideologie hier nur durch eine andere ersetzt wurde, hat Marcel Reich-Ranicki in einem Aufsatz über Fühmanns Gedichte der frühen Fünfzigerjahre deutlich gemacht: Das „alles ist, schlicht gesagt, unverfälschte NS-Lyrik aus der Feder eines Mannes, der mit dem Nationalsozialismus nichts mehr zu tun haben wollte . . . Man hatte ihn auf der ‚Antifa-Schule‘ nur ‚umfunktioniert‘. Daher schrieb er HJ-Gedichte mit FDJ-Vorzeichen.“

Wie hellsichtig Reich-Ranicki „auf die richtige Stelle gezeigt“ hatte, bekannte Fühmann noch in einem Interview Anfang der Siebzigerjahre. Aus seiner doppelten ideologischen Verblendung hatte er zu dieser Zeit längst eigene Schlüsse gezogen. In eindrucksvollen autobiographischen Projekten wie „Das Judenauto. Vierzehn Tage aus zwei Jahrzehnten“, erschienen 1962, oder „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ aus dem Jahr 1973 setzte er sich mit seiner Familiengeschichte, seiner politischen Sozialisation und persönlichen Verantwortung in einer Schonungslosigkeit auseinander, wie sie in der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ihresgleichen sucht. Das Erinnerte und Erlebte steckte diesem Autor buchstäblich in den Knochen. Und der Schmerz der eigenen Schuld war für Fühmann kein Grund, nicht alles offenzulegen.

Was er lange verdrängt hatte, war auch in manchen der Gedichte schon in Spuren enthalten. Dichtung, schreibt er in seinem großartigen Trakl-Essay „Vor Feuerschlünden“ im Jahr 1982, „wirkt ja auf den ganzen Menschen, und daß sie unvergeßlich sei, kann nur heißen, daß sie unentrinnbar stetig einwirkt, ob man ihr Dasein gewahrt oder nicht“. Wer im Glauben an eine Sache völlig aufgeht, wird in der Lyrik gerade keine Bestätigung finden: „Wie trüge ein Gedicht seinen Widerspruch aus, wenn nicht durch Stiftung von Widerstreit im Leser, und wenn dessen Wille die eine Partei nimmt, schlägt das Unterbewußte sich zur andern.“

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Dieser Wunsch nach Aufbruch und Ausbruch kommt, übertragen in eine andere Zeit der Unfreiheit, auch in dem Gedicht „Der Übersetzer“ zum Ausdruck, entstanden nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 und der Enthüllung von Stalins Verbrechen. Die damit verbundenen Hoffnungen endeten in der DDR schon wieder mit der berüchtigten Kulturkonferenz von 1958. Andere, so hat es Fühmann einmal ausgedrückt, gingen danach in den Westen – er sei in die Prosa gegangen. Gedichte blieben für ihn „eine andere Art Träume“, „offen als Freibrief für einen Traum“. Oder, wie er es aus Max von Schenkendorfs zum Volkslied gewordenem Gedicht übernahm: „Freiheit, die ich meine.“

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Franz Fühmann: „Der Übersetzer“

Sein Kopf ist müd. Er stützt ihn in die Hand,
jedoch das Denken drängt ihn: Übertrage
die eine Zeile noch, sinn nach und sage
den ungeheuren Sinn, der dir erstand

aus diesen Worten fremder Sprache! Wage
dies einz’ge Wort nur: Es wird Widerstand,
es wird die Feuerschrift auf schwarzer Wand,
die Front ruft wider deines Volkes Plage!

Wie schwillt des Worts Substanz unter der Stirn,
zieht alles Licht auf die gefurchte Fläche,
die hoch sich wölbt über dem wählenden Hirn,
und hämmert, daß es diesen Fels durchbreche,
um auszusprechen sich, dies Wort, dies eine,
in neuer Sprache: Freiheit, die ich meine!

Franz Fühmann: Autorisierte Werkausgabe in acht Bänden. Hinstorff Verlag, Rostock. 1993. 3570 S., br., 76,– €.

Von Matthias Weichelt ist zuletzt erschienen: „Der verschwundene Zeuge“. Das kurze Leben des Felix Hartlaub. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 232 S., geb., 20,– €.

Eine Gedichtlesung von Thomas Huber 

Redaktion Hubert Spiegel 

Quelle: F.A.Z.
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