Frankfurter Anthologie

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“

Von Kai Sina
29.01.2021
, 17:00
Literaturgeschichte trifft Literaturpolitik: Eine schwarze Dichterin schreibt im neunzehnten Jahrhundert über den sterbenden Goethe, Stephan Hermlin übersetzt ihr Gedicht 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone für den soeben gegründeten Verlag Volk und Welt.

Ob die Forderung nach „Mehr Licht“ tatsächlich Goethes letzte Worte waren, ist philologisch mehr als umstritten – und wohl auch nicht so wichtig. Entscheidender sind die Folgen der vermeintlichen Sterbeworte, und in dieser Hinsicht zählt das Gedicht von Frances Ellen Watkins Harper zu den literarhistorisch aufschlussreichsten Dokumenten: einerseits, weil es das Gedicht einer afroamerikanischen Autorin des neunzehnten Jahrhunderts ist, deren Bezugnahme auf Goethe zunächst alles andere als naheliegend erscheint; und andererseits, weil die deutschsprachige Übertragung von Stephan Hermlin ein frühes Zeugnis der sozialistischen Literaturpolitik in Deutschland ist.

Frances Harper, 1825 als Tochter freier Eltern in Baltimore geboren, hinterließ als Autorin ein vielseitiges Werk, das vor allem Lyrik, aber auch Prosa und Essays enthält. Als Journalistin, Rednerin und Aktivistin setzte sie sich für die Abschaffung der Sklaverei ein und unterstützte die Aktivitäten der „Underground Railroad“. Nach dem Bürgerkrieg und dem Ende der Sklaverei kämpfte sie gegen die Rassendiskriminierung und für die Rechte der Frauen. All dies machte sie zu einer landesweiten Berühmtheit und vielgelesenen Autorin. Eine spirituelle Heimat fand sie bei den Unitariern, einer freigläubigen, politisch und sozial fortschrittlichen Religionsgemeinschaft. Ihre Begegnung mit Goethes Werk hängt vermutlich damit zusammen: Für die Unitarier, insbesondere für deren Philosophen Ralph Waldo Emerson, war Goethe der wichtigste intellektuelle Gewährsmann. Harper steht damit in einer literarischen Traditionslinie, die über den Emerson-Schüler Walt Whitman bis zum amerikanischen Exilanten Thomas Mann reicht.

Eine Drehtür zu Weltläufigkeit und Amerika-Kritik

Ihr zwischen persönlicher Wahrnehmung und distanziertem Kommentar wechselndes Gedicht, das im Original den Titel „Let the Light Enter“ trägt, ist 1871 in einer Sammlung mit dem schlichten Titel „Poems“ erschienen. Und schlicht ist auf den ersten Blick auch ihre Deutung der letzten Worte Goethes. Anders als viele seiner Anhänger, die das „Licht“ im Sinne der aufklärerischen Symbolik mit Erkenntnis übersetzten und so noch den Sterbenden zum Wahrheitssucher stilisierten, weist Harper eine derart überspannte Deutung ausdrücklich zurück: Nicht um „größere Geistesgaben“ habe Goethe in seinen letzten Atemzügen gebeten, nicht um „Gedankentiefe“, sondern buchstäblich um „die gütige Sonne“ und „einen Strom aus liebem Erdenlicht“. Harper begreift die Situation kurz vor dem Ableben als einen Elementarzustand, als eine Rückkehr zum Einfachsten und Menschlichsten: Der „Lorbeer“, als Zeichen der weltlichen Anerkennung, zerbricht „langsam in Staub“. Entsprechend endet das Gedicht mit einer Vanitas-Geste („wenn des Lebens Träume/Aufgelöst, verweht wie Gischt“) und der Anrufung des „Heilands“ als des allmächtigen Stifters von Licht und Leben.

Szenenwechsel ins Nachkriegsdeutschland, in die sowjetische Besatzungszone. Im neugegründeten Verlag Volk und Welt erscheint 1948 der Band „Auch ich bin Amerika. Dichtungen amerikanischer Neger“. Zusammenstellung und Übertragung der ausschließlich von Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen verfassten Gedichte stammen von Stephan Hermlin. Dessen lebenslanges Bestreben, dem deutschen Lesepublikum „eine Tür zu literarischer Weltläufigkeit zu öffnen“ (Heinrich Detering), bestimmt das Anthologieprojekt ebenso wie die politische Indienstnahme der Literatur, hier vor allem in Gestalt der Amerika-Kritik und des Antikapitalismus. Die Sammlung versteht sich als aufklärerischer Gegenimpuls zu „geschickt geschriebenen Schmökern à la ‚Vom Winde verweht‘ und verlogenen Hollywoodprodukten“, in denen die „Neger“, ungeachtet ihrer „denkbar ungünstigen Lage“ in der Gesellschaft, vornehmlich als „folgsam“ und „komisch“ dargestellt würden – so liest man im Vorwort.

In der Anthologie findet sich auch Harpers Gedicht, dessen liedhafter Charakter – erzeugt durch ein alternierendes Versmaß, das Wechselspiel von Reimen und Assonanzen sowie die refrainartige Wiederholung des Ausrufs „Light! more light“ – in der deutschen Übertragung stark zur Geltung kommt. Zugleich mischen sich andere, eher abendländisch geprägte Motive ins lyrische Gesamtbild ein: das „düstre Nebeltal“ der Romantik (im Original: „dimly lighted valley“), der lutherdeutsche „Heiland“ (bei Harper: „Gracious Saviour“). Sicher tragen auch solche Anpassungen dazu bei, dass man den amerikanischen Ursprungstext hinter der deutschsprachigen Nachdichtung eigentlich nicht mehr wahrnimmt.

Aber welche Absicht steht hinter der Entscheidung, Harpers Goethe-Verse überhaupt in die Sammlung mit aufzunehmen? In ihrem Werk hätte es andere Gedichte gegeben, die viel besser mit dem politischen Anliegen der Anthologie vereinbar gewesen wären (das kämpferische „Bury Me in a Free Land“ etwa). Im Vorwort stellt Hermlin fest, es seien zwar „kleinbürgerliche Verse“, die Harper über Goethe geschrieben habe. In ihnen komme aber dennoch „ein großes und ergreifendes Gefühl“ zum Ausdruck. Die am Kommunismus geschulte Bewusstseinsprüfung („kleinbürgerlich“) und das Beharren auf der Würde des Individuums (in seinem „großen und ergreifenden Gefühl“) gehen in der Gedichtauswahl also miteinander einher. Hermlins Entscheidung für Harpers Gedicht zeugt damit gleichermaßen von politischer Anpassung und literarischem Eigensinn.

Frances E. W. Harper: „Mehr Licht!“ / „Let the Light Enter“

(Goethes letzte Worte)

„Licht! mehr Licht! Die Schatten sinken,
Wie ich’s Leben sinken seh.
Öffnet weit mir alle Fenster:
Licht! mehr Licht! bevor ich geh.

Daß die gütige Sonne scheine,
Auf mein Sterbebette strahl,
Ehe ich hinziehe
Durch das düstre Nebeltal.

Licht! mehr Licht! der Tod verbreitet
Schleier auf vergehende Sicht,
Lieber säh ich ihn durch einen
Strom aus liebem Erdenlicht.“

Nicht um größere Geistesgaben,
Um Gedankentiefe nicht
Fleht der Dichter sterbend leise,
Was er wünscht, ist Licht, mehr Licht.

Nicht mehr achtet er des Lorbeers,
Der langsam in Staub zerbricht;
All des Dichters Wünsche gipfeln
In dem einen Wunsch nach Licht.

Heiland, wenn des Lebens Träume
Aufgelöst, verweht wie Gischt.
Segne unsern sehnsüchtigen
Letzten Blick mit Licht, mehr Licht.

Aus dem Amerikanischen von Stephan Hermlin

***

The Dying Words of Goethe

“Light! more light! the shadows deepen,
And my life is ebbing low,
Throw the windows widely open:
Light! more light! before I go.

“Softly let the balmy sunshine
Play around my dying bed,
E’er the dimly lighted valley
I with lonely feet must tread.

“Light! more light! for Death is weaving
Shadows ‘round my waning sight,
And I fain would gaze upon him
Through a stream of earthly light.”

Not for greater gifts of genius;
Not for thoughts more grandly bright,
All the dying poet whispers
Is a prayer for light, more light.

Heeds he not the gathered laurels,
Fading slowly from his sight;
All the poet’s aspirations
Centre in that prayer for light.

Gracious Saviour, when life’s day-dreams
Melt and vanish from the sight,
May our dim and longing vision
Then be blessed with light, more light.

„Auch ich bin Amerika“. Dichtungen amerikanischer Neger. Aus dem Englischen von Stephan Hermlin. Verlag Volk und Welt, Berlin 1948. 144 S., br., vergriffen.

Von Kai Sina ist zuletzt erschienen: „Kollektivpoetik“. Zu einer Literatur der offenen Gesellschaft in der Moderne mit Studien zu Goethe, Emerson, Whitman und Thomas Mann. Verlag de Gruyter, Berlin 2019. 298 S., geb., 89,95 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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