Frankfurter Anthologie

Joseph Beuys: „Ohne Titel“

Von Hartmut Kraft
07.05.2021
, 17:00
Es geht auch ohne Filz: Dieses Gedicht entstand in den vierziger Jahren, inmitten des Krieges und bevor sein Verfasser zum Avantgarde-Künstler wurde. In zarten Wendungen spricht es von den Geheimnissen des Lebens und des Todes.
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Joseph Beuys als Bildhauer, als Zeichner, als Aktionskünstler. Joseph Beuys als Lehrer und als Politiker, der stundenlang Diskussionen führen konnte. Aber wer kennt Joseph Beuys als Dichter?

Eigentlich ist es nicht schwer, die Gedichte des Künstlers zu entdecken. Vor über zwanzig Jahren publizierte Eva Beuys aus dem Nachlass ihres Mannes das Buch „Joseph Beuys. Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle. Texte 1941 bis 1986“. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Briefen, theoretischen Überlegungen, Diagrammen zu Politik, Kybernetik und vielen anderen Themen. Texte mit Zeichnungen sind auch darunter. Der Leser erhält einen Einblick in das Denk-LABOR des Künstlers (von ihm in Versalien geschrieben), kann ihm sozusagen bei der Entwicklung seiner Konzepte und Ideen bis hin zum „erweiterten Kunstbegriff“ über die Schulter schauen.

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Dabei findet sich in diesem heterogenen Konvolut gut ein Dutzend Texte, die als Gedichte zu bezeichnen sind. Es sind vor allem frühe Arbeiten aus den vierziger Jahren. Jedem dieser Texte ist das Faksimile der meist handschriftlichen Notate beigefügt. Klammern in den transkribierten Texten verweisen auf Streichungen im Original, nicht zum Text gehörende Einschübe oder auch auf unleserliche Stellen.

Vielleicht sind Träume der Ausweg

Das vorliegende, undatierte Gedicht wird zwischen 1941 bis 1943 entstanden sein. Zu dieser Zeit war Beuys Anfang zwanzig und als Angehöriger der deutschen Luftwaffe an unterschiedlichen Orten stationiert, unter anderem in Polen, Italien und auch auf der Krim.

Die erste Zeile des Gedichts hat dem ganzen Buch den Titel gegeben: „Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle“. Ein poetischer Auftakt, der gleich weitergeführt wird mit den Worten „Zart und leise deckt dich das Lilienkelchblatt ein“. Mit Blumen assoziieren wir Düfte und vor allem auch Farben, mit Lilien am ehesten das Rot der Feuerlilie und das reine Weiß als Symbol der Gottesmutter. Beide Farben spielen fortan eine Rolle. Schnee bedeckt die Erde, es ist Nacht, der Dichter oder ein von ihm Angesprochener träumt. Es sind Sprachbilder, die mit dem Tod, dem weißen Leichentuch, das sich auf die Landschaft legt, direkt in Verbindung stehen. Es sind bekannte, fast schon zu bekannte Metaphern. Aber überraschender Weise schreibt Beuys von „weisser Netze Flor“. Netze weisen Schlupflöcher auf, und Flor meint ein feines, zartes Gewebe, das uns an Filz als den späteren Werkstoff des Künstlers denken lässt. Seine so berührende Skulptur „Schneefall“ (1965) kommt in den Sinn, drei ihrer Äste beraubte Tannenstämme, deren Basis von mehreren Lagen Filz bedeckt wird. Wie eine Schneedecke zeichnet der Filz die Konturen der Stämme nach, wärmt die von menschlichen Eingriffen malträtierte Natur. Es wirkt wie eine heilende Zuwendung.

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Vielleicht sind Träume der Ausweg, das Schlupfloch aus der Kälte und der Todeszone. Träume reichen von belanglos wirkenden Szenen über Wunschträume bis zu Horror- und Angstträumen. Gleiches gilt für das Märchenhafte, das hier nun als Trauminhalt angesprochen wird. Märchen spielen keine heile Welt vor. Die Märchenheldinnen und -helden müssen ihr Leben aufs Spiel setzen, todesmutig Gefahren überwinden, um ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen. Die uns hier vor Augen geführte Märchenwelt hingegen ist leicht, tanzend, voll Lachen. Es ist die märchenhaft schöne Seite, mit der viele Märchen, die Zuhörer beruhigend, ausklingen. Und tatsächlich endet das Gedicht, das vermutlich in den tagtäglichen Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurde, mit dem Anbrechen des neuen Morgens. Wenn wir an die zu Beginn genannte Knospe zurückdenken, könnten wir vom Aufbrechen, von der Befreiung der Blumenkelchs aus der Hülle sprechen – ganz so, wie Eos, die griechische Göttin der Morgenröte, den neuen Morgen, ihr jüngstes Kind, gebiert.

Aus der Winterkälte, dem Absterben der Natur sind wir über den Schlaf und märchenhafte schöne Träume glücklich in einem neuen Tag erwacht. Das ist der Wunsch eines jeden Menschen, erst recht in Zeiten des Krieges mit der steten Todesdrohung. Die anfänglichen Assoziationen von roter und weißer Farbe haben sich als ambivalent zu erkennen gegeben: Das Weiß ist rein – aber auch die Farbe des Leichentuchs. Das Rot kündet den neuen Morgen an, ist aber auch die Farbe des Blutes, das auf den Schlachtfeldern vergossen wird.

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Und doch behalten die ersten beiden Zeilen einen geheimnisvollen Klang, haben eine andere Grundstimmung als der weitere Verlauf des Gedichts. Es ist wie so oft mit unseren Träumen, die eine Ahnung und Stimmung vermitteln, sich aber nicht wirklich ganz entschlüsseln lassen. Viele Jahre später hat Beuys über eines seiner ersten Multiples mit dem geheimnisvoll-rätselhaften Titel „Zwei Fräulein mit leuchtendem Brot“ (1966) gesagt: „Vielfach kann man die Dinge ja nur ahnen, die gemeint sind. Das ist mir recht, dass man sie zunächst nur ahnen kann...“.

Joseph Beuys: „Ohne Titel“

Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle
Zart und leise deckt dich das Lilienkelch-
blatt ein.
Unversehrt und rein
\[\]Weicher Schnee rieselt in Flocken
Hüllet Erde und Pflanze
in weisser Netze Flor.
Immer dichter wird alles und träumt in
die Nacht hinein.
Siehst Du
ich sehe im Schlaf dich Märchen –
wälder durcheilen auf Schlössern und
in Gemächern in tausend Gewändern zu
Prinzessinnen sehe ich Dich schreiten,
tanzen, lachen.
Und den Sonaten lauscht Du des
Nachts. \[\]In unsagbar
tiefen Zügen trinkst Du – aus den
aufrauschenden Quellen
Dem Morgenrot entgegen gebirt Eos
ihr jüngstes Kind.

Joseph Beuys: „Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle“. Texte 1941 bis 1986. Hrsg. von Eva Beuys, bearbeitet von Wenzel Beuys. Edition Heiner Bastian. Verlag Schirmer/Mosel, München 2000. Vergriffen.

 

Von Hartmut Kraft ist zuletzt erschienen: „Joseph Beuys – Intuition 1968“. Entstehungsgeschichte, Interpretationen und Variationen eines Multiples. Verlag Kettler, Dortmund 2021. 88 S., Abb., geb., 19,80 €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber 

Quelle: F.A.Z.
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