Frankfurter Anthologie

Jan Wagner: „sarajewo“

Von Alexander Košenina
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 15:49
Ein sanfter Blick zurück auf schreckliches Geschehen: Ein Gedicht des Büchnerpeisträgers Jan Wagner, 25 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica.

Mit der Nobelpreisentscheidung für Literatur 2019 brachen entsetzliche Wunden der Erinnerung auf. Peter Handke wurde mit erdrückenden Belegen vorgeworfen, serbische Kriegsverbrechen ignoriert oder verharmlost zu haben. Wenige Tage später, bevor die Mütter von Srebrenica zum Protest nach Stockholm aufbrachen, schickte der selbst aus Bosnien-Hercegovina stammende Schriftstellerkollege Saša Stanišić seiner Dankesrede zum Deutschen Buchpreis die Bemerkung voraus: „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.“ Diesem erschütternden Wort ging eine Äußerung von Jan Wagner, dem Büchner Preisträger von 2017, voraus. Sie besteht ebenfalls aus nur einem Satz, auf sechs Zeilen zum Gedicht geformt.

Schon der Titel in Kombination mit den im ersten Vers aufgerufenen Friedhöfen verdichtet das unendliche Leid während der Blockade Sarajewos von April 1992 bis Februar 1996. Bosnische Serben greifen die Stadt mit Heckenschützen und Granaten von den Hügeln aus an, rund elftausend Menschen sterben, viele davon bei den beiden Markale-Massakern. UN-Soldaten werden beschossen und als Geiseln genommen, die bosnische Hauptstadt muss durch eine fast vierjährige Luftbrücke versorgt werden, deutsche Transall-Maschinen können nur durch Sturzflug vor der Landung dem Dauerbeschuss entgehen. Der Name Sarajewo über dem Gedicht steht aber auch als pars pro toto für zahllose andere Schauplätze – für Novi Grad, Tuzla und vor allem für Srebrenica mit achttausend ermordeten Jungen und Männern allein im Juli 1995. Die Hügel und Wiesen um all diese Orte sind heute von Zehntausenden Grabsteinen übersät.

Völker, die miteinander zu leben wissen

Statt Geschichtslyrik zu schreiben, knüpft Jan Wagner an dieses stille, allgegenwärtige Bild an. Bienenkästen an diesen friedlichen Orten zwischen die weißen, muslimischen Grabstätten zu stellen oder in deren Nähe als eigene Ensembles zu arrangieren wird jedem Imker einleuchten. In dem Gedicht treten diese Völker, die mit jeweils Zehntausenden von Bienen nahe nebeneinanderstehen können, ohne einander je zu stören, als Symbole der Lebendigkeit, der Koexistenz und des Fleißes dem vergangenen Kriegsgeschehen zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen in Bosnien entgegen. Wo vor gar nicht allzu langer Zeit, gekämpft, getötet und begraben wurde, ist neues Leben eingekehrt. Aus der Perspektive der Bienen, die mit einem Flugradius von bis zu drei Kilometern, mit Nektar und Pollen schwer beladen, wie die Luftbrückenmaschinen gern im Sturzflug zu ihren Bauten zurückkehren, müssen die riesigen Gräberfelder wie „winzige tote“ erscheinen. Eine verborgene Pointe ist die biologische Tatsache, dass alle Arbeitsbienen weiblich sind, die wenigen Drohnen werden nur zur einmaligen Begattung der Königin benötigt. Unter den Grabsteinen an den Hängen von Sarajewo und Srebrenica liegen vor allem Söhne und Männer begraben, die jetzt nur noch von ihren Müttern und Frauen aufgesucht werden.

Vor allem diese Frauen, von denen eine lautstarke Delegation dann in Stockholm gegen die Nobelpreisverleihung protestierte, sind es, die nicht zulassen, dass über die Kriegsverbrechen so einfach jenes Gras wächst, auf dem jetzt Bienenkästen stehen. Neben ihnen sind es die Dichter. Jan Wagner erinnert behutsam und diskret, mit nur wenigen Worten, an schreckliche Verbrechen inmitten Europas, die nicht vergessen werden dürfen. Ihm zur Seite steht die Nachfolgegeneration der einstigen Kriegsparteien: deutschsprachige Schriftstellerinnen wie Anna Baar, Marko Dinić und Saša Stanišić, die wie die fleißigen Bienen von Sarajewo die Erinnerung an die Jugoslawien-Kriege wachhalten. Sie geben uns jenen Honig der Literatur, den schon Hugo von Hofmannsthal in seiner „Ballade des äußeren Lebens“ ankündigte.

Jan Wagner: „sarajewo“

der zehnte weiße friedhof
an einem jener hänge
ist ein ensemble
von bienenkästen: sammelt
den honig, fleißige tierchen,
winzige tote.

Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“. Gedichte. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016. 112 S., br., 11,– €.

Von Alexander Košenina ist zuletzt erschienen: „Tristan“. Novelle von Thomas Mann. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alexander Košenina. Reclams Universal-Bibliothek, Ditzingen 2020. 91 S., br., 3,60 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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