Frankfurter Anthologie

Elke Erb: „Seltsam“

Von Christian Metz
01.08.2020
, 11:54
In diesem Gedicht führt Büchnerpreisgewinnerin Elke Erb vor, was man unter ernsthaft komischer Lyrik verstehen könnte. Es wird viel darin gelacht – aber warum?

Dieses Gedicht hat seinen Ort am äußersten Rand zwischen dem Ernsthaften und dem Komischen. Gedichte sind in diesem Grenzgebiet so selten, dass sie einem seltsam vorkommen. Nach Sigmund Freud übt Erziehung Normen ein. Das Abweichende indes löst entweder Weinen oder Lachen aus. Beiden Reaktionen ist gemeinsam, dass sie Antworten auf eine Grenzlage sind, so hat seinerseits Helmuth Plessner festgelegt. Elke Erb ist offenbar nicht nur Freud- und Plessner-kundig, sie versteht darüber hinaus, eine dritte (man könnte sagen: Benjamin’sche) Grenzreaktion einzuführen: Beim Anblick ihres eigenen Gedichts, so berichtet sie, sei sie wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt. Wörtlich schreibt sie dazu: „Das Gedicht, das ,Seltsam‘ heißt, ist auch seltsam. Während ich es im Sommer 2013 bearbeitete, saß ich davor wie noch vor keinem, wie eine aufgerichtete Schlange, so seltsam fremd. Es war dann der Stolz dieses Sommers.“ Was für eine gewitzte Beschreibung eines Schockerlebnisses.

Worin liegt der Schock begründet? Ausdrücklich in einer literaturtypischen Tätigkeit: Matthias Claudius mag nachts den Mond besungen haben, Heinrich Heine an Deutschland gedacht haben, in diesem Gedicht jedoch wird nachts korrigiert. Das darf man autobiographisch lesen. Elke Erb ist dafür bekannt, dass sie ihre Texte immer wieder neu bearbeitet. So offenbar auch im Sommer 2013, als sie sich ihres Textes vom 8. November 2006 abermals annimmt. Die kritische Selbstbetrachtung ist nicht notwendig ein Vergnügen, aber schon in der klassischen Rhetorik hieß „inventio“ immer auch wiederfinden. Und diese Grenzerfahrung zwischen Neuem und Altem, Bekanntem und Unerwartetem ruft Elke Erb auf. Bis zur Schockstarre fremd ist für sie, dass sie in ihren eigenen Arbeiten eine bislang übersehene Gesetzmäßigkeit erkennt: „ein munteres Auf und Ab“. Mag der Schlangenschreck kurzzeitig sogar zur Denkstarre geführt haben, mit dem anschließenden Satz wechselt das Gedicht in eine solche Gedankenrasanz, dass man als Leser aufpassen muss, nicht aus der Kurve getragen zu werden. Doch der Dreifachvergleich ergibt Sinn: Man zeichne ein Lachen auf, und das Klangbild ergibt ein munteres Auf und Ab.

Das Lachen entspricht auf diese Weise der Wellenform des Lichts, sowie dem Klangbild – tipp, tipp, tipp – des tropfenden Regens. Man kann dies als poetologischen Kommentar lesen. Erb birgt (oder birkt) ihre komische Pointe anstatt aus der naturalistischen Aufzeichnung von (Regen-)Geräuschen im Sekundenstil aus dem blitzschnellen Wechsel in die Abstraktion, um dort das gemeinsame Muster von Lachen, Licht und Regen ausfindig zu machen. Der Freud’schen Erziehung zum Normalen setzt Erb so die Erkenntniskraft der außergewöhnlich wendigen Gedankenschnelle entgegen. Wer über diese Kombinationskunst nicht lachen kann, darf sich als Ausnahmeerscheinung fühlen. Zugleich ist der Fall ernst: Licht = Lachen = Regen – das klingt wie eine Weltformel.

Eine freundliche Lachgesellschaft

Nach der geistesblitzdurchzuckten Nacht bleibt das Leben literarisch, wechselt zum Frühstück aber von der Korrektur eigener Gedichte zur Lektüre fremder Text. Der wüstenleere „Text von E.“, der offenbar keinerlei Reiz für die Leserin bereithält, erlaubt der Aufmerksamkeit indes einen Ausflug zu den eigenen Augen. Siehe da: Das Lachen aus der Nacht steht dort noch als (Merk-)Mal festgeschrieben. Erb setzt diese Beobachtung hellsichtig in eine anthropologische Erkenntnis um: Das Grenzwesen Mensch hat eine aus dem korrektiven Blick auf sich selbst entsprungene Neigung zu Lust, Lachen und Vergnügen. Das muss mitgeteilt werden. Auf das nächtliche Selbstgespräch und den Dialog mit dem öden Text folgt jetzt das Telefongespräch mit B. Auch beim plötzlichen Mitteilungsbedürfnis handelt es sich um eine seltsame Wendung, die sich ihrerseits wendet, wenn die Figur dann für den Rest des Tages keinen Gedanken mehr an Korrektur, Lektüre und Erkenntnis verschwendet. Erst am Abend, gleichsam „post post“, leuchtet die Erkenntnis des Morgens „im Abendsonnenschein“ wieder auf. Im ersten Eindruck handelt es sich noch um Leute, die etwas tun (lachen). Im zweiten ist den Lachenden die Tat zur Eigenschaft, zum (Merk-)Mal geworden. Zugleich hat sich das Lachen über das (seltsame) Fremde in ein Miteinander-Lachen gewandelt. Diese freundliche Lachgesellschaft kommt einem so seltsam vor, dass es sich glatt um ein Trugbild im Abendschein handeln könnte. Auf das man dann schon wieder mit einem Lachen reagieren müsste. Elke Erb führt vor, wie es geht, mit der ernsthaft komischen Lyrik. Bis zur kommenden Korrektur.

Elke Erb: „Seltsam“

Ich las Korrekturen nachts, fand:

Ein munteres Auf und Ab.
Als begleite ein Lachen wie Licht
den Report

und Licht wie Regen, so rege
wie jener, der auf dem Balkon die Fliesen betanzt,
aus der Dachrinne auch, der verstopften,
tropft, die sich Birken pflanzt.

Beim Frühstück dann merkte ich überrascht,
denn ich las einen öden Text von E.,
daß das Lachen mir in den Augen
mit einem Mal noch stand,

so ging ich und sagte es B.
am Telefon: Weißt du, in Wirklichkeit
sind wir zu lachen bereit.

Und dachte nicht mehr daran.

Aber am Abend, viel später,
ich fuhr mit der Post zur Post,
sah ich sehr viele Leute, lachende.

Sehr viele Leute, Lachende

miteinander.

Im Abendsonnenschein.

18.11.06

Elke Erb: „Sonnenklar“. Roughbook 032. Hrsg. von Urs Engeler und Christian Filips. Roughbooks, Solothurn 2015. 96 S., br., 9,– .

 

Von Christian Metz ist zuletzt erschienen: „Kitzel“. Zur Genealogie einer menschlichen Empfindung. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 640 S., geb., 32,– .

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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