Frankfurter Anthologie

Maciej Niemiec: „Sommertage“

Von Renate Schmidgall
02.10.2020
, 18:38
Was tun gegen die alles verschlingende Zeit? Diese Verse spiegeln die Vergänglichkeit, der das Ich ausgesetzt ist. Nur die Poesie kann etwas von unserem Leben festhalten.

Das Gedicht „Sommertage“ entstand, wie der Autor uns als Information mitgibt, im September 1990 an dem erwähnten Strand von Dinard – während eines kurzen Urlaubs der ganzen Familie, wie man annehmen kann. Maciej Niemiec, 1953 in Warschau geboren und 2012 in Paris durch Freitod aus dem Leben geschieden, kam 1987 für kurze Zeit in die französische Hauptstadt, kehrte jedoch nie in seine Heimat zurück. Als das Gedicht entstand, arbeitete er neben seiner Tätigkeit als Autor auch als Kritiker für einige Zeitschriften und Exil-Verlage. Sein Debütband und ein weiteres Buch waren 1989 in polnischen Untergrundverlagen erschienen, seine Frau hatte das erste Kind geboren, das Leben hatte noch eine Perspektive.

Das kurze Gedicht ging in den Band „Rue des Eaux“ ein, der 1996 in Ryszard Krynickis renommiertem Verlag a5 erschien und nach der Straße im 16. Arrondissement benannt ist, in der Niemiec wohnte. In „Rue des Eaux“ entfernt der Autor sich von dem oft abstrakten Denken seines früheren Schaffens und wendet sich der konkreten Umgebung zu. Die Gedichte beschreiben die urbane Landschaft um die Seine, sie sind nahe an den Erlebnissen des Autors in dieser Gegend, und sie sind voller Leben. So ist das Buch auch den Kindern gewidmet, die in kurzen Abständen geboren wurden: „Für Jakub, Anna und Marie-Alise, für die Liebe und andere Sorgen.“

Ein Augenblick der Ruhe vor dem Raubtier

Dennoch scheint ein Schatten über allem zu liegen. Die gute Adresse im reichen Passy konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es schwer war, als Lyriker eine Familie zu ernähren. So war es auch nur eine kleine Wohnung im Hinterhaus der schönen, gepflegten Straße, im siebten Stock, „hoch über der Stadt“, wie es in dem Gedicht „Märchen“ heißt: „dort/hat niemand je gewohnt außer unserem/Glück und Unglück“. Das Leben und das Schreiben waren mühsam.

Das Werk von Maciej Niemiec ist, in diesen wie auch den früheren Gedichten, eine Suche nach der Wahrheit, nach dem Wesen unserer Existenz. Dabei geht er zunächst von der konkreten äußeren Welt aus, die er als sensibler Beobachter präzise beschreibt. „Ohne das Konkrete gibt es keine Dichtung“, sagt Adam Zagajewski in einem seiner Essays. „Doch zugleich wird sie ständig von etwas anderem in Versuchung geführt ..., als erwartete sie nicht, dass die sichtbare Welt die ganze Antwort enthielte.“ Dieses andere, von dem Zagajewski spricht, ist das Unerklärliche, das Transzendente oder auch die Phantasie als Eigenschaft eines dichterisch begabten Subjekts. Die sinnlich wahrnehmbare Welt enthält keine Antwort auf unsere Fragen, doch sie enthält Bilder, Gerüche und Geräusche, sie enthält poetische Momente – für den, der sie wahrnimmt und benennt: Da ist der zertrümmerte Spiegel unzähliger Muscheln, da schluchzt der Ozean, ein blaues Stückchen Plastik schwebt für einen Moment in der Luft. Und obwohl der „Geist des Sommers“ darüber – ironisch – lachen könnte, wie es heißt, ist hier vielleicht eine leise Hoffnung zu spüren. Denn die äußere Welt ist in der Dichtung immer auch ein Spiegel der inneren.

„Sommertage“ ist eines der helleren Gedichte. Es führt uns aus der Stadt hinaus an den Atlantikstrand. Doch die Sommertage sind, wie gleich in der ersten Zeile gesagt wird, vorbei. Der Titel bezieht sich auf das Vergangene, das Verlorene. Denn nur das Vergangene, nur die Erinnerung gehört uns, die Zukunft ist ungewiss, und das Leben ist ein Raubtier, das uns früher oder später vernichtet. Und so spiegelt das Gedicht die Vergänglichkeit und die Melancholie, der das Ich ausgesetzt ist angesichts der alles verschlingenden Zeit und der schwindenden Liebe. Nur die Poesie kann etwas von unserem Leben festhalten – wie diesen Augenblick im September. Ein Augenblick der Kontemplation und der Ruhe, bevor das Raubtier wieder zupackt.

Maciej Niemiec: „Sommertage“ / „Dni lata“

Sommertage, sie gehören uns schon – sind Erinnerung,
die Hitze kehrt in diesem Jahr nicht wieder. Hinterm Hügel
schluchzt der Ozean über dem zertrümmerten Spiegel
unzähliger Muscheln. Ein Windstoß von den Felsen
trägt ein blaues Stückchen Plastik aus der Gasse,
hält es einen Moment über dem Straßenpflaster,
der Geist des Sommers könnte darüber lachen...
Der Lauf des Jahres knirscht nicht um diese Zeit.
Das Kind schläft länger, und wenn es weint,
dann leiser als im Frühling. Der September
öffnet noch die Augen der Blumen –
sie sehen das Licht, uns sehen sie nicht.
Irgendwo läuft nach wie vor das Leben wie ein Raubtier
auf der Fährte der kurzen Schatten der Sommertage.

Saint-Énogat, IX 1990

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

***

Dni lata są już nasze – są wspomieniem,
w tym roku upał nie powróci. Za wzgórzem
ocean szlocha nad rozbitym zwierciadłem
niezliczonych muszelek. Powiew od skał
podnosi niebieską folię z zaułka,
przez chwilę trzyma ją nad brukiem,
mógłby z tego się śmiać duch lata...
Obrót roku nie skrzypi o tej porze.
Dziecko śpi dłużej, a jeśli płacze
to ciszej niż na wiosnę. Wrzesień
jeszcze otwiera oczy kwiatów –
widzą światło, ale nie widzą nas.
Gdzieś życie biegnie wciąż, jak drapieżnik
na tropie krótkich cieni dni lata.

St-Enogat, IX 1990

Das Gedicht von Maciej Niemiec erschien in „Sinn und Form“. Heft 3/2016.

Von Renate Schmidgall ist zuletzt erschienen: Marzanna Kielar: „Lass uns die Nacht“. Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort versehen von Renate Schmidgall. Edition Lyrik Kabinett im Hanser Verlag, München 2020. 128S., geb., 20,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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