Frankfurter Anthologie

Ilse Aichinger: „Triest“

Von Rüdiger Görner
14.08.2020
, 16:48
In diesem Gedicht ist die titelgebende Stadt selbst völlig ausgeblendet. Der Name „Triest“ steht für kulturelle Symbiosen und Spannungen aller Art. Können Verse sie auflösen?
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Viel sieht, wer in den Schatten der Blätter sieht. Er hört nicht das Gras wachsen, aber die Schatten rascheln, die Schatten der Geschichte. Und das wo sonst als in Triest, wo Grenzen einen Hafen bilden, Küste, Karst und Sprachen einander begegnen, wo Wörter ins Flimmern geraten und sich Weltpoesie per Flaschenpost als Strandgut an den leeren Quais ansammelt. Wenn Dichter wie hier aus heiterem Himmel Namen aufrufen, dann darf man sie für Inbegriffe halten. Triest steht für kulturelle Symbiosen und Spannungen, war einst Habsburgs Seetor zu den Küsten des Balkans und des Mare Nostrum, Triest, in dessen Hafen Ende Juni 1914 das in Sarajevo ermordete Erzherzogspaar auf dem Rückweg nach Wien „zwischenaufgebahrt“ wurde, wie es im Amtschinesisch hieß.

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Länder im Harnisch will man gerne im Schatten belassen. Vögel dagegen, als Boten der Sonne, leben durch ihre Flugakrobatik dem Ich des Gedichts Luftkunst vor, hoch über den Wellenfalten der See, ein Ich, das einen Stern hat. Einer der virtuosen Vögel vertraut der Anatomie dieses Ichs, spricht ihm zu mit ganz anderen Sprachzeichen. Das Ich hat sich zu den Nist- und Schlafplätzen der Tauben begeben; aber nicht sie sind es, von denen es „besprochen“ wird, sondern von anderen, womöglich Zugvögeln; sie könnten eben diese „geharnischten Länder“ überflogen haben, sie mühe-, gar schwerelos unter und hinter sich zurücklassend. Sie haben sich in Triest versammelt, nicht in Venedig, nicht in Duino, sondern dort, wo dieses Ich jenen „spröden Charme“ erlebt, von dem der heimische Dichter, Umberto Saba, zu singen wusste.

Mit den Blättern die Schatten von der Wiese kehren

Ilse Aichingers Gedicht gleicht einer Hommage für Saba, ein Gedicht, das gleichsam unterwegs seine Kommata verliert. Daraus entsteht keine beethovensche „Wut über den verlorenen Groschen“, sondern eher ein zartes Mitgefühl für die Kommata, die dem Gedicht abhandengekommen zu sein scheinen. Am Anfang sitzen sie noch genau; dann werden sie sichtlich überflüssig. Diese beiden Kommata könnten Punkte sein, markieren sie doch ein Satzende und eine Sinneinheit, aber sie wollen eben den Fluss des Gesagten nicht unterbrechen; sie entlassen sich aus ihrer rhythmisierenden Pflicht im Wissen, dass nun die Zeilenenden diese gliedernde Aufgabe übernehmen können.

Diese Triester Szene spielt sich in der Vergangenheit ab, wobei die Stadt selbst ausgeblendet ist: kein Hinweis auf eine Straße, die Via del Monte etwa, eine Denksehenswürdigkeit, den Tempio Israelitico an der Piazza Giotti, Winckelmanns Sarkophag oder das siebzig Kaffeesorten bereithaltende, einst von Italo Svevo und James Joyce frequentierte Caffè degli Specchi an der Piazza dell’Unità d’Italia mit seinem von den mediterranen Handelsflotten verwaisten Hafen. Immerhin geht von ihm ein Canal Grande aus, der ein wenig Venedig zitiert. Nichts davon in diesem Gedicht oder eben doch: Der Stadtname Triest sagt einfach alles, auch wenn der von den Vögeln besprochene Stern das letzte Wort hat und ist – der Stern, der über Triest aufgeht und zugleich Leuchtpunkt des Ichs am Firnament zu sein beansprucht. Die Zeitwörter träumen sich in diesem Gedicht aus der Zeit, wobei die Sprachbilder konkret und betont genau bleiben. Für den großen Überblick genügen die Umrisse wie für die Länder, die hier einst gegeneinander mobil machten; deswegen „geharnischt“.

Das Gedicht „Triest“, Anfang 1962 entstanden, fand schließlich Eingang in Aichingers Gedichtsammlung „Verschenkter Rat“ von 1978, in deren Titelgedicht vom „Blattkehrer“ die Rede ist, anonyme Laubkehrer, die mit den Blättern auch ihre Schatten von der Wiese kehren. Oder sind damit auch jene gemeint, die in der Lage sind, das Blatt zu wenden? Denn das ist die stille Hoffnung der Dichterin, dass sich durch ihr Wort, das sie aufgeschrieben hat, ein Blatt wenden möge; dass es etwas Unerhörtes zu sagen gibt, wenn es zur Kehre kommt, und sei es, dass es etwas ist, das ihr die Sonnenvögel zugetragen haben. Auch sie werfen Schatten, aber nicht geharnischt, sondern naturkunstvoll zwitschernd.

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Ilse Aichinger: „Triest“

Ich sah in den Blätterschatten
den Umriß geharnischter Länder,
aus der Sonne kamen
die vielen Vögel zu mir,
sie lehrten mich
die Künste des Maschenbindens
überm gefalteten Meer
und einer von ihnen ließ sich
auf meinen Rippen nieder
und besprach mich
und vor den Taubengrotten
auch meinen Stern.

Ilse Aichinger: „Verschenkter Rat“. Gedichte. Hrsg. von Richard Reichensperger. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991. 132 S., br., 12,– €.

 

Von Rüdiger Görner ist zuletzt erschienen: „Helvetiana“. Poetische Erkundungen in der Schweiz. Edition Signathur, Dozwil 2020. 125 S., br., 16,50 €.

 

Gedichtlesung von Thomas Huber

 

Quelle: F.A.Z.
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