Frankfurter Anthologie

Keith Douglas: „Vergissmeinnicht“

Von Werner von Koppenfels
Aktualisiert am 21.11.2020
 - 10:02
Der Zweite Weltkrieg hat nicht annähernd so viel lyrischen Widerhall erzeugt wie der Erste. Eine der wenigen klangvollen Stimmen ist die von Keith Douglas, dessen Geburtstag sich 2020 zum hundertsten Mal jährt.

Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg war die lyrische Ernte des Zweiten in England wie im übrigen Europa eher mager. Der poetische Aufschrei gegen das mechanisierte Gemetzel in den Schützengräben war verhallt, die Kriegsmaschinerie bewegte sich schneller und weiträumiger, und der Verlauf der moralischen Frontlinien war klarer markiert. Der Vielstimmigkeit der trench poets von 1914 wie Robert Graves, Siegfried Sassoon oder Wilfred Owen steht bei den englischen Kriegsteilnehmern des jüngeren Datums nur eine klangvolle Stimme gegenüber: die des – bei uns nach wie vor unbekannten – Keith Douglas. Sein Geburtstag jährt sich heuer zum hundertsten Mal. Gefallen ist er mit 24 in der Normandie, drei Tage nach D-Day.

Beim Literaturstudium am renommierten Oxforder Merton College war Edmund Blunden, einer der älteren war poets und Herausgeber von Wilfred Owen, sein Tutor. Er schickte die Gedichte des begabten Schülers an T.S. Eliot, der sie „vielversprechend“ nannte. Als Teilnehmer der Panzerschlachten in Nordafrika wurde Douglas, der zum gelegentlichen Vorpreschen neigte, Anfang 1943 in der Nähe von Tripolis verwundet. Während seines Erholungsurlaubs schrieb er nicht nur Kriegsgedichte, sondern auch einen Erlebnisbericht, der längst eine deutsche Ausgabe verdient hätte. Nach dem britischen Sieg über Rommels Afrikakorps kehrte „Captain Douglas“ nach England zurück und nahm an der Landung in der Normandie teil. Dort wurde ihm seine Ungeduld zum Verhängnis: Als der Vormarsch ins Stocken geriet, stieg er aus seinem Tank, um die Lage zu erkunden. Dabei traf ihn eine deutsche Granate.

Der Liebende und der Mordende liegen beisammen

Douglas’ bekanntestes Gedicht trägt einen deutschen Titel. Es ist ein Denkmal besonderer Art für den Unbekannten Soldaten – hier ausnahmsweise ein Angehöriger der Gegenseite. Das Hin und Her um die zwei Schlachten von El Alamein hat einen Panzertrupp nach drei Wochen zurück an den Kampfplatz geführt, den man sich übersät mit an der Sonne verwesten Leichen und Wracks vorstellen muss. Aus der Masse des Unsäglichen greift das Gedicht eine Geschützstellung heraus, mit der Aufforderung – an wen? –, genau hinzuschauen. Plötzlich sind wir ganz dicht an den Dingen, sehen den Staub auf den Augen des Toten und die Fliegen auf seiner Haut und lesen die Widmung auf dem Foto einer Frau, das die tödliche Explosion aus seinem Tornister gerissen hat, in fremder Sprache, in „gotischer“ Schönschrift („in a copybook gothic script“). Was lesen wir?

Vieles steht zwischen den Zeilen. Aus einem Schützenloch mit der Panzerabwehrkanone auf einen anrollenden Tank zu schießen ist ein Himmelfahrtskommando. Der Deutsche, so heißt es, hat dem Tank einen fürchterlichen Schlag versetzt; doch die Panzerung hielt offenbar stand, und der Angreifer sah sich exponiert und der sofortigen Vergeltung ausgesetzt. Aber wer hat den Schützen erledigt? Alles spricht dafür, dass es derselbe war, der hier zum einzigen Mal in der ersten Person auftritt und sich ansonsten als Teil des kämpfenden Kollektivs anonymisiert, der Sprecher des Ganzen, Soldat und Dichter in einem. Also Auge um Auge, oder besser: gerechte Vergeltung in einem gerechten Krieg? Der gemeinsame Hass („wir“) auf die Feinde, ohne den keine Schlacht zu führen ist, blickt „beinah“ beifällig auf das ironische Nebeneinander von harter Waffe und zerfallendem Fleisch.

Wenn nur der Dichter dem Soldaten nicht widerspräche; wenn da nur dieses Foto nicht wäre, das die Gleichung stört, indem es eine andere aufstellt. Denn der Mann ist erniedrigt („abased“), das Foto der Frau ist entehrt („dishonoured“). Der vermutliche Täter sieht aus nächster Nähe auf ihr Bild und stellt sich vor, sie sähe in einer vielsagenden Rollenverkehrung an seiner statt auf den Leichnam. Und wenn der lover und der killer ein Fleisch sind, führt dann vielleicht der Sprecher des Gedichts, sein dezidiert unlyrisches Ich, auch ein Doppelleben als Dichter und Mörder? In der letzten Strophe ist es der anonyme Schlachtentod, der sich irgendein Opfer greift und dabei doch irgendwie Schuld auf sich lädt. Das Paradox ist unauflösbar.

In einem Gedicht mit dem verstörenden Titel „How To Kill“ hat Douglas diesen Zwiespalt zwischen Tun und Denken, verordneter Mitleidlosigkeit und Mitleid, so reflektiert: „Die Hexerei / ist mein Geschäft. Seh als Verdammter amüsiert, / wie Liebe sich in Luft auflöst, / ihr Wellenschlag ins Nichts verfließt: / So einfach wird ein Mensch zum Geist ...“ Douglas nennt diesen scheinbar unbeteiligten Außenblick auf das Grauen des Krieges seine „extrospektive Methode“, und der im Irrealis vorgestellte Umsprung der männlichen zur weiblichen Perspektive in „Vergissmeinnicht“ verrät die introspektive List dieser Sicht. Sie ist, gerade in ihrem Verzicht auf Pathos, eine emotionale Herausforderung an den Leser.

Metrische Glätte und hoher Ton sind, trotz des Rilke-Bändchens in Douglas’ Marschgepäck, in dieser Dichtung nicht mehr zu haben. Die spröden vierzeiligen Strophen wechseln ständig Rhythmus, Verslänge und die Abfolge ihrer dissonanten Reime. „Ich sehe im Moment keinen Grund, die Dinge harmonisch oder volltönend anzugehen“, heißt es in einem Brief des Dichters an einen Freund. Gerade die unbeschönigte Härte dieser Kriegsdichtung hat sie Ted Hughes und Sylvia Plath, ihren eigentlichen Entdeckern in den sechziger Jahren, empfohlen. In England jedenfalls bedarf Keith Douglas, der um seine Zukunft betrogene Vielversprechende mit dem offenen, jungenhaften Gesicht, keines Vergissmeinnichts.

Keith Douglas: Vergissmeinnicht“ / „Vergissmeinnicht“

Drei Wochen schon alle Kämpfer davon
und wir kamen zurück an dem Albtraumort,
fanden die Stelle und fanden dort
den Soldaten hingestreckt an der Sonne.

Nur der Geschützlauf mit finstrer Miene
warf Schatten. Als wir vorrückten an jenem Tag,
traf er meinen Tank mit einem Schlag
als wollte ein Dämon eindringen.

Schau. Bei der Beute im Schützenloch hier
liegt das Bild seines Mädchens entehrt,
drunter steht: Steffi. Vergissmeinnicht.
wie aus dem Schulheft in altdeutscher Schrift.

Beinah befriedigt sehn wir ihn da
erniedrigt, er hat die Zeche bezahlt,
und verhöhnt vom eigenen Kriegsgerät,
so hart noch und brauchbar und er verwest.

Doch sie würde weinen, säh sie jetzt
die Fliegen schwarz auf seiner Haut,
auf dem Papierauge den Staub
und den Bauch, der wie eine Höhle klafft.

Denn der Liebende liegt mit dem Mörder beisammen,
die ein Herz hatten und einen Leib,
und Tod, der sich den Soldaten nahm,
hat am Liebenden tödliches Unrecht verübt.

Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels

***

Three weeks gone and the combatants gone,
returning over the nightmare ground
we found the place again, and found
he soldier sprawling in the sun.

The frowning barrel of his gun
overshadowing. As we came on
that day, he hit my tank with one
like the entry of a demon.

Look. Here in the gunpit spoilt
he dishonoured picture of his girl
who has put: Steffi. Vergissmeinnicht.
in a copybook gothic script.

We see him almost with content,
abased, and seeming to have paid
and mocked at by his own equipment
that’s hard and good when he’s decayed.

But she would weep to see today
how on his skin the swart flies move;
the dust upon the paper eye
and the burst stomach like a cave.

For here the lover and killer are mingled
who had one body and one heart.
And death who had the soldier singled
has done the lover mortal hurt.

Keith Douglas: „The Complete Poems“. Faber & Faber, London 2011. 208 S., br., 16,99 £.

Von Werner von Koppenfels ist zuletzt erschienen: „Dem Shakespeare fehlts an Kunst!“ Ben Jonson über sich und die Literatur seiner Zeit. Hrsg. und aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. DVB, Mainz 2020. 110 S., br., 15,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber 

Quelle: F.A.Z.
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