Frankfurter Anthologie

Adrienne Rich: „Was sind das für Zeiten“

Von Ruth Klüger
09.12.2016
, 15:40
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Ist das Persönliche das Politische, wie es in einem alten feministischen Slogan der Linken heißt? Dieses Gedicht geht noch einen Schritt weiter und bringt das Poetische ins Spiel.
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Adrienne Rich (1929 bis 2012) zählte zu den einflussreichsten Dichterinnen und Schriftstellerinnen der feministischen Bewegung, war eine unerschrockene Gegnerin des Vietnam-Kriegs und Befürworterin anderer progressiver Bewegungen. Ihr umfangreiches Werk enthält aber auch viele Naturgedichte, die, im konventionellen Sinn, einfach schön sind. Unser Gedicht handelt von dem scheinbaren Gegensatz zwischen Politik und Poesie und sucht ihn aufzuheben.

Das Persönliche ist das Politische, heißt es in einem alten feministischen Slogan der Linken. Unser Gedicht weitet diese Einsicht aus, so dass es „Das Poetische ist das Politische“ einschließt. Das Persönliche ist in der hausbackenen, ganz privaten Beschäftigung „Schwämme sammeln“ gegeben; das Politische erinnert daran, dass die bewohnte Natur nicht nur harmlose Gewächse, wie essbare Schwämme, sondern auch Mementos an entführte, „verschwundene“ Menschen birgt. In jeder der drei ersten Strophen ist das Wort „verschwinden“ maßgebend und mahnt an Gewaltmaßnahmen gegen Wehrlose. Das Gedicht will hartnäckig vor Untaten warnen und gleichzeitig die Befriedigung nicht ausgrenzen, die den Betrachter der Bäume oder die Schwämmesammlerin belebt.

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Ein Gespräch über Bäume

Auf zwei Vorgänger weist die Autorin hin. Der erste und ausführlicher zitierte ist Bert Brecht, der mit seinem berühmten Gedicht „An die Nachgeborenen“ sowohl im Titel wie in den letzten Versen von Richs Gedicht präsent ist. Bekanntlich geht es Brecht um die Frage, ob ein Gespräch über Bäume – also über Ästhetik und Schönheit – vereinbar sei mit einer politischen Gegenwart, die Engagement gegen die Ungerechtigkeit fordert. Adrienne Richs anderer Zeuge ist Ossip Mandelstam, den die Autorin in der zweiten, etwas obskuren Strophe in einer englischen Übersetzung von Brown und Merwin fast wörtlich zitiert. In Mandelstams Gedicht ist eine dunkle Nacht, die der Sprecher im Freien verbringt, mit der Drohung verwoben, die von einem autoritären Staat ausgeht – dem Mandelstam ja zum Opfer fiel.

Die letzte Strophe schlägt vor, dass man über Bäume, also ein poetisches und privates Thema, reden soll, reden muss, damit man über Politik so reden kann, dass man Zuhörer erreicht. Das Waldeck, wo die Schwämme wachsen, erinnert an politische Verbrechen, aber das sprechende Ich ist nur wegen des Schwämmesammelns an dieser Stätte gewesen. Eine private Annehmlichkeit trifft auf eine Gewissensfrage, nämlich die Verfolgung von Opfern – in Amerika, in Deutschland, in Russland –, die ein Anliegen der Öffentlichkeit ist. Das Gedicht vereint die beiden, macht sie voneinander abhängig und schlägt einen internationalen Bogen durch die Einbeziehung der beiden fremdsprachigen Dichter. Es befreit uns aus Brechts Zwickmühle, indem es vorschlägt, dass ein waches Gewissen und ein Sinn für die Natur vereinbar sind, dass das eine der Weg zum anderen sein kann.

Adrienne Rich hat einmal geschrieben: „Es war immer so, dass Dichtung unsere Isolation durchbrechen kann, uns zeigen kann, wer wir sind, auch wenn man uns ausgegrenzt und unsichtbar gemacht hat. Sie kann uns an Schönheit erinnern, wo Schönheit unmöglich schien, und an Gemeinschaft wenn alles nur auf Vereinzelung hinweist.“

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Adrienne Rich: „Was sind das für Zeiten“ / „What Kind of Times Are These“

Da ist ein Ort mit zwei Reihen Bäume, wo das Gras hügelauf wächst

und der alte Kriegspfad im Schatten verläuft,

beim Haus, wo die Verfolgten sich einst versammelten,

um dann in diesen Schatten zu verschwinden.

Ich hab’ dort Schwämme gesammelt am Rand der Gefahr.

Doch keine Angst: dies ist kein russisches Gedicht, wir sind zu Hause,

in unserem Land, mit unserer eigenen Wahrheit und eigenen Gefahr,

näher daran, dass auch bei uns Menschen verschwinden.

Ich verrate euch nicht, wo der Ort ist, das dunkle Waldeck,

wo es auf einen unmarkierten Lichtstreifen trifft –

gespenstischer Kreuzweg, verwestes Laubparadies:

ich kenn’ sogar einen, der’s kaufen, verkaufen will, damit es verschwinde.

Und will ich euch nicht sagen, wo es ist, warum red’ ich dann überhaupt?

Weil ihr immer noch zuhört, weil in Zeiten wie diesen

es nottut, damit ihr weiterhin zuhört,

über Bäume zu sprechen.

Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger.

***

There is a place between two stands of trees where the grass

grows uphill

and the old revolutionary road breaks off into shadows

near a meeting-house abandoned by the persecuted

who disappeared into those shadows.

I've walked there picking mushrooms at the edge of dread, but don't be fooled,

this isn't a Russian poem, this is not somewhere else but here,

our country moving closer to its own truth and dread,

its own ways of making people disappear.

I won't tell you where the place is, the dark mesh of the woods

meeting the unmarked strip of light --

ghost-ridden crossroads, leafmold paradise:

I know already who wants to buy it, sell it, make it disappear.

And I won't tell you where it is, so why do I tell you

anything? Because you still listen, because in times like these

to have you listen at all, it's necessary

to talk about trees.

Adrienne Rich: „Collected Poems. 1950– 2012“. W.W. Norton & Company, New York City 2016. 1216 S., geb., 48,99 €.

Von Ruth Klüger ist zuletzt erschienen: „Zerreißproben“. Kommentierte Gedichte. Zsolnay Verlag, Wien 2013. 120 S., geb., 14,90 €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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