Frankfurter Anthologie

Volker Sielaff: „Als ich auf dich wartete“

Von Joachim Sartorius
17.09.2021
, 17:00
Die schönsten Lieder singt dieser Dichter, wenn er allein ist. Wenn nur die Sehnsucht nach der Geliebten nicht wäre! Über die Freiheit und den Preis, den sie fordert.

Dieses Gedicht kommt harmlos daher. Schon von der Machart: Drei Vierzeiler, ein jeder mit zwei Kreuzreimen, was dem Ganzen ein schönes Korsett verpasst und für den Leser eingängig ist. Denn ein großer Teil der Volkslieder und fast alle als volkstümlich geltende Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts reimte in dieser Art. Das gab und gibt dem Vierzeiler dieses vertraute, feste Gefüge. Und vom Inhalt her? Auch hier zunächst bekanntes Terrain: Es spricht ein Einsamer. Er stellt sich ein Wiedersehen mit der Geliebten vor. Er ist unruhig. Was Gustave Flaubert einst meinte – dass Vorfreude das Beste sei, welches das Leben für uns bereithalte –, scheint nicht zu stimmen.

Der hier zur abwesenden Geliebten spricht, hält es ohne sie nicht aus, kann sie nicht aus seiner Vorstellung entfernen, auch nicht vergessen, was sie gesagt hat. Doch ist die ganze Chose vertrackt. Denn er ist oft lange fort. „Die schönsten Lieder“ singt er, wenn er allein ist, obschon er dieses Alleinsein kaum aushalten kann. Es geht um die Antinomien der Liebe.

Die Steigerung des Gedichts ist das Liebesgedicht

Der Liebende will sich vorstellen, wie es ist, wenn sie sich wiederhaben, findet „für das, was sein wird“, aber keine Worte. In diesem Nicht-Imaginieren-Können, in diesem „Nichts“ kann er nicht „vergehen“. Vergehen im Sinne von Außer-sich-sein? Von Sich-auflösen? Die Situation ist nicht ganz klar. Der Lauf der Liebe eben.

Dieses Gedicht steht im jüngsten, 2019 erschienenen Gedichtband von Volker Sielaff. Er folgte dem Prosaband „Überall Welt. Ein Journal“ von 2016 und dem im Jahr zuvor erschienenen Gedichtband „Glossar des Prinzen“. Im neuen Band findet sich das Gedicht im zweiten Teil. Er trägt den Titel „Die helle und die dunkle Seite“ und bildet ein Konvolut von insgesamt siebzehn Liebesgedichten. Im Gegensatz zu vielen Gedichten in den anderen, sehr unterschiedlichen Kapiteln haben sich diese siebzehn Gedichte vom freien Vers verabschiedet, sind zu End- und Binnenreimen zurückgekehrt und bestricken uns mit Leichtigkeit und herrlich spielerischer Lakonie.

Über die Jahre hat Volker Sielaff sich unabhängig gemacht von Moden und gängigen Sprachbasteleien und damit eine große Freiheit gewonnen. Es gelingen leise lustvolle Fügungen, auch Bilder, die deshalb überraschen, weil sie gang und gäbe sind (etwa der Köter, der seine Runde dreht), in ihrem Kontext aber noch eine andere Färbung erhalten. Man muss an Christian Morgenstern denken, an Nikolaus Lenau, an die leichten Verse von Heinrich Heine. Aber es ist eine Leichtigkeit, die auch schwere Liebeswirren beherzt in den Blick nimmt.

Was will uns der Einsame mit der rätselhaften Zeile „wer mit seinem Schmerz zahlt zahlt sich heim“ sagen? Dass der, der lange fortbleibt, sich also absichtlich fernhält, selbst bestraft? Oder erklären die zwei Zeilen, die folgen, diesen rätselhaften Spruch? Die „schönsten“ Gedichte bezahlt der Sänger mit dem Schmerz, allein zu sein? Viel wird hier angesprochen. Die Unsicherheit, ob man den anderen wirklich sehen will. Die aufflammende, dann wieder verglühende Liebe. Die schmerzliche Liebe. Es gibt wenig Verlässlichkeit. Gefühle werden befragt, anfällig, wie sie sind, für Wechsel, für ein wankendes Gemüt.

Die schon beinahe vergessene große, alte Dame des Suhrkamp Verlages, Elisabeth Borchers, Lektorin und Lyrikerin zugleich, sagte einmal, die Steigerung des Gedichts sei das Liebesgedicht. Von einer Steigerung sind wir hier weit entfernt. Ist es überhaupt ein Liebesgedicht? Vielleicht ist es ein Künstlergedicht? Der Künstler als Narziss? Denn es geht weniger um die Geliebte, viel mehr um die Beschreibung der heillosen Situation, in die der Dichter geraten ist. Wenn allerdings die Selbstbespiegelung eines Verliebten ein Liebesgedicht ist, dann haben wir es hier mit einem besonders munteren, weil nicht gar so tragischen Exemplar der Gattung zu tun.

Volker Sielaff: „Als ich auf dich wartete“

Ich denke uns voraus für nächste Woche
ich seh uns unter diesen Regenschirmen stehen
für das was sein wird gibt es keine Worte
nur kann ich nicht im Nichts vergehen

Ich bleibe lange fort und komme wieder
wer mit seinem Schmerz zahlt zahlt sich heim
Ich singe ohne dich die schönsten Lieder
und bin doch ohne dich so ganz allein

Ich halte es nicht aus nicht eine Stunde
dich nicht zu denken braucht es Phantasie
Ich drehe einsam wie ein Köter meine Runde
Was du gesagt hast ich vergess es nie

Volker Sielaff: „Barfuß vor Penelope“. Gedichte. Verlag edition Azur, Dresden 2020. 112 S., br., 19,– €.

Von Joachim Sartorius ist zuletzt erschienen: „Wohin mit den Augen“. Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 80 S., geb., 20,– €.

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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