Heideggers „Spiegel“-Interview

Hundert Minuten Hüttenzauber

Von Jürgen Kaube
10.03.2014
, 09:18
Er war vorbereitet, die Journalisten weniger: Martin Heidegger und Rudolf Augstein vor der Hütte in Todtnauberg
Das berühmteste Interview, das je im „Spiegel“ geführt wurde, liegt jetzt in Buchform vor: das Gespräch zwischen Rudolf Augstein und Martin Heidegger. Es wurde zur Lehrstunde für den Journalisten.
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Der Ausdruck ,Gerede‘ soll hier“, schreibt Martin Heidegger 1927, „nicht in einer herabziehenden Bedeutung gebraucht werden.“ Hier - das war die berühmte Analyse des an den Alltag verfallenen Daseins in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“. Grob zusammengefasst ging es darum, dass eine Existenz, die zu ihren eigenen Möglichkeiten finden will, sich dem „Man“, dem Durchschnittsverständnis der Welt entwinden muss. Zunächst und meistens spricht man nämlich nicht mit eigener Stimme. Man trägt weiter, was andere gesagt haben, redet nach. Was man weiß, ist zumeist angelesen. „Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen, ohne vorgängige Zueignung (!) der Sache.“

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Wer sich im Gerede aufhält, versteht also, ohne sich Erfahrungsmühe zu geben, und bringt umgekehrt auch für fast alles Verständnis auf. Heidegger lässt wenig Zweifel daran, dass die Welt des Geredes für ihn eine der Halbbildung, der mobilen Intellektualität, der sozialen Kontaktfreudigkeit ist. Es ist die Welt der Massenmedien, der städtischen Präferenz für Lernbereitschaft, eines Lebenstempos, das Festlegungen nicht liebt. Und warum gibt sich das Dasein dieser Herrschaft der Öffentlichkeit - und dann, Heideggers weiteren Analysen zufolge, auch der Neugier und der Zweideutigkeit - hin? In der Schlusswendung seiner Marburger Einführungsvorlesung in die phänomenologische Forschung von 1924: weil es vor sich selbst in Vertrautheit und Beruhigung flüchtet. Es denkt nicht, es lässt denken.

Und das soll - mitsamt den Attributen „bodenlos“, „entwurzelt“ und „von ursprünglichen Seinsbezügen abgeschnitten“ - nicht abwertend gemeint gewesen sein? Heidegger vergleicht die alltäglichen Verhaltensweisen mit dem, was philosophisch zu fordern wäre, und konstatiert ein riesiges Gefälle.

Das Gerede mit eigenem Gerede in die Irre führen: der Philosoph Martin Heidegger
Das Gerede mit eigenem Gerede in die Irre führen: der Philosoph Martin Heidegger Bild: ASSOCIATED PRESS

Vierzig Jahre später, Ende September 1966, gibt Martin Heidegger dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Interview. Es wird das einzige längere Gespräch sein, das er in seinem Leben Journalisten gewährt hat. Den Rückzug aus der Öffentlichkeit bezeichnete er nach 1945 als unabdingbar. Über die „Journaille“ weiß er jahrzehntelang kein gutes Wort. Das Interview wird für eine Publikation eingerichtet, aber vom Philosophen mit dem Sperrvermerk versehen, erst nach seinem Tod veröffentlicht werden zu dürfen. Heidegger stirbt, mit sechsundachtzig Jahren, am 26. Mai 1976. Der „Spiegel“ bringt das Gespräch unter den Titeln „Der Philosoph und das Dritte Reich“ sowie „Nur noch ein Gott kann uns retten“ schon drei Tage darauf.

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Lutz Hachmeister, Dokumentarfilmer, Medienforscher und Journalist, hat die Geschichte dieses Interviews geschrieben. Die Vorgeschichte: Wie Heidegger zu jemandem wurde, der für den „Spiegel“ so interessant war, dass das Magazin sich auf eine unabsehbare Sperrfrist einließ und sogar auf die Rechte am Text eines Interviews verzichtete. Die Geschichte des Gesprächs selbst: Wie Rudolf Augstein, damals zweiundvierzig, und sein Redakteur für Geisteswissenschaften, Georg Wolff, zweiundfünfzig Jahre alt und ein ehemaliger SS-Mann, der zu einem auch der Kritischen Theorie zuneigenden Kulturkritiker geworden war, Heidegger in Freiburg aufsuchen und an ihm journalistisch scheiterten. Und die Nachgeschichte: Wie die Auskünfte, die Heidegger im Interview zu seiner Rolle im Nationalsozialismus gab, sich später als immer windiger erwiesen und in welchen Kreisen Heideggers zivilisationskritische Privatvariante von Nationalsozialismus nach wie vor Interesse findet.

Heidegger hatte den „Spiegel“ abonniert. Mit dessen Herausgeber, Augstein, auf den er einige Stücke hielt, teilte er vor allem die Verachtung des politischen Katholizismus und der CDU. Nachdem der Philosoph um 1915 seine ultramontanen Anfänge hinter sich gelassen hatte, blieb die feindselige Einstellung gegenüber der in seiner Freiburger Welt prominenten Konfession für ihn ein Leitmotiv. Wie gehässig er darin war, zeigt exemplarisch das Gutachten, mit dem er dem Philosophen Max Müller 1937 eine ablehnende Haltung zum NS-Staat attestiert, obwohl der ihn darauf hingewiesen hatte, dass das seine Existenz gefährden könne. Die maliziöse Replik, Müller solle als Katholik doch wissen, dass man die Wahrheit sagen müsse, beleuchtet die Niedertracht grell, zu der Heidegger fähig war.

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In Bezug auf sich selbst war er - von dem Hannah Arendt sagte, er lüge „notorisch immer und überall“ - deutlich empfindlicher. Schonungslos wird man seine Einlassungen zur eigenen politischen und philosophischen Biographie und die Arbeit am eigenen Image nach 1945 nicht nennen wollen.

Ein großer Kopf für ein großes Blatt

Ende 1961 war Guido Schneebergers „Nachlese zu Heidegger“ erschienen. Sie enthielt keine philosophische Kritik, sondern belegte aus Tageszeitungen und Studentenblättern, was Heidegger zwischen 1929 und 1933 alles zur Universität und zu Politik und Führertum eingefallen war. Es fiel schwer, das nicht als Gerede höchster Einstimmung in das, was man damals so sagte, zu bezeichnen. Schneeberger war Schüler von Karl Jaspers. Der unterhielt durch seine Moralappelle an die Deutschen in Sachen Vergangenheitsbewältigung, Wiedervereinigung und Atomkraft enge Beziehungen zum „Spiegel“. Heideggers Vertraute drängten ihn dazu, die Hamburger Einladung zum Gespräch anzunehmen. Er müsse etwas für sein Bild in der Öffentlichkeit tun.

Augstein wiederum, dessen Interesse am Philosophen Heidegger, wie Hachmeister schreibt, „gegen null“ ging, hatte zwei Motive. Zum einen war für ihn Heidegger eine Trophäe. Ihm ging es darum, große Köpfe im Blatt zu haben. Und besonders groß erschienen die Köpfe, wenn sie irgendetwas mit dem Nationalsozialismus zu schaffen hatten. Entsprechend wurde im Gespräch auch gar kein Wert darauf gelegt, etwas Besonderes herauszubekommen. Im Gegenteil bestätigten die Journalisten, wo sie nur konnten, Heidegger in seinem Selbstbild, die Einwände, die sie machen, kann man an drei Fingern abzählen. Später zeigte sich Augstein erzürnt darüber, vom Philosophen ausgetrickst worden zu sein. Denn der hatte sich vorbereitet und tischte ihnen eine hübsche Reihe von historischen Unwahrheiten auf.

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Zum anderen war Augstein seit Beginn seiner Herausgeberschaft beim „Spiegel“ in der Redaktion von einigen ehemaligen Nationalsozialisten umgeben. Sie mussten bei Einstellung, so Hachmeister, nur Augsteins Frage „Haben Sie Juden erschossen?“ überstehen. Linksliberal war das frühe Personal des Magazins nicht, in dem unter anderem der erste Gestapo-Chef, ein Vertrauter Görings und der Presseoffizier Joachim von Ribbentrops Serien schrieben. Einige der frühen Redakteure gingen aus der Schule des hochrangigen SS-Mannes Franz Alfred Six hervor, der die Presseabteilung des NS-Sicherheitsdienstes (SD) unter Heydrich aufgebaut hatte und dem Hachmeister eine Monographie gewidmet hat. Sie hatten viel zu erzählen - über sich und andere. Das Kontaktnetz des „Spiegel“ reichte so in alle Bereiche, die sich nach 1945 aus den SS- und SD-Eliten neu rekrutierten. Bevor der im Zuge der Strauß-Affäre verhaftete Augstein zum Helden der Pressefreiheit wurde, war der „Spiegel“ auf zwielichtigste Weise in die Intrigen alter Seilschaften verstrickt. Der publizistische Zweck heiligte viele Mittel.

Der mediale Coup wurde für ihn zum Reinfall: Rudolf Augstein an seinem Schreibtisch
Der mediale Coup wurde für ihn zum Reinfall: Rudolf Augstein an seinem Schreibtisch Bild: Meller-Marcowicz

Hachmeister droht über dem Nachzeichnen dieser Netzwerke und ihrer publizistischen Folgen manchmal Heidegger aus dem Auge zu verlieren. Wenn der Leser trotzdem nicht ungeduldig vorblättert, liegt das daran, dass diese Teilgeschichte des Journalismus in der frühen Bundesrepublik interessanter ist als jenes Interview. Eine besondere Stärke des Buches sind dabei die Abschnitte über Georg Wolff und die Seinen, die sich später als ganz normale SS-Leute und damit die SS als im Grunde ganz normale Sache darstellten. Wolff, der das Gespräch mit Heidegger seitens des „Spiegels“ vorbereitete, hatte in Norwegen als SS-Hauptsturmführer laut Zeugenberichten an Geiselerschießungen mitgewirkt.

Nach 1945 stimmte er in den Generalbass ein, man sei doch kein Monster gewesen, schuldig und unschuldig zugleich, der Nationalsozialismus wie der Kommunismus seien „Abkömmlinge der Aufklärung“. In seinen larmoyanten Memoiren gelingt es ihm, den Ersten Weltkrieg, die Pille, den Gebrauch von Kondomen und Thomas Manns Ironie als Zeugnisse des moralischen Verfalls zusammenzustellen. Seine Hauptmelodie - „Wissenschaft und Technik waren schuld“ - konnte man links wie rechts herum spielen. Wolff fand, dass Max Horkheimer und Martin Heidegger trotz ihres persönlichen Hasses aufeinander doch in ihren Zeitdiagnosen nahe beieinanderlagen. Er schlug Horkheimer sogar ein „Spiegel“-Gespräch zwischen „einem großen Juden“ und „einem SD-Mann“, nämlich sich selbst, vor. Trotz seines Titels ist Hachmeisters Buch also ein Gruppenporträt. Alle Figuren im Umkreis von Heidegger, seine Berater und intellektuellen Gegner, seine Verehrer und die Leute, die ihm im Nationalsozialismus feind waren, werden skizziert. Hachmeister zeigt, wie umstritten der „richtige“ Nationalsozialismus unter Nationalsozialisten war, die sich dann später darauf beriefen, die anderen wären die richtigen Nationalsozialisten gewesen. Die akademische Hinterbühne wird ebenso beleuchtet wie die Klatschseite des Geistes. Das ist nicht unsachgemäß, denn die Philosophen, von Heidegger über Hannah Arendt bis Adorno, waren sehr eifrig im Gerede.

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Oft muss die Anekdote gar nicht erfunden werden. Der erfahrene Fernsehmann Hachmeister hat ein gutes Gespür für Szenen, die praktisch auf ihre Verarbeitung durch Alexander Kluge warten. Wenn Heidegger beispielsweise nach 1945 von den ersten jungen Franzosen besucht wird, die ihm von Jean-Paul Sartre berichten, ist darunter der spätere Filmregisseur Alain Resnais. Heidegger wittert sofort die Chance, die darin liegt, dass ihn Widerstandskämpfer lasen, und schreibt einen euphorischen Brief an Sartre, den Autor von „Das Sein und das Nichts“, das in Frankreich den Existentialismus begründete. Doch der hat Reserven, in die Stelle des philosophischen Verbündeten von Heidegger einzutreten, die Karl Jaspers längst geräumt hatte. Und konnte sich kurz darauf bestätigt sehen, als zutage trat, dass Heidegger seine Philosophie genau so geringschätzte wie diejenige von Jaspers. Im Grund hat Heidegger zeit seines Lebens unter allen Zeitgenossen vor allem Heidegger eingeleuchtet.

„Das ist schlagend, Herr Professor!“

Das führt zurück zum „Spiegel“-Gespräch. Denn Heidegger sagt im Verlauf der aufgezeichneten einhundert Minuten im Grunde - nichts. Nichts jedenfalls, was er nicht in seinen Reden über die technischen Zivilisation, vor der uns nur „ein Gott“ retten könne, Dutzende Male schon gesagt hatte. Zurückgefragt, welcher Gott denn und wie man sich eine solche Rettung denken solle, wurde nicht sehr insistent. Und nichts zu seinem eigenen Nationalsozialismus, was über einen Brief von 1948 an Herbert Marcuse hinausgegangen wäre, er, Heidegger, habe 1933 an die Aussöhnung sozialer Gegensätze geglaubt, an die Rettung des abendländischen Denkens vor dem Kommunismus und an geistige Erneuerung: „Einige Sätze sehe ich heute als Entgleisung an. Das ist alles.“

Um hinzuzufügen, es sei schwierig, mit Emigranten darüber zu sprechen, neigten diese doch dazu, den Anfang des Nationalsozialismus von seinem Ende her zu beurteilen. Hierzu macht Hachmeister die schärfste Bemerkung des ganzen, von nüchternem Durchblick durch die Legenden der Epoche bestimmten Buches: Seinem jüdischen Schüler Marcuse hätte Heidegger solche Belehrungen gar nicht erteilen können, wäre jener nicht emigriert!

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Wenn Heidegger im „Spiegel“-Gespräch doch etwas zur Vergangenheit sagt, dann ist wenig Wahres darunter. Politisiert worden sei er erst nach der Niederlegung seines Rektorats 1934. Nun gut, auch 1931/32 habe er die Politik aus der Ferne beobachtet. Die Interviewer bauen ihm Brücken: Er habe die Universität doch gegen „übermächtige Strömungen“ behaupten wollen. Ja, genau. Das Freiburger Philosophische Seminar, so Heidegger, sei das einzige gewesen, in dem bis zuletzt „die ganzen jüdischen Autoren standen“. Seine Schrift „Platons Lehre von der Wahrheit“ hingegen habe nur unterm Ladentisch verkauft werden dürfen. Es habe ein Kesseltreiben der Nazis gegen ihn gegeben, stets seien Katholiken und Ordensleute unter seinen Schülern gewesen, später habe man sogar in seinen Vorlesungen einen Herd der „Weißen Rose“ gesucht. Ein durch Platon-Deutungen und Nähe zum katholischen Mönchstum hochgefährdeter Widerstandskämpfer eben.

Wolff und Augstein setzten dem wenig entgegen. Was immer ihnen Heidegger auftischt, wird - „Das ist schlagend, Herr Professor!“ - geschluckt und nicht nur, weil damals die Kenntnis der historischen Tatsachen noch zu wünschen übrig ließ. Heidegger behauptet dreist, erst sein Nachfolger als Rektor sei ein richtiger Nationalsozialist gewesen. Das hätte überprüft werden können. Selbst Heideggers aberwitzige Bemerkung, sein Verhältnis zu Edmund Husserl, seinem jüdischstämmigen Lehrer, sei „bis zum Ende reizend“ gewesen, geht durch, und dass Heidegger nicht auf dessen Beerdigung war, verziert Augstein mit der Einsicht: „Jeder Mensch auf der Welt hat das Recht, zu jedem Begräbnis auf der Welt nicht hinzugehen.“ Im abgedruckten Text ist das eine der Passagen, die weggelassen wurde.

Lutz Hachmeister hat ein sehr abgeklärtes Buch geschrieben, das auch keine Moral von der Geschicht’ zu geben beansprucht. Wollte man diesseits der Tatsache, dass auch dieser Philosoph zu Gerede fähig war, eine festhalten, dann beträfe sie Standards des Journalismus und könnte lauten: Sei ein Freund des Coups, aber mehr noch einer der Aufklärung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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