Helmut Dietls Memoiren

Sanft sentimental und boshaft witzig

Von Ponkie
11.09.2016
, 21:46
Im vergangenen Jahr ist der Regisseur Helmut Dietl gestorben. Jetzt kommen seine unvollendeten Memoiren heraus. Sie zeigen den Mann, dem wir die „Münchner Geschichten“, „Kir Royal“, „Rossini“ und Schtonk“ verdanken, auf der Suche nach seiner Kindheit.

Helmut Dietl, der unverwechselbare Münchner Großstadtpoet, der das sanft Sentimentale und das boshaft Witzige, das liebenswürdig Charmante und das giftig Freche gleichermaßen raffiniert beherrschte, hat seine „Unvollendeten Erinnerungen“ hinterlassen: „A bissel was geht immer“ - ein schönes Selbstporträt auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Wirklichkeit, das heute in den Buchhandel kommt.

Ein erwachsener Mann auf den Spuren seiner Kindheit, geprägt von der scharfen Beobachtungsgabe eines Kindes, das sich seinen eigenen Reim macht auf die Reaktionen der Erwachsenen. Sein alter Freund und „Monaco-Franze“-Darsteller Helmut Fischer erzählte einmal über den Dietl: „Da hocken wir zusammen in irgendeinem Café an der Leopoldstraße, und ich denke mir: Der hört nix und sieht nix - und eine Weile später finde ich alles, alles wieder, millimetergenau beobachtet und umgesetzt bis in die kleinsten Schattierungen, bis zur Perfidie des doppelten Bodens: ,Es ist nicht alles so, wie es aussieht‘.“ Streiflichter und Charakterstücke des Lebens als Fundgrube für die Kunst der Verwandlung.

Sprungfeder im Kopf

Und so kann es dem Leser durchaus passieren, dass sich beim Lesen vor das Bild der Oma Grainer plötzlich das Bild der Therese Giehse schiebt, wie sie als Oma Häusler mit ihrem Zimmerherrn im Tierpark Hellabrunn sitzt und sich freut, dass aus ihrem Enkel Tscharli vielleicht doch noch was wird, weil er jetzt eine Arbeit „mit Tieren“ macht. Und der Kenner der „Münchner Geschichten“ findet natürlich immer wieder die Sprungfeder im Kopf, die für den Helmut Dietl „Inspiration“ bedeutet, als Türöffner für Filme, TV-Serien, Ideen, Liebesaffären. Abenteuer vom Suchen und Finden der Liebe, Abenteuer der Sinne und der Seele.

Das Buch eines Künstlers, der auch immer ein „Besessener“ ist - einer mit der kompromisslosen Forderung an sich selbst nach Qualität. Ein schönes Buch mit einem klugen Vorwort seiner Frau Tamara Dietl und einem brillanten Nachwort von Patrick Süskind, der lange als Co-Autor mit Dietl zusammengearbeitet hat und mit dessen sämtlichen Seelen-Abgründen aufs beste vertraut war.

Ponkie, bürgerlich Ilse Kümpfel-Schliekmann, schreibt seit sechzig Jahren Film- und Fernsehkritiken für die Münchner „Abendzeitung“.

Helmut Dietl: „A bissel was geht immer“. Unvollendete Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Patrick Süskind. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.

Quelle: F.A.Z.
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