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Textilindustrie

Des einen Kleid, des andren Leid

Von Manuela Lenzen
 - 07:55

Viele der Dinge, mit denen wir uns täglich umgeben, stammen aus anderen Teilen der Welt. Doch von den Menschen, die diese Produkte herstellen, erfahren wir allenfalls, wenn Katastrophen oder skandalöse Arbeitsbedingungen es für ein paar Tage in unsere Schlagzeilen schaffen. Imke Müller-Hellmann hat sich die Etiketten einiger ihrer Lieblingskleidungsstücke angesehen – vom Slip „Claudia“ über die „Moon River Jacket“ bis zu den „Vintage Boots“ – und sich auf die Suche nach Menschen gemacht, die an ihrer Herstellung beteiligt waren. Ausgestattet mit einem Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung, führten ihre Reisen sie in Fabriken in Deutschland, Vietnam, Bangladesh, China und Portugal.

Jedes Kapitel ihres Reiseberichts vermittelt einen ganz und gar nicht touristischen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, für ein paar Tage in einer Stadt wie Hanoi oder Dhaka oder Hongkong unterwegs zu sein. Im Mittelpunkt des Buches stehen jedoch die Menschen, die die Autorin getroffen hat, die berührenden, manchmal witzigen, absurden oder auch heiklen Begegnungen und die Wege, diese erst einmal einzufädeln. Müller-Hellmann hat die Menschen nach ihrem Tagesablauf, ihrer Arbeit, ihrer Freizeit, ihren Familien und ihren Träumen gefragt und ihre Antworten mal mitfühlend, mal lakonisch, mal mit kaum verhohlenem Entsetzen protokolliert und hier und da um Hintergrundinformationen ergänzt.

So bekommt sie von Herrn B., der die Autorin durch eine schwäbische Textilfirma führt, einen ersten Eindruck von der komplexen Materie der Kleidungsherstellung: Welche Fasern gibt es, wie sehen sie aus, woher stammen sie, wie und wo werden die Rohstoffe angebaut oder hergestellt? Sie erfährt von den Sorgen der Einkäufer, alles rechtzeitig auf Lager zu haben – die Chinesen, so Herr B., kaufen ja den Weltmarkt leer –, sie lässt sich die riesigen Spinnmaschinen erklären, das komplizierte Veredeln, das Zuschneiden, Bügeln und Nähen. Ein Sportartikelhersteller vom Bodensee erklärt die unterschiedlichen Qualitätssiegel, im Sauerland lässt sich Müller-Hellmann zeigen, wie viel Handarbeit in Trekkingsocken steckt, in Thüringen die Feinheiten der Garnproduktion: „Eine Welt tut sich auf.“

Andere Unternehmen machen es ihr weniger leicht, Ansprechpartner zu finden. Jedes Kapitel beginnt mit E-Mails und Notizen zu Telefonaten, mit denen die Autorin einen Termin in den Firmen zu ergattern versuchte. Man lege Wert auf Transparenz, Doch dann sei es praktisch unmöglich, einen an der Produktion eines konkreten Stücks Beteiligten zu finden, der Manager sei leider im Urlaub, man sei generell skeptisch, wenn sich jemand von der Presse ankündige, und überhaupt: Die Produktion finde in China statt, ob sie bedacht habe, dass das eine andere Kultur sei.

Das Urteil überlässt die Autorin dem Leser

Müller-Hellmann bleibt hartnäckig, trifft einen großspurigen Manager, der sich in einem Edelrestaurant damit brüstet, all die „nicht zu Ende gedachten“ Regelungen zu Arbeitsbedingungen, Mindestlöhnen, Gewerkschaften und Chemikalien zu unterschreiben, um sie dann doch zu ignorieren. Die Gewerkschaften schürten nur Unzufriedenheit, hört sie von einem Manager in Hanoi, wenn der eine ein Privatflugzeug habe, wolle der andere eben auch eines. Der monatliche Mindestlohn, ergänzt die Autorin, beträgt in Hanoi 125 Euro, in den Außenbezirken 110 Euro. Sind das unbedachte Sprüche Einzelner oder typische für die Branche? Das Urteil überlässt die Autorin dem Leser und fragt und sammelt weiter.

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So entsteht in vielen Gesprächen ein Bild davon, was die Näherinnen und Näher in den „Billiglohnländern“ zu leisten haben. Chinesische Wanderarbeiterinnen arbeiten sechs Tage die Woche mindestens zwölf Stunden am Tag im Akkord, immer wieder dieselben Handgriffe, schlafen und essen in der Fabrik, für 480 bis 680 Euro im Monat. Das sei viel Geld, sagt eine Gesprächspartnerin, die Wanderarbeiterinnen anwirbt, und die Stellung der Frau in der Familie steige, wenn sie Geld schicken könne. Mit den Arbeiterinnen selbst darf die Autorin nicht sprechen, sie habe nicht die richtigen Papiere vorzuweisen.

In einem Betrieb muss die Autorin lange warten, bis sie eintreten darf, und findet dann überraschend viele Feuerlöscher und Evakuierungspläne vor. In einem anderen sieht sie fensterlose Räume mit niedrigen Decken, in denen Hunderte von Männern an alten Nähmaschinen arbeiten. Viele der Näherinnen, die Müller-Hellmann trifft, wirken schüchtern. „Am Sonntag gehen wir aus“, berichtet Bui Thi Hong Nhung, die in Vietnam eine Musterabteilung leitet. Wohin? In den Supermarkt, einkaufen für die Woche. Die zehn Tage Urlaub verbringt sie bei der Familie ihres Mannes, die eigenen Eltern sieht sie alle drei Jahre. Die Kinder vieler Arbeiterinnen wachsen bei den Großeltern auf.

Billig und immer billiger

Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünschen, fallen ihnen erst nach einigem Überlegen persönliche Wünsche ein. Was unbedingt in dem Buch stehen soll? Dass wir unsere Arbeit lieben und sie sorgfältig machen und stolz darauf sind und noch lange für die Firma arbeiten möchten. Die Autorin: „Okay, sage ich, danke.“

Manager schwärmen von modernen Kläranlagen, von geregelten Arbeitszeiten und Erste-Hilfe-Koffern. Die lügen, sagt ein Fahrer und berichtet von Überstunden, ausfallenden freien Tagen und verspätet oder gar nicht gezahltem Lohn. Die Autorin protokolliert und fragt: Was können die Menschen in Deutschland tun? Die Gewerkschaft unterstützen, sagt der Fahrer. Deutschland müsse Druck ausüben. „Kauft mehr, dann verdienen die Näherinnen mehr Geld!“, empfiehlt eine Gesprächspartnerin. Dieser Wahnsinn gegenüber Mensch und Natur wird nicht mehr lange Bestand haben, kauft Qualität, nicht das billige Zeug, sagt ein Dritter.

Dieses Buch ist weder soziologische Analyse noch Enthüllungsjournalismus auf der Suche nach Skandalen. Stattdessen kommt es den Menschen ungewohnt nah und liefert eine Sammlung von Momentaufnahmen, die nicht vorgeben, mehr zu sein. Ein eindringliches Buch, das nicht unbedingt neue Fakten vermittelt, aber die konkreten Menschen hinter den Kleidungsstücken sichtbar macht und zeigt, welche Auswirkungen das billig und immer billiger auf sie hat.

Quelle: F.A.Z.
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