Gespräch mit Ulrike Edschmid

Ich bin aus einer anderen Zeit

Von Miryam Schellbach
18.07.2021
, 18:43
Die Schriftstellerin Ulrike Edschmid
Seit Jahren verwandelt die Berliner Schriftstellerin Ulrike Edschmid die Erlebnisse ihrer Vergangenheit im linksradikalen Milieu in Literatur. Ein Gespräch über ihren neuen Roman „Levys Testament“

Romane, heißt es, transportieren ein Geheimnis, Autobiographien hingegen zeigen die Wahrheit eines Lebens. Ein Gegensatz, den Ulrike Edschmids Geschichten in ihrer karg-nüchternen und dennoch beobachtungsreichen Erzählweise längst hinter sich gelassen haben. Die Figuren – Frauen mit Waffen, die als Terroristinnen angeklagt werden, ein Mann, der im Schusswechsel mit der Polizei stirbt – haben existiert. Es sind wahre Lebensläufe, von denen Ulrike Edschmid berichtet, die sich selbst in den siebziger und achtziger Jahren in einem linksradikalen Milieu in Berlin die Fragen nach dem richtigen Leben stellte, den Weg in den Untergrund aber nicht gehen wollte. „Levys Testament“, der gerade veröffentlichte vierte Roman, folgt einem jungen Briten, der den Londoner Häuserkampf gegen politischen Aktivismus in den Frankfurter Fabriken eintauscht. Die Zärtlichkeit, mit der Ulrike Edschmid, das vorsichtige und dennoch zentrale Ich im Roman, den Spuren ihres Geliebten folgt und seine Familiengeschichte entblättert, ist groß. Wie auch in den Romanen davor zeichnet sie damit nicht nur das Leben eines Einzelnen nach, sondern entfaltet auch das Panorama einer Zeit. Bis in die Gegenwart hinein, sodass Geheimnis und Wahrhaftigkeit einander die Hand geben.

Sie haben vor kurzem Ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert und einen neuen Roman veröffentlicht. Das alles unter Pandemie-Bedingungen. Wie erleben Sie diese Ausnahmezeit?

Ulrike Edschmid: Mein Leben hat sich kaum verändert. Es ist sehr auf die Wohnung konzentriert und von Arbeit bestimmt. Ich habe erst mit fünfzig angefangen zu publizieren und noch viel vor. Ich arbeite schon an meinem nächsten Buch.

„Levys Testament“ ist inzwischen der dritte, autobiographisch inspirierte Roman über die Leben der Männer, die Sie selbst einmal geliebt haben. Wie verhalten sich Liebe und Literatur zueinander?

Ich denke nicht in Begriffen oder in Theorien. Ich bin eine Handwerkerin. Meine einzige Regel ist, dass ich weitgehend auf Adjektive verzichte. Adjektive stehen mir immer im Weg.

Und Sie vermeiden es, ihren Romanfiguren Namen zu geben.

Ja, wenn ich den Menschen in meinen Büchern Namen geben würde, wäre ich mit ihnen auf Du und Du. Aber ich suche keine Kumpanei, sondern einen respektvollen Umgang. Ich brauche einen Abstand zu diesen Figuren, obwohl ich ja alle, die ich beschreibe, auch gekannt habe. Ich möchte nicht mit ihnen verstrickt sein. In „Levys Testament“ nenne ich die Figur nur „der Engländer“, und das soll er auch bleiben. Man bewegt sich beim Schreiben immer an der Grenze zum Verrat. Meine Figuren müssen bei aller intimen Kenntnis auch wieder zu Fremden werden. Das schärft das Auge.

Sie lernten den „Engländer“ 1972 bei einem Ausflug nach London kennen. Sie wollten weg aus der Berliner linksradikalen Szene, den ständigen Hausdurchsuchungen durch die Polizei und den Verhaftungen Ihrer Mitstreiter. Der „Engländer“ begleitet Sie zurück nach Deutschland, um von innen heraus Aufstände oder Streiks in Fabriken zu organisieren. Später gründet er das erste Frankfurter Mi­grantentheater und stieg, noch etwas später, zu einem international gefeierten Opernregisseur auf. Der reale Mensch hinter dieser Geschichte lässt sich mit den Hinweisen, die Sie geben, leicht recherchieren.

Dennoch erzähle ich nicht die Biographie nach. Ich beschreibe, was er tut. Die Ergebnisse seines Tuns. Ich arbeite eben auch geschichtliche Fakten ab; das, was ich erlebt habe. Das sind eher Bilder, die sich aneinanderreihen.

Bilder, die durch ein erzählendes Ich verbunden sind, das sehr subtil im Hintergrund bleibt.

Es sind schon meine Sinneswahrnehmungen, die dabei sind. Viele sagen ja, dass meine Erzählweise etwas Filmisches hat.

Sie haben tatsächlich auch Film an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert.

Das muss ich jetzt mal gestehen. Die Wahrheit ist, dass ich nie wirklich Film studiert habe. Mein erster Mann und auch mein späterer Freund Philip Sauber haben an der DFFB studiert. Mit anderen Studenten sind sie 1968 von der Akademie geflogen. Philip Sauber, über den ich in „Das Verschwinden des Philip S.“ schreibe, wollte weiter Filme machen. Wir planten, ein eigenes Studio aufzubauen und eine Gegen-Abendschau zu produzieren. Dafür brauchten wir natürlich Kameras. Die konnte man nur ausleihen, wenn man Student der Filmakademie war. Deswegen habe ich mich beworben und einen Platz bekommen. Wir konnten dann nur ein halbes Jahr arbeiten. 1970 wurden wir gemeinsam mit unserem Mitbewohner Holger Meins verhaftet wegen eines Anschlags auf ein Polizeiauto, den wir nicht begangen hatten.

In Ihren Romanen kehren sie immer wieder in diese Zeit zurück. In „Das Verschwinden des Philip S.“ beschreiben Sie, wie Ihr damaliger Freund Philip Sauber in den Untergrund ging und 1975 bei einem Schusswechsel mit der Polizei starb. In „Frau mit Waffe“ erzählen Sie die Geschichten von Astrid Proll und Katharina De Fries, zwei Frauen, die dem Umfeld der RAF zugerechnet wurden. Was lässt Sie an dieser Zeit nicht los?

Ich habe innerhalb eines halben Jahres drei Freunde durch einen gewaltsamen Tod verloren. Das sind Prägungen, die das, was man miteinander erlebt hat, sehr kostbar erscheinen lassen. An solchen Erlebnissen stellen sich auch die Fragen nach dem eigenen Leben auf eine ganz andere Weise. Wenn man mich fragt, wann ich am stärksten Zeitgenossin gewesen bin, dann waren es die siebziger und achtziger Jahre. Da ist der Humus gewachsen, auf den die folgenden Jahre aufgebaut sind. Im letzten Drittel des Lebens verarbeitet man dann die Erfahrungen.

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Die Bewegung 2. Juni, an deren nichtmilitanten Rändern Sie sich zumindest über Ihren Freundeskreis bewegt haben, hat sich 1980 aufgelöst, das ist nun 41 Jahre her. Wie blicken Sie zurück?

Mit Entsetzen und Fremdheit. Was für ein Wahnsinn das war. Andererseits wäre ich nie die geworden, die ich heute bin. Ich bin froh, dass ich das alles überstanden habe. Nicht mit Philip S. den legalen Boden zu verlassen war eine bewusste Entscheidung. Es war für mich undenkbar, meinen Sohn zurückzulassen. Das hätte ich nicht gekonnt, aber es wäre auch falsch gewesen. Einen Weg zu gehen, auf dem man das, was einen mit dem Leben verbindet, hinter sich lassen soll. Das zieht doch eine seelische Verkümmerung nach sich. Dafür, dass die Kinder zurückgelassen wurden, gab es ja zu dieser Zeit Vorbilder. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ina Siepmann.

Wie erleben Sie die Repolitisierung der jungen Generation heute?

Ich bin von den Klimaaktivisten sehr beeindruckt. Das sind junge Leute mit einem erstaunlichen Wissen. Wir haben damals hauptsächlich Meinungen und Theorien verkündet. Die Umwelt war kein Thema für uns, und das lässt mich heute schamrot werden. Ich erlebe durch diese junge Generation ein politisches Umfeld und einen Widerstand, den ich für lebenswichtig und unterstützenswert halte. Aber mein aktiver Widerstand ist das nicht mehr. Ich bin aus einer anderen Zeit.

Es werden auch vermehrt Romane zu politischen Themen veröffentlicht.

Was heißt eigentlich politisch? Auf mich kommen Themen zu. Ich schreibe Lebensdramen, und in jedem Leben spielt sich auch etwas Politisches ab. Das ist nicht herauszulösen.

Autofiktionale Literatur ist ja sehr beliebt. Literatur also mit einem starken Ehrlichkeitsanspruch und einer nachdenklichen Ich-Stimme. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Nein. Annie Ernaux beispielsweise arbeitet etwas auf. Sie analysiert ihre Verhältnisse. Ich betrachte. Ich habe in den achtziger Jahren mal ein autofiktionales Buch geschrieben, in dem sich alles um meine Befindlichkeiten gedreht hat. Ein großes Lamento. Das hat mich irgendwann so gelangweilt, dass ich es weggelegt habe. Aber diese Literaturbegriffe haben auch immer etwas Falsches.

Begriffe, schreiben Sie, vernichten die Geschichte des Einzelnen.

Ich gehe dem nach, was ich sehe. Es gibt einen Satz von Ernst Kreuder: „Alles, was Du wissen wolltest, ist Geheimnis.“ Das beschreibt meine Suche. Manchmal sieht man aus der Ferne besser als aus der Nähe.

Ulrike Edschmid, „Levys Testament“. Suhrkamp, 144 Seiten, 20 Euro.

Quelle: F.A.S.
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