Javier Marías

Müder Meister

Von Kersten Knipp
19.11.2007
, 15:28
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Düsteres Schattenspiel: Der spanische Autor Javier Marías veröffentlicht den letzten Teil seiner großen Trilogie „Dein Gesicht morgen“ und nimmt seinen Abschied als Romancier.
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Vielfältig und bunt sind die Möglichkeiten, zu Tode zu kommen. Man kann verdorbenen Fisch essen, in der Dusche ausrutschen und unglücklich stürzen. Oder bei Gewitter Schutz unter einem Baum suchen und dann von einem herabfallenden Ast erschlagen werden. Der Tod kann schnell kommen, immer und überall, aber weil man daran nichts ändern kann, hindert nichts, über die Hinfälligkeit des Menschen auch ein paar nette Scherze zu machen. Die fallen umso leichter, wenn man sich, eigentlich ohne jeden triftigen Grund, einbilden darf, die Begegnung mit dem Sensenmann erst in geraumer Weile erleben zu müssen.

In seinem im spanischen Original 1994 erschienenen Roman „Morgen in der Schlacht denk an mich“ hatte Javier Marías aus dieser erhofften Todesferne wunderbar humoristisches Kapital geschlagen. Schon auf der ersten Seite hatte er sich über Fische, Duschen, Äste und einige weitere potentiell tödliche Objekte ausgelassen, und zwar in einer Leichtigkeit, die das düstere Thema in die Nähe der Komödie rückte. Damals konnte Marías sich mit 43 Jahren zumindest noch als halbwegs junger Mann fühlen.

Marias wird autobiographisch

Jetzt ist Marías 56 Jahre alt. Da ist der Tod, wenn alles gut läuft, zwar immer noch weit weg. Aber man schreibt schon mal ein wenig defensiver über ihn. So hofft Jaime Deza, der Ich-Erzähler des soeben in Spanien erschienenen dritten Bandes der Trilogie „Dein Gesicht morgen“, bereits auf der ersten Seite, der Tod möge nicht ihn, sondern einen seiner Nächsten holen: den Freund, den Bruder, die Geliebte oder auch den Vater. Der Wunsch sei nicht schön, räumt der Erzähler ein - wohl aber menschlich. Was allerdings passiert, wenn er in Erfüllung geht, davon gibt „Veneno y sombra y adiós“ („Gift und Schatten und Abschied“) auf gut siebenhundert Seiten einen so nachhaltigen wie beklemmenden Eindruck. Hell und licht ist der Roman nur auf den ersten Seiten. Bald schon verdüstert sich die Atmosphäre, die Eleganz des Stils hält sich zwar, wird aber schwermütig und ernst.

Bild: dpa

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Viel stärker, jedenfalls wesentlich offensichtlicher als alle früheren Werke ist der letzte Teil der Trilogie autobiographisch angelegt. In der Danksagung am Schluss des Buches verneigt sich Marías vor zwei ihm sehr wichtigen und teuren Menschen, denen er in der Trilogie auch ein literarisches Denkmal setzt. Das sind sein Vater, der 1914 geborene Philosoph Julian Marías, und der ein Jahr ältere englische Hispanist Sir Peter Russell, mit dem der Autor eng befreundet war. So kurz wie die Geburt folgte auch der Tod der beiden Männer aufeinander: Im Winter 2005 starb Marías' Vater, ziemlich genau ein halbes Jahr später folgte ihm der englische Philologe. Der Tod der beiden, so zumindest deutet der Roman es an, war für Marías nicht nur eine persönliche Zäsur - vielmehr deutete der Autor ihn auch als Untergang einer Epoche. Beide Männer hatten noch ein anderes, ein kriegerisches, gewalttätiges Europa kennengelernt: Während Julían Marías im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner kämpfte, stand Russell während des Zweiten Weltkriegs in Diensten des britischen Geheimdienstes - jener Organisation, in die rund fünfzig Jahre später auch der Erzähler der Trilogie, Jaime Deza, eintreten sollte. Beide Männer zeichnet Marías als sehr komplexe Figuren, mit einem Charakter, den der Autor Marías bei vielen realen Zeitgenossen, allen voran seinen Landsleuten, vermisst.

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Furiose Prügelszene

Die meisten Spanier, sagte Marías anlässlich des Erscheinens des Romans, pflegten eine selbstzufriedene Ignoranz. Ihre Bildung sei bescheiden, und alles, was ihren Horizont überschreite, täten sie als lächerlich und irrelevant ab. Und zumindest fiktional lebte Marías seine Abneigung auch aus: „Tanz und Traum“, der zweite Band der Trilogie, findet seinen krönenden Abschluss in einer furiosen Prügelszene, in der ein begnadeter Schwachkopf, der ebenso einfältige wie arrogante Botschaftsattaché de la Garza, von einem Freund des Erzählers formvollendet vermöbelt wird.

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Die spanische Presse ging auf Marías' kleine Provokation nicht ein. Es brauchte rund drei Wochen, bis der Roman in allen großen Tageszeitungen rezensiert war. Das Urteil fiel nahezu einhellig aus: grandios! Das Buch sei der beste zeitgenössische Roman, den er gelesen habe, urteilte der Autor Fernando Iwasaki in der Tageszeitung „ABC“, um ihn dann den Klassikern der modernen lateinamerikanischen Literatur - Cortázar, García Márquez, Vargas Llosa - an die Seite zu stellen. Ein grenzüberschreitender Roman also, so sahen es auch andere: Als „Stil der Welt“ bezeichnete der Kritiker des Heráldo de Aragón Marías' Erzählkunst und fasste mit dieser Überschrift zusammen, was auch die anderen Rezensenten an dem Buch wahrnahmen: seine nationale Grenzen überschreitende Handlung, vor allem seine enorme Welthaltigkeit, den Ernst, die Melancholie, die es verströmt, eine Melancholie, die Deza mit seinen britischen Freunden verbindet, eine Niedergeschlagenheit, die auf sehr konkreten Ursachen gründet, die viel mit der Politik, noch mehr aber mit der Conditio humana zu tun haben. Als „ethische Fabel der modernen Zeiten“ bezeichnete der Kritiker von „El Mundo“ den Roman. Klaustrophobisch, bedrückend, zu Teilen nahezu geistesgestört sei der Roman, schrieb der Schriftsteller Félix de Azúa in „El País“ - ebendarum, weil auch das Leben es sei, weil es, und das stelle Marías auf eindrückliche Weise dar, auf einen Schluss zulaufe, der nichts als Vernichtung, Abschied, Leere sei.

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Wie souverän ist der Mensch?

Und tatsächlich wirft Marías einen mehr als düsteren Blick auf die Welt. Die Greuel, die der Vater und der Freund des Erzählers noch erlebten, mögen in der westlichen Staatenwelt überwiegend Geschichte sein. Doch schaut man nur genauer hin, sieht man, dass sich die Gewalt auch heute regelmäßig Bahn bricht, zumindest für ein paar Momente die sorglose Unbekümmertheit stört, die Marías seinen Zeitgenossen attestiert. So ist das „Gift“, von dem der Romantitel handelt, dasjenige der Gewalt, dem Erzähler eingeflößt von einem Kollegen. Der hat, als Mitarbeiter des Geheimdienstes, Zugang zu heimlich gefilmten Videos mit furchtbaren Folterszenen: Mexikanische Menschenhändler oder Mitglieder der italienischen Mafia peinigen dort ihre Opfer; auf manchen Videos sind als Zeugen aber auch Repräsentanten westlicher Rechtsstaaten zu sehen - erschütterndes Material, das dem Erzähler den letzten Rest politischer Naivität für immer austreiben wird. Ein Schatten wird sich fortan auf seine Seele legen, ein gesteigertes Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit wie auch der Verführbarkeit des Menschen.

Die Frage ist nur: Was folgt daraus? „Dein Gesicht morgen“ liest sich wie ein gewaltiger Essay über die menschliche Wandlungsfähigkeit. Wie souverän ist der Mensch? Handelt er auf der Grundlage freien Willens, oder spult er nur ein genetisch-kulturelles Programm ab? Genau diese Frage beschäftigt in „Dein Gesicht morgen“ auch den britischen Geheimdienst, der darum, davon handelte der erste Teil der Trilogie, Jaime Deza anheuerte. Der nämlich, so heißt es, verfüge über die seltene Fähigkeit, aus dem gegenwärtigen Verhalten eines Menschen auf sein zukünftiges zu schließen. Gut möglich aber, dass es sich um eine bloß eingebildete Begabung handelt. Deza jedenfalls wird sich am Ende des letzten Bandes selbst nicht mehr erkennen, sich zu einer Handlung hinreißen lassen, deren er sich bislang nicht für fähig gehalten hätte.

Auch Marías selbst präsentierte sich während der Vorstellung des Buches als Schatten seiner selbst. Erschöpft und ausgelaugt sei er, erklärt er, nach dem Ende der jahrelangen Arbeit an dem gewaltigen Romanwerk - in der spanischen Ausgabe umfasst es über 1600 Seiten -, dazu überaus melancholisch. Außerdem kündigte er an, fortan keine Romane mehr schreiben zu wollen. Hielte Marías Wort, verlöre die Gegenwartsliteratur einen ihrer bedeutendsten und produktivsten Repräsentanten. Aber glauben muss man Marías nicht, im Gegenteil: Nichts liegt näher, als die große Lektion des Werkes gegen den Autor selbst zu wenden: Was ein Mensch in Zukunft tun und lassen wird, weiß nicht einmal er selbst. Denn seine Entschlüsse setzt er allzu oft nicht um - vielleicht also auch den nicht, künftig keine Romane mehr zu schreiben.

Quelle: F.A.Z.
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