BioNTechs Erfolgsgeschichte

Wie ein kleines Unternehmen dem Virus an den Kragen ging

Von Joachim Müller-Jung
19.09.2021
, 22:11
Mainz als Hoffnungsort der Welt: Joe Miller erzählt in seinem Buch „Projekt Lightspeed“ die inspirierende Heldengeschichte hinter der Entwicklung des mRNA-Impfstoffs von BioNTech.

In diesen Tagen sollte vielleicht die erste Frage, die an ein Buch über die ungewöhnliche Erfolgsgeschichte eines Corona-Impfstoffs gestellt wird, die nach seinem Nutzen sein: Kann dieses Buch die Impfquote im Land steigern? Könnte es, würde man es großzügig verteilen, diejenigen überzeugen, die aus Trägheit, Gleichgültigkeit, Skepsis oder aus purer Opposition gegen Politik und Wissenschaft die Impfung ablehnen und damit den Bevölkerungsschutz als Gemeinschaftsziel gefährden? Wohl kaum. Das zumindest kann es nicht.

Um gegen Schlagworte wie „Impftod“ und „Impfzwang“ anzukämpfen, die derzeit in den Medien kursieren und aggressiv von den Querdenker- wie Impfgegner-Communities verbreitet werden, mag solide, evidenzbasierte Information schon aus demokratiebewahrenden Gründen nötig sein. Aber Joe Miller, Korrespondent der Financial Times, hat mit „Projekt Lightspeed“ sicher nicht die neutrale Erfolgsgeschichte geschrieben, hinter der sich auch die Kritiker dieser Pandemie- und Impfpolitik geschlossen versammeln könnten. Wer weiß, womöglich ist es sogar in der gereizten Stimmung während der nun schon vierten Welle das gut gemeinte Buch zur falschen Zeit. Ein ehrgeiziges Mainzer Wissenschaftlerpaar, das dank einiger Zufälle und unbändigem Willen in der weltgrößten Gesundheitskrise seit hundert Jahren zu veritablen Milliardären wurde, steht in seinem Mittelpunkt – und die Pharma- und Großkapitalisten-Verschwörungen gehören schließlich zum Kern impfkritischer Erzählungen.

Bild: dpa

Wer sich für dieses Buch aber wirklich interessiert, sucht natürlich nach der anderen Geschichte. Nach der, die Miller allerdings mit einem ziemlich gewagten und auch unbelegten Satz im Vorwort beginnt. Darin gesteht er ein, dass er zu Beginn der Pandemie am Anfang des Jahres 2020 nie daran gedacht hätte, dass vierzig Kilometer von seinem Wohnort „ein kleines Biotech-Unternehmen im Begriff war, den weltweit ersten und besten Corona-Impfstoff herzustellen“. Özlem Türeci und Ugur Sahin, die dieses Unternehmen leiten und auf dem Buchtitel als Mitautoren aufgeführt sind, dürften dem britischen Journalisten diesen allenfalls verkaufsfördernden Satz kaum diktiert haben. Schon weil es keine objektiven Vergleiche oder auch nur aussagekräftigen Daten gibt, um den „besten“ Impfstoff zu identifizieren. Aber auch weil die beiden türkischstämmigen BioNTech-Mitgründer in guter akademisch-wissenschaftlicher Tradition schon während der Entwicklung immer wieder erkennen ließen, welche Zweifel sie selbst am Gelingen ihrer Mission hegen mussten.

Damit ist schon angedeutet, warum es so wichtig war, die atemberaubende Genese des mRNA-Impfstoffs aufzuschreiben. Miller hat sich, wie er sagt, hundertfünfzig Stunden lang mit mehr als sechzig beteiligten Personen unterhalten, die meiste Zeit wegen der Kontaktbeschränkungen und Reiseeinschränkungen am Computer sitzend. Akribisch zuweilen hat er die Geschehnisse in Mainz, bei Pfizer in den Vereinigten Staaten und auch in Marburg und Berlin rekonstruiert. Das war nicht nur logistisch eine Herausforderung, auch fachlich. Denn Miller ist kein Naturwissenschaftler. Die Mühe, die es ihn gekostet haben muss, die immunologischen Vorgänge, die biochemischen Feinheiten und die historischen Hintergründe der Krebs-Immuntherapie aufzudröseln und nachvollziehbar zu formulieren, lässt er immer wieder erkennen.

Überlebenskampf des Unternehmens

Millers Ehrgeiz und vielleicht auch die korrigierende Hand der beiden Mitautoren haben da geholfen. Und auch wenn der medizinische Laie nicht jede molekulare Einzelheit versteht, die Story selbst erzählt er durchaus fesselnd. Ein Jahr lang begleiten wir die Crew von BioNTech – später auch die wichtigen Personen von Pfizer – bei der Umsetzung des Projektes „Lightspeed“. Ugur Sahin hatte das Projekt als eingefleischter Superhelden-Fan so getauft. In Lichtgeschwindigkeit sollte eine wirksame und völlig neuartige Vakzine erzeugt, getestet, zugelassen und vermarktet werden. Es galt, dem Virus mit Waffen den Garaus machen, an denen das Mainzer Immunologen-Paar seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet. In der Hauptsache jedoch nicht zur Bekämpfung von Erregern – obwohl das auch –, sondern der vielleicht größten Geißel einer alternden Gesellschaft: Krebs.

Immer wieder macht Miller deshalb gedankliche Ausflüge in die wissenschaftliche Vorgeschichte des mRNA-Impfstoffs. Das ist zuweilen verwirrend, manchmal verliert man den Faden, an welchem Punkt der Entwicklung die jeweiligen Experimente und Überlegungen der BioNTech-Helden stattgefunden haben, wie sie zu den Ereignissen im ersten Pandemiejahr stehen. Aber es sind auch lehrreiche Ausflüge, denn mit ihnen wird klar: Die mRNA-Impfstoffe sind nicht vom Himmel gefallen, die jahrzehntelangen wissenschaftlichen Vorbereitungen in den Laboren und mit immerhin vierhundert Krebspatienten waren für das BioNTech-Team außerordentlich wichtig.

Auch turbulent, und zwar nicht nur in pharmazeutisch-biotechnischer Hinsicht, sondern auch unternehmerisch. Miller schildert ausführlich die wirtschaftliche Seite der Impfstoffentwicklung, ja den zeitweisen Überlebenskampf der Mainzer Biotech-Firma und insbesondere die Schwierigkeiten, nach den wissenschaftlichen Geniestreichen noch die enormen Hürden einer groß skalierten Wirkstoffproduktion sicherzustellen.

Ist dies das Ende der Geschichte?

In vieler Hinsicht ist dieses Buch deshalb auch eines über Gesundheitspolitik. In den Momenten etwa, wenn die Hingabe des Forscherpaares auf die Probe gestellt wird, weil Behörden, Manager oder eben auch die Regierenden ihre eigenen Ziele verfolgen. Skandale jedoch hält das Buch keine bereit, vieles ist längst öffentlich diskutiert worden, etwa die Impfstoffknappheit oder die Preisverhandlungen.

Dennoch beschleicht den Leser das Gefühl, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist. Die Herausforderung der neuen Virusvarianten beispielsweise und die Weiterentwicklung der RNA-Impfstoffe, die nicht nur in Mainz schon begonnen hat, tauchen bloß sporadisch am Ende des Buches auf. Es gilt einzusehen, dass wir uns noch inmitten der globalen Pandemie befinden und die Zukunft trotz der historischen mRNA-Erfolge immer noch offen ist.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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