FAZ plus ArtikelRomanrezension

Laune in der Luft

Von Oliver Jungen
09.05.2022
, 20:14
Im Schaum der Vorstadttage: Katharina Adler hat mit „Iglhaut“ einen pointierten Wohlfühlroman über eine profane Heilige unserer Zeit geschrieben.
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Mit dem Begriff „authentisch“ hat die Heldin „abgeschlossen“, ein „Furnierwort“ nennt sie es in ihrem Schreiner­latein: „Von außen betrachtet viel­sagend, billig aber im Kern.“ Da ist was dran. Will man es etwa besonders authentisch nennen, wenn jemand den herrlich bayerischen Namen Iglhaut trägt und dann tatsächlich dem nachtaktiven Stachelviech ähnelt? Eine Einzelgängerin jedenfalls ist die Iglhaut, raschelt durchs Unterholz des Vorstadtalltags. Wollen hingegen ihre getrennt lebenden, liebenswert übergriffigen Eltern oder der momentan wieder ak­tuelle Ex-Geliebte, der irgendwann eine andere Frau geheiratet und zwei Kinder bekommen hat, etwas von ihr, rollt sie sich schnaubend zur Kugel zusammen. Das Leben, weiß die auch bereits mittelalte Iglhaut, ist zu widersprüchlich, um sich über Authentizität Gedanken zu machen; dann doch lieber Abendbrot. Integrität aber, das gibt es durchaus für die kernige Heldin von Katharina Adlers zweitem Roman, diese patente, schlagfertige Schreinerin, die sich immer mehr als Zentralgestirn im Nachbarschaftskosmos erweist. Zu ihr kommen sie alle mit ihren Nöten, Wünschen und Klatschgeschichten, mit ihrer Wut und Liebe.

Drei Jahre nach Adlers Debütroman „Ida“ – mit einigermaßen spektakulär autobiographischem Sujet: Adlers Ur­großmutter war Sigmund Freuds „Fall Dora“ – ist da also wieder eine starke, empfindsame, aber diesmal besser ge­panzerte Frau, die freilich weit weniger spektakulär in einem Münchner Wohnkarree der Gegenwart lebt. Weibliche Selbstbestimmung ist das verbindende Thema. Die Protagonistin muss sich zwar nicht mehr einer Domestikation unter dem Kampfbegriff „Hysterie“ erwehren, aber auch sie führt ein Leben abseits immer noch virulenter Rollenerwartungen. Ganz im Moment existierend, stillt sie ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe recht pragmatisch und lässt sich, kurz vor knapp, auch keine Kinderwunschpanik einreden. Dass die Iglhaut keinen Vor­namen hat, passt zu ihr. Als Ersatzvor­namen fungieren Artikel, aber davon gibt es praktischerweise zwei, den bestimmten für konkrete Reaktionen („Die Iglhaut nickte“) und den unbestimmten, wenn es um ihren Selbstentwurf geht, der freilich selten zutrifft, woraus ein guter Teil der Komik resultiert: „Eine Iglhaut, blieb die nicht ruhig und zahlte höchstens später mit feinen Gemeinheiten heim?“

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