Krimis von Colin Dexter

Auf den Spuren von Inspector Morse

Von Hannes Hintermeier
22.07.2021
, 22:29
Meister seines Fachs: Colin Dexter.
Endlich liegen alle Krimis des Briten Colin Dexter wieder in deutscher Übersetzung vor. Es ist ein Wiedersehen mit dem legendären Inspector Morse. Aber nicht nur.

Das Hauptquartier der Thames Valley Police steht heute wie damals in Kidlington, einem sehr großen Dorf im Norden von Oxford. Beschaulich wird man das nennen dürfen, kein Ort für Verbrechen. Einen Katzensprung entfernt ist Blenheim Palace, das Schloss des 1. Duke of Marlborough, wo Churchill geboren wurde, der im Nachbardorf Bladon begraben liegt. Im Süden die altehrwürdige Universitätsstadt, die nicht zuletzt durch Colin Dexters dreizehn Romane und einen Erzählungsband einen prominenten Platz auf der Krimilandkarte bekam. Und bis heute Touristen anzieht, die auf den Spuren von Dexters Ermittler Chief Inspector Morse die Stadt durchkämmen.

Schuld an Dexters Laufbahn als Schriftsteller war ein verregneter Urlaub in Wales. Die im Ferienhaus vorhandene Bibliothek bot nur schwachbrüstige Krimikost, da beschloss Dexter aus Frustration, selbst einen zu schreiben. Dieses Debüt, „Der letzte Bus nach Woodstock“, erschien 1975. Eine spärlich bekleidete junge Frau wird auf dem Parkplatz eines Pubs in Woodstock ermordet aufgefunden. „Wie er Sexualmorde verabscheute!“, denkt Inspector Morse, um sich, während ein Sergeant namens Lewis Befragungen durchführt, um Mitternacht dem „Times“-Kreuzworträtsel zu widmen – 14 senkrecht Essenz der Potenz, drei Buchstaben. SEX. „Hübsche Definition, finden Sie nicht auch?“

Ein cholerischer Inspector

Dexter, Jahrgang 1930, stammte aus Stamford, zwei Autostunden nordöstlich von Oxford. Seine berufliche Laufbahn führte ihn nach einem Studium der Klassischen Philologie in Cambridge als Lehrer an diverse Schulen, bis ihn eine beginnende Taubheit zwang, sich als Mittdreißiger im Prüfungsamt der Oxforder Universität zu verdingen. Chief Inspector Morse ist, wie Dexter eingeräumt hat, eine halb autobiographische Figur, cholerisch, grüblerisch, eingefleischter Junggeselle mit Interesse am weiblichen Geschlecht, meistens zu viel rauchender, stets zu viel Bier trinkender Dechiffrierer der vertracktesten Fälle. Muss er auch sein, denn in wenigen Krimis wird die Polizei so hemmungslos hinters Licht geführt wie von den Vertretern der akademischen Welt Oxfords.

Der Nachbar als Vorbild

Konkrete Hinweise auf den Arbeitsalltag des Autors erhält man etwa in „Die schweigende Welt des Nicholas Quinn“ (1977). Dabei ist es keineswegs so, dass es zimperlich zuginge, Morse hat es mit enthaupteten Wasserleichen, Porno-Clubs, Drogen, teuflischen Priestern und immer wieder mit sehr verführerischen Frauen zu tun, aber Dexter spart sich Schusswechsel, Action-Stunts und Supermanauftritte, denn er erzeugt die Spannung lieber durch ein zunehmende Verkomplizierung des Plots nach dem Muster: Nichts lichtet sich, alles wird immer undurchsichtiger.

Als Leser sieht man Morse beim Denken zu, kann ihm oft nicht folgen und sitzt am Ende vor einem Knäuel potentieller Täter und Täterinnen, das zu entwirren eben nur einer in der Lage ist. Die Figur, die der Autor seinen Lesern als Entlastung anbietet, ist die des Sergeant Robbie Lewis. Ein Mann mit Familienleben, ein guter Ermittler, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat, aber nicht zu genialischen Denkwinkelzügen neigt. Das Rätsels Lösung bekommt Lewis stets erst am Ende des Romans serviert – meistens am Tresen eines Pubs.

Dexter-Universum im Fernsehen

Das Vorbild für den Inspector war Dexters Nachbar Sir Jeremy Morse, ein bedeutender Banker, der Lloyds sanierte, für die Bank of England arbeitete und Kanzler der Universität von Bristol war. Wie Dexter war Morse unter dem Pseudonym Esrom ein Kreuzworträtselerfinder – englisch: cruciverbalist – sowie ein bedeutender Schachkomponist. Dexter nannte ihn einmal den klügsten Kopf, den er je gekannt habe.

Als Dexter am 21. März 2017 starb, trug ganz Oxford Trauer, im Randolph Hotel, dessen Bar der Autor gern und regelmäßig besucht hatte, wurde eine Vitrine mit allen seinen Büchern und Memorabilien eingerichtet, und der Portier ließ es sich angelegen sein, alle Gästen mit gebührendem Respekt auf den berühmten Stammkunden hinzuweisen.

Wiederauferstehung des Werks

Dreißig Jahre zuvor hatte mit der Fernsehfassung des Senders ITV, die auf Dexters Romanen beruhte, eine kleine Fernsehrevolution begonnen. Wie zuletzt bei Dickens wurde hier das Prinzip der Serialisierung neu erfunden und mit dem Schauspieler John Thaw in der Hauptrolle die Grundlage für den weltweiten Ruhm gelegt. Die von Anthony Minghella geschriebene Serie lief von 1987 an in dreiunddreißig je hundertminütigen Episoden bis ins Jahr 2000. Kevin Whately, der den Sergeant spielte, wurde dann im Spin-off „Lewis“ zur Hauptfigur, Laurence Fox wurde als Sergeant Hathaway eine begnadete Nebenrolle – ein ehemaliger Theologiestudent in Polizeidiensten. Diese Serie lenkte auch bei deutschen Krimifans das Interesse auf das Dexter-Universum.

Als Prequel läuft in England seit 2012 die Serie „Endeavour“, die von 2017 an auch auf ZDFneo unter dem Titel „Der junge Inspector Morse“ zu sehen ist, mit Shaun Evans in der Rolle des Endeavour Morse – jenem ungewöhnlichen Vornamen, den Morse lange Zeit nicht preisgibt. Die Morse-Sehnsucht ist in seinem Heimatland ungebrochen, im Juni dieses Jahres wurden die Dreharbeiten für die achte Staffel der ITV-Serie beendet.

Lohnende Lektüre

Alles in allem also nur ein innerbritisches Phänomen? Und auch wenn Morse heute einem Millionenpublikum als Filmfigur ans Herz gewachsen ist, wie verhält es sich mit den Büchern Dexters? Auf der Insel sind sie moderne Klassiker, und im deutschen Sprachraum erleben sie derzeit eine Wiederauferstehung. Unlängst erschien der dreizehnte und letzte Roman „Der letzte Tag“ im Zürcher Unionsverlag, und nächste Woche wird mit dem sechs Kriminalerzählungen bietenden Band „Ihr Fall, Inspector Morse“ die Neuausgabe abgeschlossen sein. Es ist nicht der erste Versuch, Dexter auch deutschen Lesern schmackhaft zu machen. Seit den achtziger Jahren erschienen die Übersetzungen bei Rowohlt, jetzt hat sie Eva Berié durchgesehen und sich dafür entschieden, heute angestaubte Ausdrücke wie „meine bessere Hälfte“ oder „grüne Minna“ stehen zu lassen.

Erfahrene Leser, die sich in ältere Sprachformen einzufühlen vermögen, schreckt das offenkundig nicht: Der Unionsverlag meldet 80 000 verkaufte Exemplare für die Reihe, eine stattliche Zahl, kommt sie doch ohne Werbung und flächendeckende Berichterstattung zustande. Die Lektüre lohnt sich: Hat man sich erst einmal auf die allwissende auktoriale Position eingelassen, entwickelt Dexters eleganter Prosastil geradezu Suchtpotential – der Sound kommt aus einer versunkenen Zeit, macht diese aber aufs Angenehmste wieder lebendig. Dexter erweist sich als Meister des Whodunit mit einem Komplexitätsgrad, der im Genre des Wohlfühlkulinarikkrimis geschäftsschädigend wäre. Rätselfreunde aber sind hier bestens bedient.

Mit dem Bus nach Woodstock

Ein Beispiel aus „Die schweigende Welt des Nicholas Quinn“ (1977): „Er schlug die letzte Seite der Times auf, sah auf die Uhr, notierte die Zeit auf dem linken Rand und fing an. Er brauchte zwölfeinhalb Minuten. Keine Bestzeit, aber nicht schlecht. Und wenn ihm nicht das eine Wort gefehlt hätte, wäre er in zehn Minuten fertig gewesen. ,... in dem die Langerhans-Inseln liegen.‘ Geschlagene zwei Minuten hatte ihn das e-a-s angegrinst, bevor der Groschen gefallen war. Zum Glück hatte er sich an das Radioquiz erinnert, bei dem ein Teilnehmer das Südchinesische Meer, ein anderer die Ostsee, ein Dritter das Mittelmeer vorgeschlagen hatte.“

Achtunddreißig Seiten später löst Dexter das Rätsel so auf: „Während sie zu den Haftzellen gingen, erkundigte sich Morse bei Lewis, ob er wüsste, wo die Langerhans-Inseln lägen. ,Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ostsee?‘ ,Falsch. Pankreas – falls Ihnen das was sagt.‘ ,Doch. Der Pankreas ist eine große Drüse, die in den Zwölffingerdarm mündet.‘ Morse sah seinen Mitarbeiter anerkennend an. Eins zu null für Lewis.“

Ein anonymer Hinweis bringt im letzten Roman einen beinahe schon kalten Fall zurück ins Licht: Wer hat Yvonne Harrison, die man gefesselt und geknebelt in ihrem Bett fand, auf dem Gewissen? Und nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Morse weigert sich, die Ermittlungen zu übernehmen. Man sollte sich diesen Fall unbedingt bis zuletzt aufheben und erst einmal den Bus nach Woodstock nehmen.

Colin Dexter: „Ihr Fall, Inspector Morse“. Kriminalerzählungen. Aus dem Englischen von Peter Torberg, Almut Carstens, Christa Früh u.a. Unionsverlag, Zürich 2021. 256 S., br., 12,95 .

Colin Dexter: „Der letzte Tag“. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Ute Tanner Unionsverlag, Zürich 2021. 352 S., br., 13,95 .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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