Krimi von David Peace

War es Mord oder Selbstmord?

Von Kai Spanke
11.05.2021
, 21:22
Wenn dreißigtausend Leute verdächtig sind: David Peace blickt im dritten Band seiner Tokio-Trilogie auf einen mysteriösen Todesfall und stellt sein Gespür für Stil unter Beweis.

Am 5. Juli 1949 verschwindet Sadanori Shimoyama auf dem Weg zur Arbeit. Einen Tag später werden seine Überreste an den Gleisen im Adachi-Distrikt von Tokio gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Viel ist nicht von ihm übrig, hier ein Arm, dort ein Fuß. Da es auch noch in Strömen regnet, gestaltet sich die Spurensicherung fast unmöglich. Bleibt die Frage: Mord oder Selbstmord?

Mindestens dreißigtausend Menschen haben ein Motiv: Sie wurden gerade von Shimoyama entlassen. Die Maßnahme soll den Einfluss der Kommunistischen Partei auf die Eisenbahnergewerkschaft auflösen. So jedenfalls wünschen sich das die japanische Regierung und die amerikanischen Besatzer.

Zeit und Rhythmus

David Peace, 1967 im englischen Ossett geboren, hat den letzten Band seiner Tokio-Trilogie dem Fall Shimoyama gewidmet. In drei Teilen erzählt er von drei Männern, die direkt oder über Bande damit zu tun haben: Harry Sweeney als Ermittler, Murota Hideki als Privatdetektiv fünfzehn Jahre später, Donald Reichenbach, der sich 1988 als Lehrer in Japan verdingt. Rund zehn Jahre hat Peace mit ungebrochener Routine an dem Krimi gearbeitet, von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags, sieben Tage die Woche. In einem Gespräch, das er für den Guardian mit seinem Kollegen David Mitchell führte, bekennt Peace, sein Vertrauen in die eigenen Qualitäten als Autor sei dramatisch geschwunden. Zuweilen fühle er sich aufgrund von Selbstzweifeln regelrecht gelähmt.

Wer „Tokio, neue Stadt“ liest, könnte auf die Idee kommen, in dieser Auskunft stecke mehr als ein Gran Koketterie. Denn nur selten vereinen sich Inhalt und Form auf vierhundert Seiten Genreliteratur zu einem so stimmigen Gesamtgefüge. Nimmt man die paratextuellen Signale des Romans ernst, bekommt man schon vor Handlungsbeginn eine Vorstellung von seinen wichtigsten Sujets: Zeit und Rhythmus.

Das Flüstern am Telefon

Auf den ersten Seiten finden sich das Foto einer Uhr und ein Gedicht über den Fall Shimoyama. Der temporale Aspekt erschöpft sich indes nicht darin, dass der Plot knapp vierzig Jahre umfasst. Wichtiger ist die Organisation des Geschehens. Peace tut so, als würde er konventionell und linear erzählen, rekapituliert aber fortwährend bereits Gesagtes, blickt mit den immer gleichen Einlassungen zurück in die Vergangenheit oder führt mit einer Randbemerkung eine Figur ein, die erst viel später an Bedeutung gewinnt.

Gerade die Wiederholungen geben dem Roman einen Takt, der im besten Sinne irritiert. So streut der Autor etwa folgenden, auf einen rätselhaften Anruf vom Beginn der Handlung verweisenden Satz ständig in den Text: „Zu spät, flüsterte die Stimme eines Japaners, dann war sie verschwunden, die Leitung tot, die Verbindung abgebrochen.“ Einmal heißt es über Harry Sweeney: „Hier, irgendwo im Nirgendwo, stieg er aus und sah am Lagerhaus aus Beton, Eisen und Holz Töne in Grau, Rost und Braun, unzählige schwarze Flecken.“ Später geht der Ermittler „zum Lagerhaustor hinaus, hinaus in Töne von Grau, Rost und Braun“. Wenige Seiten darauf: „Irgendwo im Nirgendwo drehte sich Harry Sweeney auf der Rückbank des Wagens abrupt um, wandte sich ab von Tönen aus Grau und Rost und Braun.“ Und so fort.

Ein ausgeufertes Gedicht

Peace unterstreicht mit solchen rhetorischen Manövern, die einzelnen Kapiteln eine Art Refrain verleihen, die Musikalität seiner Diktion. Prosa gilt für gewöhnlich als ungebundene Sprache, die auf ein Ziel zuführt. Gedichte hingegen geben sich durch formale und inhaltliche Wiederholungen als solche zu erkennen. Setzt der Autor eines Romans auf Elemente der Lyrik, sagt er damit: „Seht her, hier passiert stilistisch Eigenwilliges.“ Solche Experimente können leicht verunglücken, nicht allerdings bei einem Könner wie Peace. Das Ballett seiner Wörter, Sätze und Wendungen vollzieht sich in harmonischer Perfektion. „Tokio, neue Stadt“ ist streckenweise nichts anderes als ein ausgeufertes Gedicht.

Dabei spielt die Verwendung von Adjektiven eine besondere Rolle. Mal fehlen sie ganz, wenige Zeilen später ballen sie sich auf engstem Raum: „Unter ihm erstreckte sich der Fluss, so still und schwarz, so weich und warm, einladend und gastfreundlich, verlockend, so verlockend, immer so verlockend.“ Anschließend nüchtert Peace seinen Text abermals aus und belässt es bei parataktischen Reihungen, die den Eindruck erwecken, die Poesie lege zugunsten von Wahrhaftigkeit eine Sendepause ein.

Das alles hat den Charakter einer künstlerischen Versuchsanordnung. Deswegen spielt es für „Tokio, neue Stadt“ keine Rolle, dass nie geklärt wurde, wie Sadanori Shimoyama ums Leben kam. Interessant ist hier nicht die Frage nach der Wirklichkeit, sondern die Form ihrer Darstellung.

David Peace: „Tokio, neue Stadt“. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2021. 432 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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