Krimi von Jill Ciment

Interessiert uns Gerechtigkeit wirklich?

Von Katrin Doerksen
25.11.2020
, 22:59
Am brutalsten ist die Sprache: In einem Gerichts-Thriller entzaubert Jill Ciment Geschworene auf Abwegen. Zwischen den Dramen der Figuren wird der Verlauf des Prozesses zur Nebensache.

C-2: Fotografin, zweiundfünfzig Jahre alt, verheiratet. Und F-17: Anatomieprofessor, geringfügig jünger, ledig. Zwei verdiente Exemplare ihrer Spezies und dabei doch in vielerlei Hinsicht so ganz und gar durchschnittlich. Dieser Tatsache sind sie sich nur allzu bewusst, wenn sie sich vor der Tür herumdrücken und so tun, als würden sie eine Zigarettenpause einlegen, denn das ist der einzige Weg, der ständigen Aufsicht zu entgehen. Nach knapp zwei Wochen rauchen sie die Zigaretten wirklich.

Für ihren sechsten Roman „Anatomie eines Prozesses“ hat die amerikanische Autorin Jill Ciment eine Frau mittleren Alters und mittlerer Attraktivität erdacht. In ihrem Job erfolgreich, aber in jenem Stadium angekommen, in dem kaum noch etwas Aufregung verspricht; mit einem wesentlich älteren Ehemann, der jeden Tag ein bisschen klappriger wird. Kurz: Sie ist an einem Punkt, an dem es sich so anfühlt, als würde sich ihr ganzes Leben in Banalitäten auflösen. Dass sie als Geschworene in einem Mordprozess auf unbestimmte Zeit hinter der Aktennummer C-2 verschwinden und sich vor ihrem Alltag verstecken kann, kommt ihr gelegen. Erst recht, als sich mit F-17 die Gelegenheit zu ihrer womöglich letzten Affäre ergibt.

Das Motiv bleibt ungeklärt

Ciment schreibt in der dritten Person Präsens. Die Form erlaubt es ihr, tief in die Gedankengänge von C-2 vorzudringen, erweist sich aber als tückisch. Im eins zu eins beschriebenen Gedankenkleinklein verkümmert schnell mal der Thrill. Doch Ciments Sprache, so abgeklärt, geradezu anthropologisch in ihrem Benennen unschmeichelhafter Tatsachen, ist vielleicht das Brutalste in „Anatomie eines Prozesses“.

Erstaunlich angesichts des Mordfalls, über den die nur bei Nummer und Spitznamen genannten Geschworenen zu urteilen haben: Eine Teenagerin, in Kindertagen aus einem rumänischen Waisenhaus adoptiert, hat ihren Säuglingsbruder angezündet. Es gibt sogar ein Geständnis, doch ihr Motiv bleibt ungeklärt, ebenso die Rolle, die ihre dominante Zwillingsschwester bei der Sache spielt. Ein tragischer Stoff wie aus kühnsten Träumen von Klatschreportern und True-Crime-Podcastern. Nur C-2 und F-17 könnte nichts gleichgültiger sein. Wie sich auf Vorträge von Brandexperten und Gutachtern konzentrieren, wenn es stattdessen die eigenen Gefühle zu ordnen und die nächste gemeinsame Nacht zu planen gilt?

Poetische Satzfetzen, originelle Gedanken

Die Autorin setzt ihre Figuren wie Fische aufs Trockene: Die Künstlerin und der Intellektuelle, durch die Erfordernisse des amerikanischen Geschworenensystems isoliert in einem Motel am Highway, mit dem Fraß aus Restaurantketten und einem Kulturprogramm, das sich in der Auswahl zwischen Blockbusterkino oder Bowling erschöpft. Statt soziale Schichten gegeneinander auszuspielen, nutzt Ciment diese Konstellation jedoch für einen Denkversuch über das Aufeinanderprallen von Idealen und Realität, Schlagzeilen und komplexen Tathergängen, Literatur und Trivialität.

„Nachdem sie gehört hat, wie Caleb verbrannt worden ist, werden ihr die Horrorszenen im Thriller zahm und der Ehebruch von Madame Bovary albern vorkommen“, denkt C-2, als sie ihre mitgebrachte Lektüre vom Nachttisch räumt. Ihre eigenen im Gerichtssaal verfassten Notizen setzt Ciment in Kursivschrift vom Rest des Textes ab: Poetische Satzfetzen, originelle Gedanken, ganz dem geschärften Auge einer Fotografin entsprechend, aber in ihrer Subjektivität ebenso wenig hilfreich wie die Affäre, wenn es darum geht. über das Leben einer angeklagten Teenagerin zu entscheiden. Nur: Interessiert uns wirklich die mutmaßlich wiederhergestellte Gerechtigkeit am Ende eines Prozesses?

Bei Ciment wird sie zur Randnotiz neben den privaten Dramen der Figuren, neben ihrer ausufernden Introspektion, den Spekulationen der aufgepeitschten Öffentlichkeit. Die neugierig befremdete und dabei dezidiert weibliche Perspektive auf das gesellschaftliche und literarische Interesse an True Crime macht „Anatomie eines Prozesses“ zur idealen Lektüre im Tandem mit Maggie Nelsons Anfang des Jahres bei Hanser Berlin erschienenen Memoir „Die roten Stellen“. Wo Letztere eine regelrechte Aversion gegen das Fiktionale entwickelt, formuliert Ciment gewissermaßen die Antithese und nutzt gerade das Geschichtenerzählen, das hochgradig Stilisierte, um an die emotionale Intelligenz ihrer Leser zu appellieren.

Jill Ciment: „Anatomie eines Prozesses“. Roman. Aus dem Englischen von Max Stadler. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2020. 200 S., br., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot