Krimi von Julia Phillips

Die Vermissten von Petropawlowsk

Von Katrin Doerksen
07.03.2021
, 21:58
Frauen am Rand des Vulkanausbruchs: In ihrem neuen Roman zeigt Julia Phillips, wie sich ein Kriminalfall um zwei verschwundene Schwestern auf eine ganze Region auswirkt.

Seitdem die Golosowski-Mädchen verschwunden sind, hat sich vieles verändert. Olja sieht ihre beste Freundin nicht mehr. Das Stadtzentrum sei zu gefährlich, findet deren Mutter und hat endlich einen Grund gefunden, ihrer Tochter den Umgang mit Olja zu verbieten. Die Studentin Ksjuscha steht derweil unter der Fuchtel ihres Freundes: Ruslan will rund um die Uhr wissen, wo sie sich aufhält, ob sie in Sicherheit ist. Und Oksana ist dem Druck der Polizei ausgesetzt. Als einzige Zeugin, die die Entführung der Mädchen gesehen hat, soll sie den Ermittlern wertvolle Informationen liefern. Doch sie erinnert sich nur undeutlich an einen blitzblanken Wagen und einen großen Mann. Die elfjährige Aljona und ihre drei Jahre jüngere Schwester Sofija sind zu ihm ins Auto gestiegen. Danach hat sie niemand mehr gesehen.

„Das Verschwinden der Erde“ liest sich wie eine Kurzgeschichtenanthologie. Jedes Kapitel ist einem Monat in Folge der Tragödie gewidmet; und jeweils einer Frau, deren Leben sie mehr oder weniger direkt streift. Der Ort des Geschehens: Petropawlowsk, die einzige Großstadt auf der vulkanischen Halbinsel Kamtschatka, ganz im Osten Russlands. Durch Gebirge und meilenweite Tundra vom Rest des Landes abgetrennt, ist sie nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen, war zu Sowjetzeiten eine militärische Sperrzone. Die Autorin, die ihr Debüt in diesem hintersten Winkel der Welt angesiedelt hat, ist Amerikanerin.

Generationenkonflikte und Korruption

Julia Phillips, 1989 in New Jersey geboren, ging 2011 mit einem Fulbright-Stipendium nach Kamtschatka, um dort die Folgen des zunehmenden Tourismus zu erforschen. Der Roman, der daraus entstand, landete auf der Shortlist für den National Book Award 2019. „Das Verschwinden der Erde“ beginnt mit einer Landkarte und einem recht einschüchternden Figurenverzeichnis. Doch die saubere Kapitelstruktur und die unterschiedlichen Lebensumstände der beschriebenen Frauen, ihre Berufe und Ansichten halten nicht nur über die Ermittlungen auf dem Laufenden – Sojas Mann arbeitet als Polizeiinspektor, Walentina und manche andere entwickeln unentwegt ihre eigenen Theorien über die Tat.

Sie verraten auch viel über die Baustellen der Region: eine unterentwickelte Infrastruktur, Generationenkonflikte, Korruption. Das daraus resultierende Misstrauen in die Verwaltung und selbst die eigene Familie, das sich vor allem in Engstirnigkeit und Rassismus niederschlägt. Gegen Ausländer, Migranten aus den ehemaligen Ostblockstaaten, gegen die Indigenen. Auch die sechzehnjährige Lilja, Angehörige der kleinen Volksgruppe der Ewenen aus dem Norden, ist vor einem Jahr verschwunden. Doch die Polizei vertröstet ihre Mutter: Bestimmt habe sie nur das Dorfleben sattgehabt und sei fortgegangen. Da deutet sich schon an, dass das eigentliche Problem hier keineswegs darin liegt, dass eine eng miteinander verbundene Gemeinschaft sich nicht in die Karten schauen lassen will.

Eine Landschaft aus blassen Knochen

Vor allem aber ist es die Vielstimmigkeit, die „Das Verschwinden der Erde“ großen Nachdruck verleiht. Nie verschwimmt Kamtschatka darin zum weichgezeichneten Postkartenmotiv, denn Phillips beschreibt die Halbinsel, ihre Geschichte und ihre Bewohner nah an den gegensätzlichen Blicken ihrer Figuren. Wo eine Vulkanologin die Schönheit der Berge und Wälder preist, verdrängt eine ständig unter Wasser gesetzte Küche für eine frustrierte Mutter jeden Eindruck von Erhabenheit. Und Oksana, verzweifelt auf der Suche nach ihrem ausgerissenen Hund, sieht plötzlich, wie trostlos die Straßen sind, die Plattenbauten mit den Betrunkenen davor.

Zusammengehalten werden all die verschiedenen Stimmen, Ethnien, Generationen, Schichten von Phillips’ bewundernswert klarer Sprache, stets im Fluss, nur gelegentlich durchbrochen von morbiden Bildern, die das Land selbst auszuspucken scheint – aufgeschlitzte Fische, eine Landschaft aus blassen Knochen.

Sonst gibt es nicht viel Zusammenhalt. In anderen Geschichten wäre es womöglich ein verlotterter Detektiv, der als Außenseiter nach Petropawlowsk käme, um die finsteren Geheimnisse der Nachbarschaft aufzudecken. Doch die Figuren in „Das Verschwinden der Erde“ stehen ganz allein im Zentrum ihres jeweiligen Universums, ihre Geheimnisse bleiben ungeborgen, ihr Leid ungeteilt.

Erst die verschwundenen Schwestern erfüllen in dieser Konstellation die Funktion leerer Leinwände, auf die die Frauen von Kamtschatka ihre Wünsche, Ängste, Frustrationen projizieren. Nur am Anfang und am Ende kommt Phillips zu den Mädchen selbst zurück. Da erzählt Aljona ihrer kleinen Schwester das Märchen eines Dorfes, das von einem Tsunami ins Meer gespült wird. Die Bewohner überleben in einer riesigen Luftblase, und alle helfen einander, zurück an Land zu schwimmen. Vielleicht haben es ihr die Alten beigebracht, die unbeirrt den Werten der Sowjetunion hinterhertrauern. Oder die Jüngeren mit ihren diffusen Visionen von einem besseren Leben. Geeint sind sie alle nur durch ihre unerfüllten Sehnsüchte. Die Außenseiterin, die Detektivin, die diese einzige Gemeinsamkeit aufdeckt, ist Julia Phillips selbst.

Julia Phillips: „Das Verschwinden der Erde“. Roman. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2021. 376 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
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