Thriller von Tade Thompson

Achtung, Testosteron

Von Kai Spanke
25.10.2021
, 21:14
In Tade Thompsons Roman lautet das Motto der Liberation Front of Alcacia: „In Guns We Trust“.
Landminen, Biowaffen und exzessive Gewalt: Tade Thompson schickt den Helden seines Krimidebüts auf einen Heimatbesuch nach Westafrika, wo er sich mit Rebellengruppen und einer Femme fatale herumschlagen muss.
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Weston Kogi, wohnhaft in London, besucht nach langer Zeit seine afrikanische Heimat Alcacia. Es soll ein kurzer Aufenthalt werden. Schnell hin, schnell zurück: „Ich konnte die Abreise gar nicht erwarten.“ Er hält es mit Gil Scott-Heron, der einst sang: „Home Is Where the Hatred Is“. Vor fünfzehn Jahren ist Weston wegen massiver Unruhen aus dem Land geflüchtet. Hilfe bekam er von seiner Tante, auf deren Beerdigung er nun erscheint. Dort begegnet er einem alten Bekannten, der die Handlung von Tade Thompsons Thriller „Wild Card“ ins Rollen bringt: „Church. Dieses Grinsen. Direkt aus meinen Albträumen von der weiterführenden Schule.“

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Bis zu diesem Punkt könnte man denken, das Buch würde erörtern, ob und unter welchen Bedingungen man in die einst verlassene Heimat zurückkehren kann. Doch für derartige Reflexionen interessiert sich Thompson, der als Autor von Science-Fiction-Literatur bekannt ist, bestenfalls am Rande. Wichtiger findet er einen rasanten Plot. Exzessive Gewalt? Wenn sie die Handlung vorantreibt, sehr gerne. Überzeichnete Figuren? Alles für die Durchschlagskraft der Geschichte. Sex und Action im Überfluss? Irgendwie muss man sich das Label „Pageturner“ ja verdienen.

Bis das Rückgrat reißt

Jedenfalls erzählt Weston seinem ehemaligen Schulkameraden, er arbeite in England bei der Mordkommission. Tatsächlich ist er Wachmann in einem Supermarkt. Die Lüge brockt ihm einen comichaften, ja tarantinoesken Parforceritt durch die Unterwelt und höheren Kreise seiner Heimat ein. Denn ein Ermittler kommt gerade recht: Der Konsenspolitiker Pa Busi wurde ermordet. Täter unbekannt. Weston soll den Fall klären, möglichst schnell, möglichst effizient. Den Auftrag bekommt er sowohl von der Liberation Front of Alcacia (Motto: „In Guns We Trust“), der Church angehört, als auch von deren Rivalen, der People’s Christian Army.

Tade Thompson: „Wild Card“. Thriller.
Tade Thompson: „Wild Card“. Thriller. Bild: Suhrkamp Verlag

Beide Rebellengruppen entführen Weston nacheinander und zeigen ihm, wie man mit Feinden umgeht: „Ein Mann war mit den Handgelenken an einen Pfosten gekettet, mit den Fußknöcheln an einen Pick-up. Er schrie, weil der Pick-up vom Pfosten wegfuhr. . . . Dann riss das Rückgrat, Blut und Eingeweide spritzten, dann war ich derjenige, der schrie.“ Jetzt ist es an Weston, die Gruppen und den sich auch noch einmischenden Geheimdienst gegeneinander auszuspielen.

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Eine chamäleonhafte Karikatur

Das Personal entlehnt Thompson dem Hardboiled-Noir. Da ist auf der einen Seite die Femme fatale, die den Helden ganz wuschig macht, auf der anderen Seite muss man sich ständig um seine Ex- und Jetzt-wieder-Freundin Nana sorgen, die gleichwohl, das ahnt der Leser früh, abgründiger ist, als anfangs vermutet. Manches an diesem Thriller ist an klassischen Genremustern orientiert, die am Ende ein verblüffendes Ergebnis zeitigen: Die Pointe ist, dass es nach all der Bestialität und den vielen Plot-Twists keine besondere Pointe gibt. Man kriegt, was man erwartet. Wenn Nana schließlich zu einer kurzen, aber prägnanten Selbstauskunft ansetzt, mausert sich dieser vor Testosteron triefende Roman zu einem Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung, das einen Großteil der männlichen Figuren alt aussehen lässt.

Der Weg dorthin hält sich mal an die Gepflogenheiten der Abenteuergeschichte, in der ein Held samt Entourage loszieht und Prüfungen besteht. Dann meint man, eine Detektivstory zu lesen, die von Gespräch zu Gespräch führt, bevor plötzlich doch wieder lauter potentielle Endgegner mit ihren Säbeln rasseln. Weston schlägt sich mit Schlangen, Skorpionen, Militärs, Biowaffen und somalischen Piraten herum. Hier detoniert eine Landmine, dort fallen Moskitos über den Protagonisten her, der vor nichts so panische Angst hat wie vor Malaria. Im Grunde ist er eine chamäleonhafte Karikatur: zu cool, zu hasenfüßig, zu souverän, zu indifferent, zu waghalsig, zu verdruckst.

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Nein, ob man in die Heimat zurückkehren kann, ist hier wahrlich nicht die entscheidende Frage. Eigentlich geht es darum, wie zügellos sich Inhalt und Form eines Romans gestalten lassen, ohne dass er in sich zusammenfällt. Tade Thompson hat die passende Formel gefunden.

Tade Thompson: „Wild Card“. Thriller. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 329 S., br., 10,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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