Horrornovelle „Der Horla“

Überreizte Nerven

Von Wolfgang Schneider
25.05.2020
, 20:59
Wenn Jens Wawrczeck Maupassants Horrornovelle „Der Horla“ auf der Bühne des Glaspalast-Theaters in Berlin liest, ist man dicht dran an dem Erzähler, seiner Verunsicherung und Panik. Im Hörbuch kommt das Grauen vollgültig zu seiner Wirkung.

Jemand wacht auf, so lustig, dass er singen möchte. Bald darauf aber ist er wieder so bedrückt, als ob ein schweres unbekanntes Unglück bevorstünde. Schwarze Wolken ziehen über seine Seele, und selbst die Luft ist ihm verdächtig: „Es ist, als ob die Luft, die unsichtbare Luft, voller Kräfte wäre, die wir nicht kennen, die uns nur manchmal nachbarlich streifen.“ Keine gute Nachbarschaft, versteht sich.

Immer öfter hat er panische Wahrnehmungen: In einem offen auf dem Tisch liegenden Buch wird eine Seite umgeschlagen, ohne dass der geringste Luftzug durchs Zimmer ginge. Volle Wasser- und Milchflaschen sind am nächsten Morgen leer getrunken. Von wem? „Wenn wir andere Organe besäßen, was entdeckten wir wohl alles um uns herum?“, fragt sich der Verängstigte. Am Abend überfällt den allein in seinem Haus lebenden Ich-Erzähler dann eine „unbegreifliche Unruhe“.

Mit überreizten Nerven wartet er auf den Schlaf wie auf den „Henker“. Sein jähes Einschlafen irgendwann empfindet er so, als würde er kopfüber „in ein Wasserloch“ stürzen. In diesem Qual-Schlaf kniet ein Unsichtbarer auf seiner Brust und würgt ihn. Er ist wie gelähmt, kann sich nicht wehren.

Dicht dran an der Figur und ihrer Verunsicherung

Ein Grauen befällt ihn auch vor dem Organischen, dem eigenen Körper: „Irgendein kleiner Fehler“ in dem „zarten Gange unserer lebenden Maschine“ könne aus einem vergnügten und vernünftigen Zeitgenossen einen krankhaften Melancholiker oder Wahnsinnigen machen. Ist er selbst etwa – wahnsinnig? Das war eine Frage, mit der sich auch Guy de Maupassant abquälte, bevor kein Zweifel mehr bestand. Früh hatte er sich mit der Syphilis infiziert, sein Gemüt war verdüstert, er litt an Halluzinationen und Panikattacken, glaubte, dass sich ein unsichtbares Wesen in seiner Nähe herumtriebe.

Auch als Erzähler interessierten ihn psychische Grenzzustände und die Nachtseiten der menschlichen Existenz. Das letzte Jahr seines Lebens – er starb mit dreiundvierzig Jahren – verbrachte er in der Nervenheilanstalt. Einmal soll er dort von einem blühenden Baum einen Zweig abgerissen und mit den Worten in die Erde gesteckt haben: „Den will ich einpflanzen, und nächstes Jahr finden wir dort dann lauter kleine Maupassants.“

Dreihundert kleine Maupassants – das sind seine gesammelten Novellen und Kurzgeschichten. „Der Horla“ bildet unter ihnen den Höhepunkt der Verdüsterung. Das „Vorgefühl des Schrecklichen“, das den Schriftsteller bedrängte, hat er verdichtet in dieser 1886 erschienenen Geschichte, die nachfolgende Spezialisten des literarischen Schauderns wie H. P. Lovecraft und Bram Stoker inspirierte.

Wie viele klassische Horrornovellen ist „Der Horla“ in Form eines Tagebuchs verfasst. So sind wir dicht dran an der Figur und ihrer Verunsicherung. Unmittelbar im Präsens gibt der Erzähler Protokolle seines panischen Erlebens: „Ich möchte schreien – ich kann nicht.“ Das Grauen, das unsichtbar bleibt, ließe sich schlecht verfilmen und bebildern, aber im Hörbuch kommt es vollgültig zur Wirkung, erst recht, wenn der Vorleser Jens Wawrczeck heißt. Seine Stimme (vielen bekannt aus der ungeheuer erfolgreichen Hörspielserie „Die drei ???“) ist kein Wohltöner-Organ, das für Produkte werben könnte, die das komfortable Fahrgefühl im Leben steigern. Sie klingt spitz und etwas kratzig, wie geschaffen für eigenwillige, hintersinnige Charaktere.

Was hat es mit dem Horla auf sich?

Mit „Vorlesen“ ist das, was Wawrczeck, unterstützt von drei Musikern, auf der Bühne des Glaspalast-Theaters in Berlin abgeliefert hat, im Übrigen nur unzulänglich bezeichnet. Er macht sich ganz zum Medium des Textes, wird selbst zum Gehetzten, spielt virtuos mit den Untertönen der Verzweiflung, Angst und Hoffnung – und versteht sie in verschiedener Dosierung zu mischen. Bereits dem ersten, gutgelaunten Satz des Tagebuchschreibers – „8. Mai. Nein, ist der Tag schön!“ – gibt er eine nicht ganz glaubwürdige Emphase bei. Klingt das Luftholen hier nicht schon eher nach einem Luftschnappen?

Viele Sätze der Erzählung sind mit Ausrufezeichen versehen, aber Wawrczeck liest sie so, als wären es zugleich Fragezeichen. „Eine kleine Reise wird mich ohne Zweifel wiederherstellen“ – auch diese Bemerkung kommt eher ächzend daher, und wenig zuversichtlich folgt gleich darauf ein disharmonischer Harfenakkord, als würde eine unsichtbare Hand die strapazierten Nervenstränge selbst zum Vibrieren bringen. Zu der Harfe Maria Todtenhaupts gesellen sich bei der inszenierten Live-Lesung unter der Regie Kai Schwinds noch das ungut sägende Cello Anne Müllers und das Keyboard Martin Stelzles, der die so dezente wie atmosphärische Unheilsmusik komponiert hat.

Was aber hat es mit dem Horla auf sich? Das Kunstwort klingt wie „hors la“ – „da draußen“. Womöglich gibt es auch einen Anklang an die Schreckenskrankheit des neunzehnten Jahrhunderts, die Cholera, aus deren Verheerungen die moderne Epidemiologie erwuchs.

Live-Reportage der Angst

Es würde passen zu jener Erklärung seines Leidens, auf die der Erzähler in einer wissenschaftlichen Zeitschrift stößt. Mit fiebriger Neugier liest er von einer geheimnisvollen Krankheitswelle in Brasilien: „In diesem Augenblick wütet in der Provinz São Paulo eine Art epidemischer Verrücktheit, die man mit den ansteckenden Krankheiten vergleichen muss, von denen im Mittelalter die Völker Europas heimgesucht wurden.“

Die Menschen dort, heißt es, verließen verstört ihre Dörfer, weil sie sich verfolgt fühlten von unsichtbaren, vampirartigen Wesen, die ihre Wirte aussaugen und außerdem Wasser und Milch trinken. Da schwant dem Tagebuchschreiber das ganze Unheil: Ist doch vor einiger Zeit ein „wunderschöner brasilianischer Dreimaster“ unter seinem Fenster die Seine heraufgefahren.

Dass das Schöne Verderben bringe, ist ein uraltes Motiv, und uralt ist das vorzeitliche Wesen, das nun zurückgekehrt ist in die Welt und dessen Benennung der Höhepunkt der Lese-Performance ist: Immer wieder stockend, nähert sich Wawrczeck dem Unaussprechlichen, der Chiffre des unsichtbaren Grauens an. Um dessen Namen endlich in einem fast tonlosen Schrei aus seiner verengten Kehle zu pressen: „Der Horla . . . der ist’s . . . der Horla . . . ist hier.“ Von hier führt der Weg abschüssig in Wahn und Verderben.

Er selbst sei ein ängstlicher Mensch, hat Jens Wawrczeck gesagt. Deshalb empfinde er seinen Schauspielerberuf als Glück, weil er dadurch gezwungen werde, sich immer wieder „aus dem Angstloch“ herauszuwagen. In seiner fabelhaften „Horla“-Lesung kehrt er zugleich die Blickrichtung um. Sie hört sich an wie eine Live-Reportage aus dem Angstloch.

Guy de Maupassant: „Der Horla“. Lesung von Jens Wawrczeck. Audoba Goldbek Records, Hamburg 2020. 1 CD, 77 Min., 15,– .

Quelle: F.A.Z.
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