Krimi von Robert Swartwood

Töten tut sie eher so nebenbei

Von Kai Spanke
12.04.2021
, 21:41
Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas: Dieser Slogan gilt nicht für Robert Swartwoods Roman, in dem das Spielerparadies zum Ausgangspunkt einer Gewaltkaskade wird.
Pulp Fiction: Robert Swartwoods Thriller-Heldin Holly Lin ist eine hartgesottene Kampfmaschine. In ihrem erstem Auftritt prügelt und schießt sie sich wie in einem Actionfilm durch Las Vegas und Paris.

Es gibt etliche Krimis, die literarisch bemerkenswert, aber langweilig sind. Sie richten sich vor allem an Leser, denen zu viel Unterhaltung verdächtig vorkommt. Auf der anderen Seite stehen jene Gangster- und Detektivgeschichten, die nicht hoch hinauswollen, dafür allerdings so viel Spaß machen, dass man bei der Lektüre fast in Verlegenheit gerät. Solche Bücher werden oft mit dem Label „guilty pleasure“ versehen, um hervorzuheben, dass die eigene ästhetische Urteilskraft noch funktioniert: Ich verteidige meinen Geschmack und entschuldige mich zugleich für ihn, denn eigentlich ist es ja gar nicht mein Geschmack, obwohl er es irgendwie doch ist und so weiter.

Der amerikanische Autor Robert Swartwood, Jahrgang 1981, produziert mit spielerischer Leichtigkeit Guilty-Pleasure-Romane. Er zieht alle Schundregister, lässt Klischees nicht nur anklingen, sondern breitet sie genüsslich aus, bedient Fetische und hat sich mit Holly Lin eine Heldin ausgedacht, die überlebensgroß erscheint. Im ersten Teil der bislang dreibändigen Reihe lernen wir die achtundzwanzigjährige Frau, deren Vorfahren aus Japan und China stammen, als hartgesottene Kampfmaschine kennen. Selbstauskunft: „Das Leute-Töten, die geheimen Regierungsaufträge, die mache ich eher so nebenbei und behalte das für mich.“

Narrative Überdosierung

Offiziell arbeitet Holly als Nanny. Sie hütet die Kinder ihres Chefs Walter, der beim Pentagon angestellt ist und ein Antiterrorprogramm leitet. Teil seines Teams wurde sie hinter Gittern: Im Irak war sie als Soldatin stationiert und hatte den Vergewaltiger einer Kollegin erstochen – nicht versehentlich, sondern vorsätzlich und ausgesprochen diszipliniert. Hinterher ärgerte sie sich. Zu schnell sei das gegangen, viel brutaler hätte sie etwaige Informationen über weitere Verbrechen aus ihm herausfoltern müssen.

Während amerikanische Novellen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in sogenannten Pulp-Magazinen veröffentlicht wurden und als B-Ware gelten, Einfluss auf filmische Darstellungsweisen hatten, ist wiederum Swartwoods Orientierung am Actionkino unverkennbar. Auf den ersten siebzig Seiten von „Holly Lin: Ohne Ausweg“ geht es so atemlos zur Sache, dass anschließend eine erzählerische Vollbremsung nottut, um die Nerven des Lesers nicht zu überreizen. Schlägereien und Verfolgungsjagden, Schießereien und Kollateraltote, Waffenkunde und markige Kommentare: Swartwood erweist sich als Freund narrativer Überdosierung.

Rettung in letzter Sekunde

Nahkampfszenen schildert er ähnlich anschaulich, wie es Lee Child zu seinen besten Zeiten getan hat; Schusswechsel serviert er uns in einer sprachlichen Magerstufe ohne Brimborium: „Die Männer springen sofort auf und greifen nach ihren Waffen. Ich versenke zwei Kugeln im Kopf des ersten und noch mal zwei Kugeln im Kopf des anderen.“

Aus Hollys Perspektive erscheint die Welt wie eine Bühne, auf der sich Ereignisse in schneller Folge und hochaufgelöst überschlagen. Den Kniff der sprichwörtlichen Rettung in letzter Sekunde beherrscht Swartwood ebenso souverän wie die Kunst, allem, was die Heldin tut oder wahrnimmt, das Flair akuter Dringlichkeit zu verleihen: Aufgepasst, sagt der Roman pausenlos, hier könnte die Protagonistin sterben oder dem Tod von der Schippe springen, je nachdem.

Tadellose Popcorn-Unterhaltung

Und der Plot? Holly soll einem Terroristen in Las Vegas einen USB-Stick mit wichtigen Daten entwenden. Das klappt. Später will sie eine illegal eingewanderte Mexikanerin, die zur Prostitution gezwungen wird, retten. Auch das klappt, wobei die Dinge bald darauf außer Kontrolle geraten. Als Nächstes macht sie in Paris Jagd auf die Nachfolgerin des Terroristen. Von da an verbinden sich die Stränge der Story zu einem mit epischer Tragik getränkten Gewebe, an dessen Schluss furiose Action und Verdruss stehen.

Einmal bemerkt Walters Tochter nach einem Kinobesuch: „Nur weil alles gut geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass es ein Happy End ist.“ Das gilt auch für den Auftakt der Holly-Lin-Reihe, mit dem Robert Swartwood gewiss nicht in den Krimi-Olymp einziehen wird, aber zeigt, wie tadellose Popcorn-Unterhaltung zwischen zwei Buchdeckeln auszusehen hat.

Robert Swartwood: „Holly Lin – Ohne Ausweg“. Aus dem Englischen von Kalle Max Hofmann. Luzifer Verlag, Drensteinfurt 2021. 368 S., br., 13,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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